Therese bat ihn, mit einer Miene der Vorausbilligung, niemals ungewiß darüber und jetzt deutlicher zu seyn.

»Hier können Sie nicht bleiben, mein süßes Kind!« sprach der Lieutnant, und dieser zärtliche Zusatz sänftigte den taktischen Ton, der die Vermuthung anschlug, dieser Feldmeister von Theresens Gegenwart werde sich, als ehelicher Feldherr ihrer Zukunft, gar wohl zu benehmen wissen. – »Selbst meine Besuche,« fuhr er fort, »würden einem ärgerlichen Aufsehen nicht entgehen, und ich – ich leugne es nicht – bin empfindlich gegen die öffentliche Meinung. Lieber aber mögte ich einen Flecken an meiner Ehre dulden, oder in der Pupille meines Auges, als daß Ihr Ruf, theure Therese! durch mich, und wäre es um den leisesten Hauch eines Wortes – verdunkelt würde. Da ist mir denn guter Rath nicht über Nacht, nein! gestern Abend schon gekommen. Eine Anverwandte von mir, die Besitzerinn eines hübschen Landgutes in hiesiger Gegend, und eine so wackere Frau, daß ich wohl manche weibliche Tugend neben der harmlosesten Gutherzigkeit an ihr verehre, ist freundlich bereit, Sie bei sich aufzunehmen. Meine Tante ist in jedem Sinne wie von Milch genährt, und der Aufenthalt bei ihr ganz geeignet, den Affect der Betrübniß herabzustimmen. Sie werden –,« dies setzte der Lieutnant mit einem gutmüthigen Lächeln hinzu, »Gelegenheit finden, sich zu beruhigen; ein Athem von pflegmatischer Behaglichkeit ist die Lebensluft dieses Hauses, und ich werde Fug und Recht haben, oft genug darin einzukehren.«

Es hätte dieses letzteren Antriebes kaum bedurft, um Theresen dem Vorschlag ihres Freundes geneigt zu machen. Das wilde Täubchen war völlig zahm geworden.

Füßli – so wurde beschlossen – sollte im Gasthof bei den Sachen bleiben, bis der Administrator in Person, oder doch Nachricht von ihm käme. Auch konnte von Seiten der Behörden noch irgend eine Forderung ergehen, zu deren Aufnahme Jemand an Ort und Stelle seyn müßte. Schon in einer Stunde – mit solch militairischer Kürze war dieser Aufbruch bestimmt worden – sollte die Equipage da seyn, worin Therese nach jenem Landgute abgeholt werden würde. Rudolph wollte sie zu Pferde begleiten. In fliegender Eil wurden nun die Anstalten zur Abreise getroffen. Therese säumte keinesweges, den Engel dieses Hauses zu verlassen, um dem zu folgen, den sie mit besserem Recht für den ihrigen, und für einen Boten des Himmels hielt. Sie zog den schwarzen Schleier über ihr Gesicht, und sich in den Hintergrund des Wagens zurück, so lange er durch das lärmende Getöse der Stadt rollte. Doch als auch das Geräusch der Vorstadt immer ländlicher wurde, bis endlich am letzten Häuschen die sausenden Räder an dem schwirrenden Rade eines Seilers vorüberflogen, der sein hartes Gespinnst durch die weichen Frühlingslüfte milderte, da bewegte diese Schnur Theresens Herz, und es schlug in der grünen Stille einsam wie eine Bilderuhr. – Wie sanft wallten die Saaten! wie weit vergoldete die Sonne den Gesichtskreis! in welcher erhabenen Ruhe mischte das Blaßblau eines fernen Amphitheaters von Bergen sich mit dem Horizont! – Die Natur senkte ihren malerischen Vorhang über Theresens Einbildungskraft, und den Tumult jener wüsten Scenen, denen sie entronnen war. Kein neugierig kalter Blick traf sie mehr, und hier und da fiel der ihrige auf ein unschuldiges Blumenauge, in der zarten Frische erster Färbung, und es schien mit Wärme zu sagen, daß es den Thau gar wohl kenne, der zu nächtlicher Zeit sinkt. –

Rudolph ritt nebenher, und zum erstenmale ein neues schönes Pferd, womit er ritterlich bei dem Geleit seiner trauernden Dame paradirte, und dessen charakteristische Uebermüthigkeiten sein Aufmerken erforderten. Therese saß allein in tiefen Gedanken. Wie wenig glich ihre dermalige Stimmung jener, in welcher sie einst nach dem Scheiden von ihrem Gemahl, in Begleitung seines Bruders, dem gastfreundlichen Kloster zuflüchtete. – Gänzlich unbekannt war ihr der Ort und die Person, denen sie nun eine schützende Aufnahme verdanken würde; aber sie überließ sich mit unbedingtem Vertrauen ihrem Führer. Die Gleichgültigkeit des Kummers und erschöpfter Kräfte, nahm dieser Hingebung auch das leiseste Bedenken. Das Fahren erinnerte sie an die jüngste Vergangenheit. Constanz lag nun still für immer. Welch ein kleiner bescheidener Raum genügte ihm zur langen Rast! sein ruheloses Leben voll glänzender Entwürfe war nun aus, wie ein fliegender Stern in Dunkelheit erlischt. Sie versetzte sich in die Empfindungen, welche sie bei seiner Ankunft und während der Reise gehabt hatte, und gestand sich, daß es Vorgefühle gebe. War die tiefe sehnende Ruhe, in welcher alle Aengste, alle Wünsche schwiegen, vielleicht Gewähr dafür, daß Furcht und Hoffnung nun erfüllt seyen? – Nie hatte Therese mit zarteren Regungen der Reue an Constanz gedacht, nie sein Verhängniß in so innigem Bezug auf ihr Gemüth empfunden; obzwar jeder Faden von Eintrag in dem Gewebe ihres gegenseitigen Lebens nun abgerissen war. Auch das Glück wird mit Buße getragen, nicht allein das Gefühl der Schuld und der Besitz, sogar der zu hoffende, giebt uns nicht selten erst eine vorwurfsvolle Schätzung dessen, was wir verloren haben. –

Der Abend begann, sich auf die Landschaft zu senken. Noch schwebte der feurige Sonnenball, jedes Lüftchen riß eine flammende Rose aus dem Kranz von Purpurgewölk, der Himmel glich einem Garten voll brennender Liebe. – Das Geläut der ziehenden Heerden vom frischen Anger scholl fernher, wie wandelnde Abendglöckchen, da der Tag sich neigte, und dieser friedsame begnügte Ton weckte ein traumhaftes Sehnen, dem Heimweh verwandt, in Theresens Seele. Wo war ihre Heimath auf Erden? Nirgend! – Als nun die Sonne hinunter war, die geschäftigen Schatten einschliefen, und ein dämmernder Duft sich über Feld und Wiese verbreitete, da erschien ihre selige Mutter vor Theresens träumenden Augen, und ihr überirrdisches Lächeln sagte: »mir ist recht wohl! laß mich schlafen, Kind!« Auch Constanz richtete sich auf, und seine gestorbene Gestalt blühete wie unter einem Veilchenschimmer, der vom violetten Schein der Höhen mit dem röthlichen Hauch noch nicht aufgebrochner Laubknospen zusammenfloß. Und der Abendwind flüsterte mit seiner Stimme: »ich habe nun Ruhe gefunden – was betrübst Du Dich?« Eine namenlose Wehmuth ließ Theresen wünschen, sie könnte auch sterben. – »Sterben? jetzt, wo ihrer treulosen Neigung nichts mehr im Wege steht?« frägst Du vielleicht meine Leserinn, und Deine Hand hebt den Stein des Anstoßes. Aber lasse mich den Zweifel Deiner Frage heben. Wisse! der Schmerz um Die, welche nicht mehr athmen, und das Entzücken des Lebens, die Liebe! mischen ihre tiefsten Einflüsse zu einem Quell, der verlangend strebt, sich in das Meer der Ewigkeit zu ergießen. In Beiden fühlen wir uns unendlich. So stirbt die Jugend leicht unter dem vollen Blüthenhang ihrer Hoffnungen; nur das Alter klammert sich fest an den entblätterten Stamm des Daseyns, hätte es auch nur bittere Früchte getragen. –

Bei einem Bug der Straße öffnete sich die Aussicht in ein reiches Dorf, von Obstgärten umgeben. Das Schloß, kein Rittersitz von architektonischem Prunk, nur ein stattlicheres Wohnhaus – lag kaum abgesondert und sehr freundlich.

Der Lieutenant rief in den Wagen: »Wir sind an Ort und Stelle, –« und bei dem ersten Hinblick auf die Fenster, welche ein Abglanz der Abendröthe in saffranfarbenem Mattgold erhellte, spürte Therese jenes Bangen, welches uns Frauen mehr oder minder vor dem Eingehen in ein neues Verhältniß ergreift, oder, was oft gleichbedeutend ist – wenn wir uns dem Ziele einer Reise nähern.

Der Spiegel eines schöngeformten Teiches dicht vor dem Schlosse, am vorderen Rande von einer Brustwehr eingefaßt, und zu beiden Seiten mit weißen Gartenbänken versehen, strahlte das schwache Geflimmer einzelner Sterne zurück, und daneben den leuchtenden Vollmond des runden, rothen Gesichts einer Dame, die über das Geländer gelehnt, Karpfen fütterte. Die auftauchenden Fische zogen dunkle Kreise über die glatte Wasserfläche, worin das Schloß winkte und wankte; die Dame aber wich nicht von ihrem Platze, und war so vertieft in ihre speisende Lust, daß sie den Wagen nicht kommen gehört hatte. Schweigend hob der Lieutnant Theresen heraus, und sie gingen dem Teiche zu. Die Dame wendete sich um – erleichterten Herzens erkannte Therese die Baroninn Lenau in ihr. Und jetzt wußte sie auch auf einmal, daß Rudolph schon im Stift ihr diese Verwandte genannt, und von ihr erzählt hatte.

Die Baroninn schien mit dem Begriff der Nahrung völlig identisch zu seyn. Ihre Gestalt war wie die Fülle von Gottes Segen, ein angeschnittnes Brod lag in ihrem derben Arm, und das Messer blickte nur wie zum Spott der ihr eigenthümlichen Milde, womit sie nie eine andere Schärfe handhabte. – »Sieh da!« sagte die Baroninn sichtlich erfreut, »mein einladender Wunsch kam von Herzen, und ist deßhalb zu Herzen gegangen – wenn gleich auf einem kleinen Umwege –« setzte sie mit einem Lächeln vergnügter Schlauheit hinzu.