Diese einfachen Worte, und eine begrüßende Umarmung ließen Theresen fühlen, wie herzlich es mit dieser Aufnahme gemeint sey.
Rudolph hatte nicht nöthig, das Kleinod seiner Sorge der gütigen Tante werth und wichtig zu machen, welche liebreich es in Gold fassen mögen.
Die Baroninn hielt in einer einfachen neidlosen Denkweise die Schönheit für einen Empfehlungsbrief ihres Schöpfers, und das Unglück für ein heiliges Recht. Sie benahm sich, diesem Glauben zufolge, so, daß Therese sich wie im Himmel fühlte. Selbst ihr Aufenthalt im Stift, wie geneigt wir auch sind, das Vergangene zu überschätzen – war von mancher Seite für sie und für manche kleine Blöße schonungsloser gewesen, als der gastfreie Schirm dieses Hauses. Die Baroninn war nicht minder ein Muster der Wirthlichkeit, als Du, häusliche Fabia! aber dies hausmütterliche Walten war ihr ein rühriges Vergnügen, ein vorbereitender Genuß, kein werkthätiges Verdienst, was sich geltend machte. Sie war auch fromm; doch ohne selbstgefällige Strenge. Ihr Christenmuth war kein abtödtender und absondernder Stolz, sondern guter Muth, und deshalb ein tägliches Wohlleben, wie die Schrift sagt. Die fröhliche Zutraulichkeit zu Gott, womit sie sich des Besten von ihm versah, belohnte sich durch Zufriedenheit mit allen Menschen. Sie ließ die ganze Welt gewähren – und Wer jemals unter intoleranten Bekehrungs-Versuchen gelitten, weiß diese köstliche Eigenschaft zu würdigen. Allein auch Therese hatte sich geändert, nicht nur, daß ihre Umgebung eine andere war. Wir dürfen es zudem rühmlich voraussetzen, daß Frau Fabia sich der verwittweten Schwägerinn gewissenhaft angenommen haben würde. Theilnahme an widrigen Erfahrungen ward nimmer bei ihr vergebens gesucht; nur der Mitfreude war dies verschlossene Gemüth nicht fähig. Ihre Tugenden schmeckten alle, – wenn dieser Ausdruck nicht profan wäre – ein wenig nach dem Essig vom Kreuz. So versüßte sie Niemandem das Leben, und selbst das Gute, was sie erwies, blieb nicht ohne eine säuernde Mischung. – Die Baroninn dagegen war ein christlich-weiblicher Epikur; ihre Glückseligkeitslehre lief auf unschädlichen Genuß hinaus, den keine Verbitterung trübte. Sie schlürfte Geist des Lebens mit jedem Athemzuge, und wandelte das reine Element in stärkenden Wein. – Einer Therese mußte dieses System freilich besser zusagen. Jener anmuthige Leichtsinn zwar, der zu so vielen Mißhelligkeiten zwischen den Schwägerinnen Anlaß gegeben, trug nunmehr einen Flor von Melancholie, der ihn niederhielt; doch wäre ihr bewegliches Naturell auch nicht durch diesen zarten Ueberhang von Trauer gehalten worden, das Geheimniß jener wunderbaren Gegenwirkung Anderer auf uns, würde hier, wo im Umgange einer frohsinnigen Matrone nichts von der jungen Frau gefordert ward, als daß sie sich erheitern möge, Theresen zu einem soliden Ernst für Pflicht und Nachdenken gestimmt haben. Und endlich die Hauptsache! welch eine scharfe Ehrenwächterinn war ihr Fabia gegen den Blick eines Mannes gewesen! wie kränkend hatte jenes wachsame Auge auf jeden Schatten gedeutet, wenn der wohlwollende Schwager die Schwächen von Constanz reizender Gattin in allzugünstigem Lichte zu betrachten schien! Und welcher stummen aber richterlichen Rüge war die bemerkte Leidenschaft Rudolphs verfallen! und wie streng war das Urtheil, was über den aufmunternden Gegenstand seiner strafbaren Flammen erging! – Die Baroninn gönnte das menschliche Glück, zu gefallen, von ganzem guten Herzen so gern, ohne deßhalb eine liebenswürdige Frau für einen gefallnen Engel zu halten. Jeder Vorzug, den Therese besaß oder empfing, schien ihr natürlich. Sie fand die öfteren Besuche des Lieutnants, die Begeisterung für sein Schutzamt, ganz in der Ordnung und rechtmäßig. Sie schalt, wenn er eine Stunde länger ausblieb, als zu erwarten gewesen, und Therese vertheidigte lächelnd den Freund, der sich zu ihr bekennen, und die Wirksamkeit ihrer anziehenden Kräfte beweisen durfte.
Der junge Mann war seiner Tante sehr ehrenwerth und ein Schooßkind des Geschicks; – den Neigungen der Günstlinge aber wird geschmeichelt, und vielleicht war die Baroninn es sich kaum bewußt, daß sie die Güte der Gottheit verehrte, indem ihre eigene ein Verhältniß heiligte, was außerdem dem Bannstrahl der Welt schwerlich entgehen können.
Und da wir Theresen einstweilen so wohl aufgehoben wissen, wenden wir uns nach Sanct Capella zurück.
An einem milden Abend jener Zeit, in welcher wir die abwesende Therese begleitet haben, befand Schwester Veronica sich mit Josephinen in demselben großen Zimmer, worin unsere Erzählung anhebt. Sie saßen feiernd am offnen Fenster einander gegenüber. Tiefe, ernste Dämmerung herrschte in dem bewohnten Raum, in schattigen Umrissen zeigten sich alle Gegenstände; die Miene des Reformators war nicht mehr kenntlich, und nur der Rahmen seines Bildes warf einen zweifelhaften Strahl in das uranfängliche Düster.
Fabia, welche die sogenannte Dunkelstunde nicht liebte, wie man dies – beiläufig gesagt – meistens bei Personen von vorwaltendem Verstande und äußerer Thätigkeit findet – war in die Familie eines der Unterbeamten des Stiftes berufen worden, wo eben ein Lebensfunke erlöschen wollte. Ein liebholdes Kind, das einzige der Eltern, lag im Sterben. Man hatte die Schwägerinn des Administrators, deren Umsicht und christliche Gemüthsfassung geachtet war, zum Trost der Mutter herbei geholt, und noch sollte sie aus der Wohnung des Jammers wiederkehren. Von diesem Fenster aus war jene Wohnung in einem der klösterlichen Seitengebäude zu übersehen, und von dem wankenden Lichte da unten schwebte der stille Schatten des Todes herauf um die beiden Gestalten. Draußen aber pulsirte das warme Leben der Natur, und das Firmament flimmerte frühlingskräftig. Prachtvoller hatte die Nacht ihren Bogen nie gewölbt; die grüne Erde, gestickt mit Thauperlen und einer Milchstraße von Blüthen, schien dunkelblau, und nur ein tieferer Himmel.
Veronica hing mit verklärten Zügen an der überirrdischen Welt, die – nach einem poetischen Gleichniß – wie eine heilige Nonne verschleiert aus dem Sprachgitter der Sterne blickte; Josephine hing das Köpfchen auf den Busen. Beide hatten bisher geschwiegen. Jetzt sagte die Erstere, wie in sich selbst zurücksinkend: »ich will doch warten, bis Frau Fabia kommt, obgleich ich kaum zweifle, welche Kunde sie uns bringen wird. – Die arme Mutter! noch schwach und angegriffen von einer schweren Krankheit, wäre es viel, wenn sie es ertrüge, daß ihre süße Blume gebrochen da liegt!«
Josephine lächelte sanft und sprach: »ich, liebe Veronica, kann das Sterben nicht so sehr bedauern. Es hebt uns leise empor über alles Schwere, und stillt unsre Sehnsucht. Muß uns Jemand sterben, müssen wir erst traurig werden, um diese Sehnsucht zu empfinden? mir erregt sie der auflebende Frühling, die Freude sogar. Ihnen, liebe Veronica, darf ich es gestehen: es gehet mir wohl, worüber hätte ich mich zu beklagen? und doch ist mir zuweilen so weh zu Muthe, daß ich es nicht zu beschreiben wüßte. Aber um alles Glück der Welt mögte ich dieses wehmüthige Gefühl nicht tauschen.«