Diese Versicherung spaltete sich in dem Gefühl des Empfängers. Der angegebene Zeitpunct schmeichelte, ob auch unbestimmt, seinem fordernden Herzen; doch das Unmaß von Weh, wovon der leichte Sinn dieses harmlosen Wesens betroffen worden, deutete wahrscheinlich nur auf einen Schlag des Schicksals hin, der zur Zeit seine eigenen Empfindungen unterdrückte. Seine Zunge war für einen Moment gelähmt, dann sagte er: »ich glaubte nicht, daß der Verlust eines Mannes, den Sie eigentlich nur dem Namen nach besaßen, Sie bis zu diesem Grade außer Fassung bringen könnte, da es nur auf Ihre Neigung ankommen würde, jenen hohlen Besitz zu behalten.«
Therese seufzte aus voller Brust und dachte: »am Ende nimmt er es wohl übel, daß ich traurig bin? – O über die Männer! ihre Eigensucht findet sich sogar durch die Aufregung beleidigt, welche Derjenige verursacht, der allen irrdischen Wallungen ein Ziel setzt! –« Sie antwortete: »als Constanz zurückkehrte – o Gott! wann kam er denn? da hätte ich im Voraus wissen können, was mir begegnen würde. Mir war so kalt und schauerlich zu Muthe, als ob der Tod mich in seine Arme schlösse. Nun ging es holter, polter fort. Unerbittlich für den Wunsch der Seinen, gönnte er mir kaum Zeit, mich zu fassen, da das Scheiden vom Stift mir sehr schwer fiel. Dort ist mir wohl gewesen, sehr wohl! kleine Uebelstände etwa abgerechnet, die gegen so vieles Gute nicht in Betracht zu ziehen sind. Mit freundlicher Vernunft ließ der Schwager mich gewähren, und mir kein Härchen krümmen. Er war mir ein Bruder, wahrhaftig ein Bruder! und Ihren Oheim, ja den Major, habe ich wie einen Vater geliebt!«
Sein Neffe lächelte kühl, wie mit der Indolenz eines dankbaren Vetters, denn die Wärme, womit Therese des Administrators erwähnte, that der Wirkung jenes kindlichen Gedankens Eintrag.
»Der Morgen, wo wir von Sanct Capella abreiseten,« fuhr sie fort, »war mir schrecklich. Die ganze Welt kam mir verändert vor, so auch mein Mann. Ich war wirklich ein wenig einsiedlerisch geworden – und der Gedanke, mich wieder in seine umherfahrende Weise einzurichten, widerstrebte mir. Unbeschreiblich abgemüdet, mehr am Geist als am Körper, langte ich hier an. Erlassen Sie es mir, daß ich Ihnen von der kurzen Krankheit erzähle, die den armen Constanz binnen wenig Stunden hinabwürgte; ich bin es nicht im Stande. Und wäre er mein Feind gewesen, und nicht mein Mann, ich hätte gern, als es ihm an Luft gebrach, den Athem meiner Brust ihm einhauchen mögen.« Ein langer zitternder Seufzer, aushaltend in sprachlosem Schmerz, schloß diese Rede.
»Ich glaube Ihnen –,« sagte Rudolph bewältigt. Doch von seinem Standpunkt aus, und nach der Behauptung jenes Kenners der menschlichen Seele, dessen genialem Blick diese dunkle Substanz durchsichtig war, so daß er ihre tiefsten Geheimnisse an das Licht brachte, wie zum Beispiel eine beschattete Stelle der Theilnahme, die da lautet: denn nichts scheint Denen trübe, die gewinnen –, setzte er hinzu: »jenes Bild des Grauens wird sich mildern, theure Therese. Wie sollte, wenn die Vorstellung des Todes haften bliebe, der Soldat bestehen, der ihn mit all seinen Schrecken ertragen, und in furchtbarer Masse sehen muß, ohne daß er bei diesem Anblick zagen dürfte? Ein stärkeres Gefühl bezwingt ihn. Mein süßes Leben! beruhige Dich! jetzt bin ich da.«
Ein Blick innigster Schutzversicherung ward zwischen ihnen gewechselt. Und mit dem schüchternen Aufschluchzen überwundner Aengste sagte Therese: »ich bin kein Held, lieber Freund! und mich in einer so ganz einzigen Lage zu benehmen, fehlt es mir an Umsicht, wie an Erfahrung. Mich mit dem Nachlaß des Verstorbenen zu befassen, ist mir rein unmöglich. Ich glaube, ich könnte die größte Erbschaft wegschenken, um nur nicht davon reden zu hören.«
Der Lieutnant lächelte wundersam in sich hinein. Und Therese sprach weiter: »ein feiner Mann vom Corps Diplomatique war bei mir, dem ich das Portefeuille meines Mannes aushändigen mußte. Ich wußte nicht, ob ich recht daran gethan, und ob nicht noch andere als staatsgeheime Papiere darin gewesen? – Wäre nur der Schwager hier? ich habe einen Brief an ihn angefangen – dort liegt er noch. Als ich mich dazu sammeln wollte, kam ein Sammelbruder, wie denn überhaupt Störungen begehrlicher Art hier unvermeidlich sind. – Die Gedanken versagten mir, kein Wort wollte aus der Feder fließen; aber Thränen sind genug auf das Papier geflossen.«
»Ich schreibe an den Major –« sagte der Lieutnant mit nachholender Hast, »heute noch! sogleich. Wir senden eine Estafette. Der Administrator muß her. Doch dürfte es bei der großen Entfernung eine ziemliche Weile dauern. O Therese, Muth gefaßt, holde Freundinn! es werden bessere Tage kommen; dann sind diese ein beklemmender Traum gewesen. Mir war, als hätte ich auch geträumt – aber feenhaft, und meine Zukunft wäre verwandelt. Ich wüßte Ihnen Gutes zu erzählen; allein es deucht mir unzart, daß ich in diesen Augenblicken von mir spräche, und von irgend einem andern Glück als dem, zu Ihrer Beruhigung beitragen zu können.«
Therese athmete erleichtert auf, reichte ihm herzlich die Hand und sprach: »so wäre mir denn geholfen; zweifeln Sie nicht, daß Ihre Gegenwart die größte Wohlthat für mich ist. Aber noch ist mein ganzes Wesen so von Furcht und Beben eingenommen, daß ich die Hoffnung nicht zu fassen vermag, ich würde mich wieder einmal freuen können. – Es ist mir, als begäbe sich der Trost, daß ich Sie sähe, nur im Fieber. Ihr Bild wankt vor meinen Augen, eine so jähe, so erschütternde Veränderung läßt uns fühlen, daß nichts Bestand hat. Und die Angst zuckt schreckend durch meine Glieder, ich könnte erwachen, und Sie wären verschwunden.«
»Nein ich bleibe!« rief der junge Mann mit fester Innigkeit, und der Ton entschiedenen Selbstvertrauens steigerte sich zur Leidenschaft, da er hinzusetzte: »ich bleibe ewig Ihr treuester Freund! und eher mögte ich mich wohl selbst verlassen, als von dem Platze weichen, auf den himmlische Gunst mich gestellt hat. – Ist es ein Zufall, daß wir uns in Polen, im Stifte, und nun hier, in öder Weite, abgerissen von allen vorigen Beziehungen, gefunden haben? Eine unsichtbare Hand hat uns verknüpft, Therese! ich halte meinen Schwur, und der Himmel selbst scheint es zu wollen.«