»Mein Kind,« antwortete die Nonne, und die geistliche Jungfrau nahm in ihrer Seelenreine keinen Anstand, ein mütterliches Bild für ihre Erklärung anzuwenden, »das sind die jugendlichen Wehen des Herzens, aus denen der Mensch in zartester Bildung hervorgeht, und die Liebe, ein Kind ihres Schöpfers, wird zum Licht geboren.«
Hier rauschte der Wind, wie jener Geist, von dem man nicht weiß, von wannen er kommt – und ein zartes Erröthen Josephinens barg sich unter dem dunkeln Flügel der Luft. Mit einem linden langen Odemzuge sprach das Mädchen: »ach, und der Frühling! das lichte Weiß seines ersten Blümchens, sein Blüthenschnee, das rinnende Gewässer, kommt mir wie der reine Glanz eines Engels vor, der am Grabe der Natur: Auferstehen! singt, und die Erde gleichsam heiligt. Ein seliger Schmerz durchdringt meine Seele, ich liebe Alles, was mir angehört, inniger aber sehnsüchtig. Das Künftige zieht mich zu sich heran, und von dem Gegenwärtigen kann ich nicht lassen.«
»Und wenn nun,« fuhr Schwester Veronica fort, »die Farben aufglühen, und wie Töne zusammenklingen, so daß Eine Stimme der Unsterblichkeit uns vernehmlich wird, wenn alles Leben sich erneut und verjüngt, dann feiern wir das Gedächtniß der Todten, und die Sonne bescheint den Tag aller Seelen, der in den Frühling gehört und nicht in den Herbst, zur trüben Zeit, wo die letzten Blätter fallen. Nie habe ich für meine Verstorbene inbrünstiger gebetet, und ihre versunkenen Denkmale wieder aufgerichtet in meinem Gemüth, als wenn ich zum erstenmale den frischen Sproß des Grases aus ihrer Asche grünen und blühen sah. – Ich verstehe wohl Dein Gefühl, aber das meinige kannst Du noch nicht fassen. Die Jugend reißt der warme Strom des Lebens mit sich fort; doch das Alter steht am Ufer der Zeit, worin so mancher Wunsch einwinterte und erstarrte. Jenseits strecken die Vorangegangenen ihre Arme nach uns aus, und der Blick ihrer Nähe zieht uns zu ihnen hinüber.«
»Nein, nein!« rief Josephine lebhaft und ängstlich, und faßte das Gewand der Nonne wie ein Kind, was die davoneilende Mutter an diesem schwachen Stoff zu halten meint, »es ist, als ob dieser Gedanke schon Sie mir entzöge. Auch reißt mich nichts hinweg – diese Möglichkeit könnte ich nur fürchten, doch mich ihr willig hingeben? nie! o nie! – Als ich Sie am Sonntage auf ihrer Violine phantasiren hörte – ich saß auf der Bank im Klostergarten – war es mir, als ob ein Himmel unaussprechlicher Empfindung auf mich niederschwebte. Ich mußte weinen, und wußte doch nicht warum? Ich dachte, wie so mancher dieser entzückenden Klänge in den Mauern Ihrer Zelle schliefe, und daß, wenn einst ein Herz voll Liebe darin klopft, es diese Capelle aufwecken würde, um ihrer Heiligkeit und Ruhe theilhaft zu werden. Wer wird einst dieses Weihestübchen bewohnen? – O laß mich ruhn an dieser lieben Stelle – bat ich den lieben Gott. Wenn ich aber dennoch scheiden müßte –« ihre Stimme versagte für einen Moment –, »so werde ich jene Töne, die mich über das Irrdische hinaus trugen, lebenslang mit dem Athem meines Herzens tragen, und in diesem Herzen Alles, was ich hier geliebt, und für wenig Anderes wird Raum darin seyn.«
»Mein trautes Kind!« rief Veronica in einem Ausbruch der Rührung und Güte, »Du sollst meine Zelle erben, ich verspreche es Dir. Und meine Bücher, meine Blumen – die Violine, den Ring –: Alles, was ich habe. Es ist mein liebster Wunsch, daß Du mir die Augen zudrückest. Dann werde ich –« setzte sie leise hinzu, »wie eine Nonne sterben, von der man sagt, daß der Engel jungfräulicher Frömmigkeit sichtbar wird, wenn sie verscheidet – und wie eine Mutter zugleich. Du weinst, Josephine? es fiel ein Tropfen, und Deine Wange ist feucht. Beruhige Dich, Herzenskind! nimm Deine Guitarre, und singe mir ein kleines Lied, es ist lange nicht geschehen. Du fühlst sehr wahr: die Musik ist ein religiöses Geheimniß, und nicht auf Erden geboren. Die Töne, welche aus der innersten Fülle der Seele quellen, sind himmlische Eingebungen und die Sprache der Geister. So soll das ganz einzige Spiel des großen Violinisten – ich hätte ihn hören mögen – etwas Dämonisches gehabt haben, und alle Schönheit seines Vortrages würde mir höchstens nur gewesen seyn, als ob ich empfände, wie die Kunst verzweifelt. Nein! selbst Paganini hätte meine cremoneser Geige nicht erben dürfen; sie ist nur Dein Vermächtniß – keines Andern. Und wenn ein Zufall den Bogen zerbräche, und nur ein Seufzer Deines reinen Odems jemals über den stummen Steg hinstreicht: so ist ewige Harmonie darin, und das Werkzeug meiner innigsten Freuden kann schweigen und zerfallen, wie ich, oder wie Das, was lieblich an mir ist.«
Die Violine war – wie wir bemerken – eine schwache Saite dieser trefflichen Choristinn; eine Saite, welche leicht in nachtönende Schwingung gerieth. Sie wollte nächstdem das geschmeichelte Gefühl ihrer Virtuosität mit dem unerkünstelten Beifall vergelten, den sie den einfachen Melodieen ihres Lieblings zollte.
Josephine, gehorsam dem Wunsch der Nonne, lös'te das Instrument, ein Geschenk des Administrators, von der Wand, und griff einige Accorde. Dann setzte sie sich nieder, hob das schöne Auge aufwärts und sang mit jenem melancholischen Wohllaut der die tiefste Glückseligkeit anspricht:
»Kaum hat mit frischem Thau die Nacht
Des Himmels dunkle Au begossen,
So seh ich tausend Lilien sprossen,