Der Himmel hatte sich mit Gewölk umzogen. Frau Fabia, im Begriff, sich in den Wagen zu setzen, schaute auf und sprach: »den guten Regenschirm wollen wir noch mitnehmen, zur Fürsorge. Wir könnten ihn brauchen, beim Aussteigen. Er steht, wenn ich nicht irre, in des Schwagers Zimmer, im Winkel wo die Pfeifen lehnen –« Und hurtiger flattert der Vogel nicht vom Zweig, als Josephine dahin flog, ehe es möglich war, ihr zuvorzukommen. Sie drängte die Seele des Abschieds, als den Inbegriff schmerzlicher Empfindung, in den heißen Blick, womit sie die stummen kalten Wände grüßte, und Wer weiß, ob nicht zum letztenmal! – Dort stand der braune Schirm, und neben dem Saum seines geschlossenen Zeltes, blickte der Kopf des Mustapha zu ihr hinauf, die in dem wehenden Schleier, eher der schönsten Blume des Harems, als, des goldnen Kreuzchens ungeachtet – einer jungen Braut der Kirche glich. Hier stand das Schreibpult des Administrators, und ein kleines weißes Blättchen lag lockend auf der grünen Fläche. Josephine warf einen Blick darauf – ein Sonnenstrahl fiel gleichzeitig in die Werkstatt ihrer Gedanken. Eine Feder war auf jenem Streifen Papier probirt: »Josephine,« stand in kalligraphischer Schönheit am Rande des Blättchens, und das Urbild dieses wohllautenden Namens stand mit schöneren Zügen davor. Sie ergriff die Feder, und schrieb mit fliegenden Fingern:
»Ich muß fort – verzeihe, daß ich mit Ich anfange; aber Stolz ist nicht in mir, nur eine sehr traurige Liebe, daß ich von Sanct Capella scheiden muß. Kannst Du etwas beitragen – –
Deine –«
Josephine vernahm, daß ein Eilbote ihr nachgeschickt würde. Sie mußte sich losreißen. Ein Fädchen aus dem Blondengewirk ihres Schleiers blieb an dem Gefieder der Schreibfeder hangen, und ein kleiner Dintenfleck an ihrem Finger.
Josephine wie ihre Pflegemutter sprachen wenig auf dem Wege nach Bühle. Fabia saß still in sich gekehrt, trübsinnig starrte Jene in die Ferne. Als aber jetzt der englische Garten sichtbar ward, und hinter dem Immergrün seiner Gehölze, vermischt mit der zarten Frische lebendiger Knospen, das graue, todte Schloß, eine verstorbene Einöde von Stein – als sie jetzt bei dem Postamente vorüber fuhren, worunter der todte Hund begraben liegt: da erblickte Josephine den stummen Wächter mit keinem minderen Schauer als eine abgeschiedene Seele der Vorwelt den Cerberus, und als sey dies festgehaltene flüchtige Bild nur allein ein Symbol ewiger Ruhe, und dies der Eingang in das stille Reich der Schatten.
Das eintönige Geräusch des Brunnens, auch nicht um den leisesten Tonfall eines Tropfens anders als sonst, weckte in Fabien bittere Gefühle der Vergangenheit. Dort war die Wohnung, in der ihr Mann gelitten und aufgehört zu leben – es däuchte seiner Wittwe, als ob das Lüftchen, welches die spielenden Wellen der Wasserkufe kräuselte, ihr seine letzten Seufzer zuwehete. Blüthenbäume streuten ihren Schmuck vor die Schwelle, über die Kummer und Gram mit ihm eingezogen waren, um nur den Todten zu entlassen –; und diese Gleichgültigkeit der Natur, welcher der Mensch unwillkürlich Theilnahme abverlangt, diese Wiederkehr ihrer unschuldigen Freuden, an dieselbe Stätte, wo die Schuld, eigene oder fremde, unsre besten hinweggenommen für immer – schärfte die Empfindung, womit Fabia sich jener Zeit bewußt ward, und des wichtigen Moments, der ihr jetzt bevorstand.
Um das Schloßgebäude schwebte die Stille der Einsamkeit und der Ehrfurcht vor dem Range, wie vor dem kranken Geiste seiner dermaligen Bewohner. Der Zustand des Grafen war bekannt, und seine Tochter galt kaum weniger leidend an Gemüth.
Das Unglück, wie mächtig es auch sey, hat stets eine kleine Hofhaltung. Nur ein einziger Bedienter stand, nicht unähnlich einer Statue seines Standes, an einer Säule des Flurs, harrend, wie es schien. Die Zeit hatte angemessen der altväterlichen Livree seinen Scheitel mit Puder bestreut, und mehr noch als diese greise Mode, gab ihm eine Miene unbewußter Geringschätzung gegen diese Etiquette adeliger Größe, und ein Zug von Schweigen in seinem erfahrungsvollen Gesicht ein ehrwürdiges Ansehen. Auf ihre Frage erhielt Fabia zur Antwort von ihm, daß sie erwartet würde – und Josephinens Blick hing dabei so ängstlich an den goldbesponnenen Knöpfen seines Rockes, als ob sie eine nahe wichtige Entscheidung davon abzählen wolle. Noch fragte Fabia, die niemals sicher genug gehen konnte: die Herrschaft sey doch – allein? – Der Bediente, ein alter Bekannter von ihr, lächelte nur; die Tochter des Oberverwalters von Bonna mußte fremd geworden seyn, dem Andenken der Lebensweise des Majoratsherrn. Er sagte mit schwermüthigem Scherz: »es ist zwar heute großer Galatag; aber diese hohen Gäste lassen Raum und Ruhe, und die Frau Rentmeisterinn dürfen sich ganz und gar nicht irren lassen.«
Indem Fabia die breite Treppe, mit Decken belegt, unter starkem Herzklopfen hinan stieg, erhob sie sich zu dem Gefühl, daß sie es nicht sey, welche die nächste Minute zu scheuen brauche. Doch wie kommt es, daß die Last auf dem Gewissen eines Andern den Athem des Rechtschaffenen hemmt? und warum wirft ein fremdes Erröthen, noch ehe es vor unserm Auge aufgeht, den Schein der Schuldverkündigung auf unser eigenes Gesicht? –
Sie standen auf dem öden Vorsaal. Eine Uhr, in langem weißen Gehäuse, nahm sich an dem dunklen Pfeiler, daran sie befestiget war, todtenhaft aus, und das Gleichmaaß des Perpendikels bewegte sich im Einklang mit dem Gesetz der Zeit und ihrer Schwere. Der Stundengott hatte hier keine Flügel. – In den Nischen der Wand entlang, erblickte man zwar beschwingte Gestalten; doch schienen auch diese seit manchem Jahr unregsam ihren Standpunkt einzunehmen, und nur in so fern, wenn Ruhe der Begriff des Himmels ist – dem Olymp anzugehören.