Der Bediente zog die Thür sacht auf, ein Strom von Licht und Luft aus dem ihr gegenüber geöffneten Fenster quoll durch die Spalte. Die Meldung geschah lautlos, und alsbald traten auf einen Wink des Alten die beiden Damen ein.
Frau Fabia, und hinter ihr das schüchterne Mädchen, sah sich in einem Zimmer, das füglich den Sälen des Schlosses beigezählt werden können. Zwei Reihen Ahnenbilder in Oel gemalt und tief nachgedunkelt, beschatteten die Seitenwände, und gaben der schweigsamen Leere dieses Prunkgemachs eine geisterartige Geselligkeit. An dem obern Ende des länglichen Zimmers stand ein antikes Canapee, breitgestreift, mit weiß und seladongrünem Atlas überzogen; davor ein Tisch, köstlich besetzt. Ein damastnes Tafeltuch, wie vom Webstuhl der kunstreichen Athene, hing in schimmernder Weiße bis auf das bunte Gewirk des Teppichs nieder, und um den Tisch herum standen mehrere Lehnsessel, deren jeder ein Großvater, bequem und doch galant, wie am Tage der goldnen Hochzeit. In einen Winkel geschmiegt saß der Graf, und dem Canapee gegenüber seine Tochter.
Bei dem ersten Blicke auf jenen unglücklichen Mann, auf den Schnee seines Hauptes, auf den Staatsrock, der so weit, so spottend weit entfernt zu passen, um die abgezehrten Glieder hing, zerschmolz aller Groll in Fabiens Herzen. Der Putz der Alten wie der Blinden hat etwas eigenthümlich Rührendes. Jener: weil ihr hinfälliger Anblick das Nichtige der Eitelkeit predigt; dieser: daß ihnen selbst unsichtbar, eine Huldigung der Welt beigegeben ward, die nur am Schein hängt. Und sind Blödsinnige nicht Blinde in geistigem Sinn? – Zwar könnte Graf Frankenstern für einen Seher gegolten haben, denn eben jetzt leuchtete sein Gesicht im Abglanz einer Vision; aber es war nur ein Blendwerk, nur das Irrlicht einer gespenstischen Imagination, daneben die Nacht seines innern Lebens nur um so finsterer erschien.
Auch Gräfinn Albane war älter geworden, als zufolge einer Berechnung von Jahren; doch war der Eindruck dieser ersichtlichen Veränderung durchaus ein anderer. Man könnte von ihr sagen, ihre Schönheit sey verwelkt, um verklärt zu werden. Ein weißes Kleid von wolkigem Mousselin umhüllte ihre zarte Gestalt, doch, im schärfsten Contrast zu dieser anspruchslosen Wahl, blinkte jener Schmuck, so schwer vermißt! so grausig ersetzt! auf dem feinen Halse und der Brust der Gräfinn, und hielt ihren schlanken Leib, ihre Arme umschlossen – wie wenn Kinder in eitlem Spiel sich mit dem Geschmeide ihrer Mutter zieren – und stach, bewaffnet mit allen Blitzen der Frühlingssonne und einer jähen Reflexion, Fabien ins Auge und durch das Auge in das tiefste Herz. – Ein kleines blankes Schlüsselbund an ihrer linken Seite stellte die Gräfinn als Wirthinn des Hauses und jener unsichtbaren Gäste dar, denen zu Ehren sie so geschmückt, und gleichsam nur dadurch verkörpert sich zeigte. Doch der schmale zackige Reif einer goldnen Krone auf ihrem reichen Haar, ließ phantastisch und in Zweifel, welch eine Fürstinn in der wüsten Ideenwelt ihres Vaters, sie, fremd sich selbst, vorstelle? – Und über dies häusliche Theater goß die wasserziehende Sonne einen trüben Glanz der Illusion aus. Die Blumen in dem damastnen Gedeck traten labyrinthisch und winterweiß hervor, wie durch einen Hauch von Frost entstanden – und der feurige Wein auf dem Tische glühte nur zum Schein. Das rothe Blut der Traube schwellt nur die Adern der Lebendigen; doch diese begeisternde Kraft leiht nimmer Denen eine Seele, welche keine Existenz haben. Der Graf fand nur Genuß in Gedanken, und schwelgte heute mehr als je in seinem Wahn; und Albane saß da so geisterhaft gesättigt und traumtrunken, mit einem herben verzichtenden Lächeln auf den bleichen Lippen, als hätten diese nie die Süßigkeit des Lebens gekostet, und jener edlen Gabe, die des Menschen Herz erfreut und stärkt! –
Als die reelle Fabia dieses Schauspiels ansichtig ward, rieselte ein eisiger Schauer an ihrem Rücken hinab, und ihr nähernder Gang erstarrte.
Die Gräfinn zeigte bei dem Eintritte derselben einen heftigen Ruck, so, als wenn eine Unbeweglichkeit mechanisch aufgehoben wird. Und indem sie dabei das Gleichgewicht verlor, fiel das Diadem, nur lose aufgelegt, von ihrem Haupte, und rollte zu Boden. Josephine bückte sich darnach. Doch achtlos dieses ominösen Vorfalls schritt die Gräfinn den Kommenden entgegen, und begrüßte sie mit sanfter, sehr bewegter Stimme. »Das ist Josephine?« fragte sie; aber das Epitheton für den Laut dieser Frage fehlt unserer Sprache und jeder. – Darauf berührte ihr Mund die Stirn des Mädchens, und dieser heilige Kuß, den das verleugnete, namenlose Kind als Sacrament empfand, firmelte es.
»Josephine!« rief der Graf mit dem herzschneidenden Tone der Ueberspannung, taumelte von seinem Sitz, und schwankte gegen die Gruppe, um in eine Kniebeugung zu sinken; aber Josephine kam ihm zuvor. Sie umschlang den Greis mit weichen Armen, und weinte über ihn. Gräfinn Albane überließ ihren Vater dem Entzücken, sein kaiserliches Idol, oder die Psyche desselben, in lieblicher Verjüngung vor sich zu sehen, und das Mädchen dem guten Geiste der Demuth und der Wahrheit der ihm einwohnte. Im Drange, ihr Herz zu öffnen, legte sie die zitternde Hand an den blanken Drücker einer Tapetenthür, und zog Fabien mit sich in ein anstoßendes Cabinet. »Wie viel Dank bin ich Ihnen schuldig, liebe Fabia!« sagte sie hastig und herzlich, »Josephine scheint ein Engel. Dieser Blick einer himmlischen Unschuld kann nicht lügen.«
Die fromme Fabia antwortete: »Gottlob! nicht umsonst war mein Gebet bei des Mädchens Erziehung: hilf, Herr! hilf! laß wohl gelingen! Josephine ist ohne Trug und Arglist; lauter und rein von Gemüth und Sinn, wie ein Wassertropfen aus dem Weihebrunnen der göttlichen Gnade.«
Wir lassen es dahin gestellt seyn, ob dieses Bild vom Tropfen, in welchem sich Frau Fabia zum Lobe der Tochter ergoß, ganz unvermischt und klar von einem Vorwurf ihrer Abstammung gewesen, der die erquickende Wirkung desselben trübte. –
Albane senkte die benetzten Wimpern, wie beschämt von der Verschuldung, die sie gegen Fabia wissend war, und mit einem erkenntlichen Seufzer glitt ihr Blick, zufällig vielleicht – auf einen Ring von großem Werth an ihrem Finger. Fabia fing diesen Blick im Brennpunkt ihrer Seele auf. – Sie sprach, und jede Fiber zitterte an ihrem Körper: »ich will nicht fürchten, Gräfinn, daß Sie mir ein Geschenk zudenken! – Die Sucht zu glänzen war nie mein Fehler, nie die zufriedene Eitelkeit sogar, daß mein Thun Werth vor Gott hätte. Einer Wittwe ziemt es vollends nicht, zu brilliren, und die da einsam ist, sorge nur, daß sie dem Herrn gefalle. Der Frau, welcher die Brust des Mannes fehlt, zu ihrem Schilde vor den Pfeilen der Welt, steht nichts besser an, als ein Flor der Trauer und Zurückgezogenheit, der sie gleichsam unsichtbar mache unter Denen, die nach dem Schein urtheilen, und spitzfindig einen Stein des Anstoßes sehen, wo nichts zu sehen ist. – Darum will ich ihn nicht tragen, und wenn er alle Schätze der Erde aufwöge! ist mir das Herz doch schon beschwert genug. O Gräfinn! diese Edelsteine hier haben meinen guten Mann in das Grab gedrückt und mir viel tausend, tausend Thränen gekostet!«