»Wie kalt Sie noch sind!« sagte Schwester Veronica besorglich, »ich dächte, ein Krampfpulver wäre nicht übel für die Nacht; es beruhiget die Nerven.«
Fabia lächelte seltsam bitter, als bedürfe ihre innere Aufregung ein anderes Opium. Sie verneinte den Gebrauch des Mittels, und begab sich in ihr Schlafgemach. Den folgenden Morgen war große Wäsche im Stift; eine der Haupt-Stadien dieser geregelten Oekonomie. An solchen Tagen ging Frau Fabia sonst gleich der Sommersonne früh auf, um sich mit wahrer Hoheit im Meere dieser Waschfluth zu bespiegeln. Ja, wir dürfen kühn behaupten, daß die Göttinn, an der wir Selbstgefälligkeit so natürlich finden, sich vielleicht in einem minderen Grade derselben aus dem Schaum der Wellen erhoben habe, als womit die Juno dieser häuslichen Sphäre sich von ihrem brausenden Element benetzen ließ. – Daß diese Wolke ihm vorübergehe, hatte der Administrator stets und so auch jetzt eine kleine Reise unternommen, und Therese ihm einst muthwillig gedroht, er werde einmal aus dem Regen in die Traufe kommen. In diesem Punkte war aber Therese gleich den Männern, und wendete am liebsten jener häuslichen Nothwendigkeit den Rücken. Sie badete wohl eher die Füßchen im Thau, als daß sie einen ihrer rosigen Finger zu Gunsten einer wirthschaftlichen Bemühung naß gemacht hätte. – Wir zweifeln daher, daß Therese selbst der Waschfrau Chamissos die poetische Seite abgewinnen mögen, wogegen sie gewiß den trockensten Gegenstand des versandeten Schlaraffenlandes geeigneter gehalten haben würde, besungen zu werden. –
Heute aber schwebte kein ordnender und waltender Geist über diesen Wässern. Fabia schien in tiefem Schlaf versunken zu seyn. Josephine klopfte leise an die Thür der Pflegemutter, und Fabia that auf. – Ihr Aussehen trug die Spuren einer schlummerlosen Nacht, ungewöhnlich achtlos war ihr Anzug; doch selbst in seiner Nachlässigkeit noch keusch und sauber. Ihr Auge, von Schatten vertieft, die sich darunter gelagert, glühte fieberhaft, und Miene wie Gebehrde war von jener Ermattung – der Feindinn jeder Thätigkeit – beschlichen, welche uns anhängt, sobald wir herzenskränklich sind.
»Vergieb, liebe Mutter, daß ich es wagte, Dich zu stören –« sagte Josephine, indem sie ihren betroffenen Blick in einen bittenden zu mildern suchte. »Es befremdete uns, daß Du noch nicht aufgestanden warst, weil es gegen Deine Weise ist.«
»Ich habe nicht viel geschlafen –« antwortete Fabia gemäßigt wie immer, »und mich auf Wichtiges vorzubereiten. Wir müssen heute nach Bühle auf das Schloß – mein Kind; doch fahren wir erst nach Tische. Ziehe Dir das neue luftblaue Kleid an, und ordne Dein Haar sorgfältig, ich will Dir gern behülflich dabei seyn. Das goldne Kreuzchen binde um den Hals, und wirf den gestickten Schleier über, er läßt Dir äußerst günstig.«
»Heute?« fragte Josephine bestürzt, und dachte, der Herold des jüngsten Tages habe die Stimme ihrer Pflegemutter geliehen. Nie war Frau Fabia an Tagen häuslicher Geschäftigkeit nur einen Schritt von der Schwelle dieses Hauses und von ihrer Pflicht gewichen; nie hatte das Mädchen ein eitles Wort aus Fabiens Munde gehört. Das Ende aller Dinge schien gekommen, oder doch nahe zu seyn. Scheu und bekümmert setzte daher Josephine jener einsylbigen Frage hinzu, deren Accent all ihre Verwunderung ausdrückte: »Du scheinst sehr unwohl, meine Mutter.«
»Und wenn auch!« antwortete Diese, indem ein herbes Lächeln der Gleichgültigkeit gegen alles Bisherige auf ihre Lippen stieg, »der Herr mein Gott wird mich stärken.« Sie heftete dabei einen durchdringenden Blick auf das Crucifix von Gußeisen, welches auf ihrem Nachttische stand. Dieser Blick enthielt ein angsthaftes Gebet, und besagte, soviel wir von dem flehenden Geflüster am Altar des innern Heiligthums verstehen: »Du! der Du uns rein gewaschen hast von unsern Sünden mit Deinem theuren Blut, gieb, daß Albane –« hier drang ein unaussprechlicher Seufzer durch das kalte Metall an das Herz des höchsten Erbarmers. Und von einem Gefühl ermuthiget, was sich erhob, sagte sie: »es muß Alles gehen. Wie wird es seyn, wenn ich nicht mehr da bin?«
»O sprich mir davon nicht!« bat Josephine, und küßte Fabiens mütterliche Hand.
»Eben jetzt muß ich recht sehr mit Dir davon sprechen,« erwiederte Fabia, selbst in dieser erweichenden Minute dem Grundsatz treu, dem Eigenwillen eines Kindes niemals nachzugeben. »Wir haben viel mit einander zu reden. – Doch siehe! daß Du die Thür zuvor verschließest. So! nun schiebe den Riegel vor.«
Von dieser Vorsicht geängstet, war Josephine voll Furcht und Warten der Dinge, die da kommen würden. Frau Fabia schien einer vorbereitenden Pause zu bedürfen, in der sie sich fasse, dann sprach sie mit einem Ton würdevoller Abbitte: »wenn ich Dich zuweilen hart angelassen, und Dir zeither strenger war, als daß ich Deinen unschuldigen Neigungen und Wünschen jemals geschmeichelt hätte – so geschah es –« ihre Stimme wankte.