»O geliebte Mutter!« rief Josephine, welche diese demüthige Sprache der tugendstolzen Pflegemutter nicht aushalten konnte, »es ist nur zu meinem Besten geschehen. Womit habe ich Dich beleidiget, daß Du Dich so fremd gegen mich ausweisest? bin ich nicht Dein Kind? – Ich will sie ablegen, diese Fehler, denen mein guter Wille noch manchmal unterliegt; habe nur ein wenig Geduld mit mir. Und wenn ich mich heute in Bühle etwa linkisch benehmen sollte –«
Ein Lächeln, worin mehr Rechtfertigung lag, als in jedem moralischen Beweise, flog Fabiens Miene an. Sie antwortete: »das fürchte nicht. Du hast ein Recht, dort zu seyn: die Gräfinn Frankenstern, der ich Dich zuführe, ist Deine Mutter.«
Josephine stieß einen leisen Schrei aus, als hätte ihr dies Wort einen Dolch in die Brust gestoßen. Der Name Derer, die ihr das Leben gegeben, schien diese Himmelsgabe zurück zu nehmen, und das liebliche Bild des Mädchens versteinte zu weißem Marmor.
»So ist's, mein Kind!« setzte Fabia mütterlicher als je hinzu, »die Stunde, darin das Band sich lös't, was uns so lange verknüpfte, reißt nicht allein an meinem Herzen – ich muß mich ernstlich zusammennehmen.«
»Mutter!« sagte Josephine furchtsam und leidenschaftlich, »ich hoffe zu Gott, Du willst mich nicht verstoßen.«
»Du brichst mir das Herz entzwei, Mädchen!« entgegnete Fabia schmerzlich. »Darf ich Dich denn jenen Ansprüchen vorenthalten? Es wird Alles darauf ankommen, wie wir die Gräfinn finden. Du bist die Tochter einer heimlichen Ehe, und dein Vater – der Onkel wird Dir sagen –«
»Der Onkel – ist mein Vater?« fragte Josephine mit schwacher Stimme.
»Der Onkel – komme doch zu Dir, Kind! ist auch Dein Onkel nicht, und es nur dem Namen nach gewesen. Dem Blute nach, gehst Du uns gar nichts an.«
Bei dieser Erklärung, welche Fabia nicht aus lossagender Kälte, sondern der vollständigen Erklärung wegen gab, sah Josephine aus, als wären ihr alle Adern geöffnet. Ihre Seele strömte in Liebe für die Menschen, mit denen sie gelebt, für den Ort, der ihr die trauteste Heimath geworden war. Sie empfand den Einfluß einer innigen Gewohnheit. Sie empfand ihn mit schwellendem Herzen, da sie den Abschied so nahe wußte. Die gräfliche Mutter stand wie eine verhüllte Gottheit von ferne, und scheue Ehrfurcht, ein fremdartiges Grauen war Alles, was Josephine für ihre Näherung hatte. Und der Administrator war nicht einmal da! es däuchte Josephinen, als ob sie diesem gütigen Freunde hinterrücks entführt würde. Ein Gefühl, zarter noch als Dankbarkeit, forderte in ihr, daß sie ihm diesen schnellen und gewaltsamen Abruf selbst sagen und klagen könnte, daß er Augenzeuge wäre der sträubenden Wehmuth, womit sie von hinnen schied. –
Als der Nachmittag nun kam, erschien Josephine in vorschriftlichem Anzuge. Sie war bei dem Werk der Toilette ihrer wenig bewußt gewesen, um so eifriger hatten ihr die Grazien gedient, welche zurückweichen, wo die Eitelkeit handreicht. Auch Fabia war ausnahmsweise festlich angethan. Sie trug ein dunkles Kleid von tannengrüner Seide; doch indem die verwittwete Frau bei dieser seltnen Gelegenheit ihr Licht leuchten ließ, trug doch der Christbaum ihres Gewandes kein einziges Flämmchen Flitterstaat zur Schau, sondern nur die Frucht bescheidener Einfalt, an der man erkannte, weß Geistes Kind sie wäre.