»Constanz –« flüsterte Therese, »wird mir auch sein Schatten zürnen?«

»Er war eine vermittelnde Macht zwischen uns –« entgegnete Rudolph, »sein Daseyn, nun nicht mehr begrenzt, erweitert sich für unendliche Wünsche. Ein Geist ist nicht engherzig mehr, daß er dem Liebsten, was die Erde für ihn hatte, einen Strahl von Seligkeit, die Liebe! mißgönnen sollte. Aber Therese – Sie sind krank, und ein Wunder ist es nicht. Wenn ich Sie nur besser aufgehoben wüßte, in weiblich schicklicher Pflege. Der Gasthof ist kein Asyl für eine Leidtragende. Nun, morgen wird es anders seyn. Ich schreibe die Nacht hindurch, und mit Anbruch des Tages lasse ich meinen Boten fliegen.«

Jetzt trat Füßli ein. Die Schwermuth der Dienstpflicht, von der er zurückkehrte, beugte ihn sichtbar, ein Grabeswehen düsterte um die beflorte Gestalt, und die Citrone in seiner Hand, deren Poren im Ausdruck starken Schmerzes lind geworden waren, hauchte einen leisen, bangen Geruch aus.

Eine wunde Röthe floß mit der Blässe Theresens zusammen, als sie den Diener ansichtig ward, an den sie während dieser Scene mit keiner Sylbe gedacht hatte. Und auch das erdfahle Gesicht des ehrlichen Schweizers überzog sich mit der Farbe der Empfindlichkeit, da er den fremden Offizier erkannte. »Füßli!« sagte Therese mit weichem Tone, »dieser Herr, ein naher Verwandter des Major von Feldmeister im Stift, wird so gütig seyn, in meinem Namen nach Sanct Capella zu schreiben, und Dir das Nöthige hierüber ertheilen.«

Der Diener verbeugte sich stumm, und indem seine Dame sich gleichsam zu einer Entschuldigung herabließ, über dies Zusammentreffen, wie über die Vollmacht, welche der Lieutnant von ihr empfangen, zwang eine zarte Stimme ihres Busens sie, sich solchergestalt gegen ihn zu erklären. – Wenn es eine Pflicht zu trauern giebt, so ist stumme Treue der beredteste Vorwurf. Wer sich schweigend härmt, versenkt in tiefen Gram, erhebt sich in jeder Sphäre über Den, der Ohr und Lippe dem Troste öffnet.

Rudolph ging bald darauf. Er beeilte sich, die Briefe zu schreiben, die keinen längeren Verzug gestatteten. Den folgenden Nachmittag wollte er wieder kommen, weil der Dienst ihn am Morgen nicht entließ.

Therese empfand sein Fortgehen selbst für die Frist einer kurzen Frühlingsnacht, und bei der Gewißheit seiner Wiederkehr, doch beängstend.

Füßli blieb stöckisch, und wartete mit finsterer Unterwürfigkeit seines Dienstes. O! warum kann keiner sehnenden Seele Erquickung zu Theil werden, ohne daß die Mißgunst irgend einen erbitternden Tropfen dazu mischte? – Vor Allem stehet der Genuß auch der schuldlosesten Liebe unter diesem weltlichen Fluch. Sie ist das himmlische Feuer, dessen Raub mit jener Strafe gebüßt wird, die sich täglich erneut. – Der Freundschaft – und ist diese weniger ätherischen Ursprungs? – wird ihre schmelzende Kraft eher verziehen. Sie – »die Freundschaft hat Stufen, die am Throne Gottes durch alle Geister hinaufsteigen, bis zum Unendlichen!« So hoch kann der gewöhnliche Begriff sich nicht erheben. Aber Liebe, hienieden gefühlt, erscheint den Menschen oftmals niedrig. – Und nicht immer sind die Beweggründe Derer rein, die im unberufenen Zweifel, ob ein Verhältniß lauter sey, ein Herz in Flammen läutern. – Hätte der Major anstatt seines Neffen sich zum Beistand Theresens gefunden, der Diener ihres verstorbenen Gemahls würde ihn gesegnet haben; der junge hübsche Offizier, der ihren Schuh sogar erkannt – war ihm ein Dorn im Auge.

Schon hatte Therese am folgenden Tage ihres Freundes geharrt, und die Minuten, welche er zögerte, berechnet, als Rudolph kam, und wie es schien im Drange einer willkommnen Nachricht.

»Ich habe über Sie verfügt –« sagte er mit einem offnen Blicke, und hörbar knitterte seine Hand ein Blatt Papier in der Tasche, was er aber stecken ließ, als bedürfe es zwischen ihnen des Beweises nicht, »werden Sie mir das Zutrauen verleiden, daß ich es durfte?«