Josephine eilte, die Lampe anzuzünden, und indem der kaum entglommene Schein derselben auf Fabiens Gesicht fiel und ihr Auge von einer Zeile zur andern glitt, sah Veronica, daß ihre Züge sich veränderten. »Eine Neuigkeit, Schwester Veronica,« wendete die Pflegemutter Josephinens im Drange der Mittheilung sich an die Nonne, »Graf Frankenstern ist mit seiner Tochter endlich angekommen.«

»Graf Frankenstern!« rief Jene mit antheilvollem Interesse, und der Ton, den die Glocke dieser Nachricht anschlug, war ein Klang aus der guten alten Zeit des Klosters. »Der hochbejahrte Herr lebt also noch! und Comteß Albane kann auch nicht mehr jung seyn – wenn ich mir die Gräfinn Mutter bedenke – diese leutselige Dame war mir ein höheres Wesen und wie so ganz war sie für Sanct Capella eingenommen! – In Bühle, sagten Sie, hält die Herrschaft sich auf?«

»Ja –« antwortete Fabia schwach, und eine große Erschütterung dieser starkmüthigen Frau ward laut in der kleinen Sylbe, »reiche mir einen Stuhl, Josephine –« sagte sie sehr sacht, während das sichtliche Schwanken ihres Körpers verrieth, daß Fabia mit dem Gefühl der Ohnmacht kämpfe. –

Diese Botschaft wirkte nach, und ihr schlagender Eindruck hielt an. Die kleinen klaren Schriftzüge, von einer Hand kommend, welche, wie Fabia jetzt deutlich empfand – Gram und Herzeleid über ihr unbeflecktes Leben gebracht, verwirrten ihre Seele. Das Dunkel einer finstern That stieg vor ihr auf, daneben der Schatten ihres Mannes, kummerkrank und dräuend, daß seine Frau nicht vergessen möge, welch eine Last ihn ins Grab gedrückt, und Fabia glaubte mit ihm zu versinken.

»Jesus Maria!« rief die Nonne, als sie die Todesblässe auf dem Angesicht ihrer Freundinn sah, »was widerfährt Ihnen denn? Ein paar Tropfen Lebensgeist – wenn ich sie nur bei der Hand hätte – ein Trunk frischen Wassers –« das zitternde Mädchen flog hinab, ihn zu holen. Inzwischen hatte Frau Fabia sich schon erholt. Sie wehrte sich mit selbständiger Kraft gegen die Schwäche, von der sie einen Augenblick bewältigt worden war, wie gegen die mitleidige Angst, welche über sie verfügen wollte, und sprach, obgleich mit bebenden Lippen: »es ist schon vorüber. Seyn Sie außer Sorgen meinetwegen, Schwester Veronica. Und Josephine – Du siehst, mein Kind, es ist mir wieder besser. Aber trinken will ich doch. –« Sie stärkte sich durch einen erfrischenden Zug.

»Ja, ja!« sagte die Nonne, und ihre Rede nahm wider Wissen und Willen die Methode einer gelinden Strafpredigt an, »ein geistlich Amt, das der Tröstung und des Beistands in der letzten Noth, erfordert starken Odem, und Wer sich stark fühlt, ist es deshalb nicht zu allen Zeiten, und übernimmt sich wohl einmal. Sterben aber ist kein Kinderspiel, und man sieht nicht zu, daß man sich daran ergötze.« So ist aber – der geneigte Leser erlaube uns diese Episode – auch eine edle und geläuterte Seele nicht sicher, daß kleinliche und niedere Stoffe, welche die Scheidekunst eines gereinigten Charakters für immer aussondern müßte, sich in das Ergebniß ihrer Urtheile mischen. Wir sind uns selbst nicht klar. In der freundschaftlichen Aeußerung der Schwester Veronica, die wir vor Vielen ihres Gleichen heilig und selig preisen, dürfte ein kleiner Nonnendünkel kaum zu verkennen seyn, und der Glaube, daß, um in Todesängsten beizustehen, menschliche Theilnahme hiezu nicht genüge, und die Kraft zu solchem Beistand nur von einem Geiste ausfließen könne, der durch priesterliche Weihen dazu befähigt worden sey.

»Denn der Bote –« so fahren wir mit den Worten der Nonne fort, »ein Bote hat mir all mein Lebtag Schrecken eingejagt, und es war mir immer, als ob ich das Schicksal in Person kommen sähe, was mir ein neues Päckchen zu tragen brächte. Wer weiß auch, was der Brief enthält! – So viel ich mich erinnere, waren Sie in früheren Jahren in Verbindung mit Gräfinn Albane? –«

Fabia nickte schwer und schwieg. »Wenn nur der Schwager da wäre!« sagte sie, und ihr Auge starrte sinnend vor sich hin, »erst morgen Abend kehrt er zurück, dann ist es zu spät.«

»Wozu?« fragte die Nonne mit einem leichten Anfluge jener Neugier ihres Alters und Standes. Und mit aufrichtiger Liebedienstlichkeit setzte sie hinzu: »wenn Sie in Etwas bedrängt wären, Frau Fabia, worin ich Ihnen mit Rath und That nützlich werden könnte –«

»Das wird sich später finden –« antwortete Fabia mit einem bedeutenden Blicke nach Josephinen hin, und drückte dankbar die zellenzarte Hand der Nonne, wie aus Wachs gewebt, »für jetzt bedarf ich nichts als Ruhe.«