Der Gräfinn Gesicht erbleichte zu Schnee, eine ängstliche Verwirrung sprach aus ihrer Miene. Sie richtete das Auge, voll eines sanften Lichtes, forschend auf Fabien, als wolle sie ihre dunkle Rede beleuchten. Ein krampfhaft leises Zucken regte sich nur auf ihren Lippen, als ob ihr die Kraft gebräche zu einer Frage, deren anschuldigende Beantwortung ihr das Herz brechen müßte.

Es lag etwas Versöhnendes in diesem stummen Hinnehmen. Gemildert sprach Fabia: »Sie wissen wahrscheinlich, daß ihr Herr Vater meinem seligen Manne den Tag vor ihrer Abreise von Bonna, eine Chatoulle in Verwahrung gegeben, darin dieser Familienschmuck befindlich seyn sollte. Den Schlüssel dazu hatten wir nicht bekommen. Mein guter Mann ward gleich darauf so krank, daß ich fürchtete, das Grab werde sich ihm zunächst öffnen. Doch er genas. Nach Jahren, in denen er sich, peinlich wie dieser Redliche nun war, mit Zweifeln getragen, die ich jetzt für eine Ahnung halten mögte, gab uns der Zufall den Aufschluß in die Hände. Wir fanden in dem Kästchen nichts von Schmuck, nur eine todte Perle –: den Leichnam eines Kindes, und ein blutbeflecktes Messer.« Hier hielt Frau Fabia mit einem durchbohrenden Blicke bedeutsam inne.

Aber nicht die Farbe der Blutschuld zeigte sich auf den Wangen der Gräfinn, nur jener zarte unschuldige Anflug, den ein schneidender Wind etwa in dem Kelch der weißen Rose entblößt. Sie lächelte kalt und sprach: »so hielten Sie vermuthlich davor, daß ein Zusammenhang zwischen beiden Dingen statt fände, der – mich schaudert, es auszudenken. Wohl war jenes Kindlein das meine, ein zu früh Gebornes. Ich versündigte mich durch den Wunsch, es der Erde vorenthalten zu können – o! wie bestraft sich doch jeder Gedanke räuberisch gegen die Natur! – Der Arzt, vielleicht weniger aus Mitleid mit meinem mütterlichen Schmerz, als aus Leidenschaft für jedes Präparat, schlug mir vor, den Körper meines Kindes zu balsamiren, so könnte ich ihn in einem kühlen Gewölbe aufbewahren. Es geschah – ich legte das kleine Vergißmeinnicht, was der Tod mir vom Herzen gepflückt, in jenes sargähnliche Kästchen; darin ist es vertrocknet. Mit jenem Messer aber hat der Arzt, der nämliche, meiner theuren Mutter die kranke Brust abgelöst.«

Frau Fabia fühlte bei diesen erklärenden Worten einen Schnitt durch ihr tiefstes Innere. Nach einer verstummenden Pause sagte sie: »doch werden Sie zugeben, daß jenes Depot geeignet war, einen Geschäftsmann stutzig zu machen; zumal wenn er wie mein Seliger, von einem unseligen Mißtrauen heimgesucht, jeder Sache die schlimmste Seite absah.«

Die Gräfinn sah still vor sich nieder, und antwortete eine lange Weile nicht. Dann sprach sie: »ach ich verzeihe Ihnen – Wen man schwach gesehn, hält man gar bald eines Verbrechens fähig.«

»Gräfinn –« stammelte die Wittwe, »ich habe viel gelitten, dieser Geschichte wegen.«

»So wäre ich denn noch auf andere Art als ich meinte, in unabtragbarer Schuld gegen Sie!« erwiederte die Gräfinn mit dem herben Lächeln der Kränkung. Fabien stiegen Thränen in die Augen. Das Taschentuch entfiel ihr – die Gräfinn beugte sich es aufzuheben, und die Schlüssel an ihrem Gürtel erklirrten silberhell und leise. Und wie geringfügig diese kleine Dienstleistung auch war, so verlieh ihr doch die augenblickliche Stellung gegen die Beleidigerinn etwas Hohes.

Wie von diesem erklingelnden Laut erinnert, sonderte Albane nicht ohne Schwierigkeit einen kleinen Schlüssel von der Mehrzahl Derer, die der Ringhaken an ihrem Gürtel umfaßt hielt, bis es ihr gelang, ihn davon los zu machen; und sprach: »hätte ich diesen Schlüssel wohl so nahe an meinem Herzen tragen können, wenn dieses Herz noch ein strafbareres Geheimniß umschlösse, als dessen Mitwisserinn Sie sind? und wenn ich gewußt, welchen Kummer Sie deshalb trügen? – Nehmen Sie ihn denn hin mit der Versicherung, daß ich unschuldig an Ihrem Gram, und Ihnen ewig, ewig! dankbar bin! – Nein, gute Fabia! fürchten Sie keinen andern Lohn als dieses Wort, was bethätigen zu können, meine beste Hoffnung wäre. Ein Edelstein, und wäre es auch der erste Solitair der Welt – bezahlt weder Liebe noch Leiden. – Mit diesem Schmucke belade ich mich nur, um meinem Vater eine Freude zu machen. Wehe mir! o es ist schrecklich, wenn der Vater zum Kinde wird, und die Tochter zur Mutter! –«

»Wissen Sie schon,« sagte Fabia, durch eine sehr natürliche Association der Ideen zu dieser Mittheilung gelenkt, indem sie ihre Thränen trocknete, »daß Herr de Romana, Sylvius bei uns genannt – sich in Sanct Capella aufhält? Er ist der intimste Freund meines Schwagers.«

Bei dieser Nachricht ging eine Wandlung in den Zügen der Gräfinn vor.