»Verreist? meine Schwägerinn?« fragte der Administrator, und hätte nicht ungläubiger hohnlächeln können, wenn man ihm gesagt: das Stift, in höchsteigener steinerner Figur, sey bei dem schönen Abend ein wenig spatzieren gegangen.
Man erwarte die Frau mit jedem Augenblick zurück, setzte die Berichterstatterin hinzu; worauf Jener flüchtig vermuthete, nur ein wirthschaftlicher Grund von großer Erheblichkeit müsse eine so stete Haushälterin von Ort und Stelle gerückt haben. Doch um nichts heiterer durch diese Folgerung, trat er in die heimische Wohnung, entledigte sich des Reisebedarfs und alsbald ward sein umherschweifender Blick von jenem Blättchen auf seinem Schreibpult magnetisch angezogen. Er las diese wenigen Zeilen unzähligemale, ehe er den Sinn derselben zu fassen vermogte.
»Allmächtiger Gott!« rief er zu sich selbst, »das arme Mädchen in meiner Abwesenheit fortzuschaffen – gleichsam wegzustehlen! –« Ein Getümmel aufrührischer Gedanken bestürmte ihn, und Frau Fabia, welche sich im Laufe des verflossenen Nachmittags richterlich benommen, ahnete wohl schwerlich, daß ihr Andenken ob jener eigenmächtigen Gewaltthat, um wenig später vor Gericht gezogen – wo nicht zermalmt würde. – Aber der kindliche Ton des kleinen Brief-Fragments entwaffnete ihn, und keine Reihe thatsächlicher Beweise hätte ihn so vollständig überzeugen können, wie die schulmäßige Entschuldigung der ersten Zeile: daß es nimmer ein Wesen gegeben, so fremd jeden Egoismus, so ganz aus Liebe und Hingebung gebildet, wie Josephine. Beitragen sollte er? Wozu? – Er sammelte seine ganze Kraft für diese abgebrochene Bitte. Dabei nahm er das Fädchen an der Feder hangend wahr. Zarter sind die Fäden nicht, in denen der Sommer in die Lüfte flattert – doch nichts wirkt so ausnehmend fein wie die Zuneigung zu einem persönlichen Gegenstand: und so war denn jene Seidenfaser ein starkes Bindemittel seiner Ideen, ein Segeltau, was sein Herz schwellen machte. »Schwester Veronica wird es wissen –« dachte der Administrator, und eilte ohne Verzug aus dem Zimmer. Leidenschaftliche Hast, dieses räthselhafte Dunkel aufgehellt zu sehen, trieb ihn die öden Säle entlang, bis zur Thür der entlegenen Zelle, an welche die Abendsonne Verklärung mahlte, so daß dieser Eingang wirklich einer Himmelspforte glich. Hier stand er still, und Stille waltete ringsum. Ein Gefühl, der Andacht verwandt, ließ ihn zögernd dies Altarblatt betrachten, dahinter ein Geist wohnte, der mit dem Göttlichen vertrauten Umgang pflog. Sein Herz, heftig klopfend vom hurtigen Gehen, vom Drange der Erwartung, ward in dieser sanften Nähe wunderbar besänftigt. Er richtete sich hochathmend auf, während er den gekrümmten Finger leise und langsam an die Thür legte. Sie that sich auf. Der hereindringende Strahl vergoldete diese anspruchlosen Wände, und warf einen Schimmer von Glanz und Heiligkeit auf die Gestalt der Nonne, welche in frommer Einfalt mit einem Liebeswerk beschäftiget war. Ein Myrthenbaum von üppiger Schönheit, davon die Nonne mit wähliger Vorsicht eine Menge Zweige abschnitt, stand vor ihr auf einem Tische und daneben lag ein kleiner Namenszug aus altdeutschen Lettern in Perlen gereiht. Und wie die klösterliche Jungfrau den alten schönen Kopf, um den ein Nimbus der Gottseligkeit schwebte, an den Baum der Liebe schmiegte, der ihr nie geblüht, der ihr nur die bittere Frucht der Entsagung bereitet: gewährte ihr Anblick ein fast überirdisches Bild.
Wie selten hatte ein Mann diese einsame Schwelle beschritten! – Der aufgeregte Blick des Administrators schien den ewigen Bestand der Dinge umher aufheben zu wollen. Kein Stäubchen dieser reinlichen Clause ruhete noch so tief und lange, es tief empor bei seinem Eintritt, um gesellig in der plötzlichen Erleuchtung zu schweben, und eine größere als diese lautlose Unruhe störte nie die stete Geborgenheit dieser Wohnung, deren Luft nur ein Odemzug des Friedens war.
»Verzeihen Sie doch ja gütigst meiner Zudringlichkeit,« sagte der Besuchende nach ehrerbietigem Gruß, »Ihnen zu dieser Zeit vielleicht beschwerlich zu werden.« Man findet, in abgesondertem Verhältnisse werden die Menschen leicht eben so weitläuftig als förmlich gegen einander, wogegen die Welt der Umgangsweise eine drängende Kürze anschleift. Schwester Veronica ließ das Messerchen, womit sie Myrthen schnitt, ihrer Hand entgleiten, und bezeigte eine verwunderungsvolle Freude, den Vorstand des Hauses bei sich zu sehen, der ihr nach herzlicher Versicherung zu jeder Zeit willkommen wäre. Zugleich bemerkte sie still für sich, daß sein stattliches Aeußere etwas verstört sey – und die Stimmung der guten Nonne, seit einigen Tagen von stärkeren Eindrücken bewegt, spannte sich für den beziehungsvollen Ton, womit er anhob: »ich war verreist mit meinem Freunde und finde jetzt bei unserer Rückkehr die Schwägerinn nicht daheim. Das befremdet mich. Sie hat auch Josephine mitgenommen – –« Der Administrator stockte. »Eine hypochondrische Aengstlichkeit wandelte mich an – wenn nur kein unangenehmer Vorfall – ich meinte nun, Sie, werthe Schwester Veronica, würden mir des Näheren Auskunft geben können.«
»Was ich weiß, will ich ihnen sagen –« sprach die Nonne, und das tiefsinnige Lächeln in ihren Zügen drückte eben sowohl ihre bekümmerte Unwissenheit in dieser Sache, als eine Zuflucht der Gemüthsruhe aus, die sie dem Frager gäbe. »Frau Fabia ist nach Bühle gefahren, mit dem lieben Kinde. Dort ist die Gräfinn Frankenstern mit ihrem Herrn Vater angekommen – und trägt Verlangen, ihre gute Freundin hiesigen Orts baldigst zu sprechen. Ein expresser Bote –«
Das Gesicht des Administrators hatte sich während dieser Nachricht verändert. »Das ist ein großes Ereigniß!« unterbrach er die Nonne mit gesenkter Stimme; doch nur mechanisch schien er die Sylbenlaute dieses Wortes auszusprechen, das Muskelspiel seines Mundes schob krampfhaft der getroffenen Wahl des Ausdrucks einen andern unter, und sagte: »das ist ein großes Unglück!« Der Nonne ging die Ahnung auf, sie hätte ihm etwas höchst Wichtiges mitgetheilt.
Da jedoch Niemand, am wenigsten aber ein ältliches Frauenzimmer, dem Reiz des Bewußtseyns zu widerstehen vermag, das, was man sagen könne, habe Werth für den, der es höre: so konnte auch Schwester Veronica nicht umhin, den Schatz ihrer Neuigkeit in kleiner Münze auszuzählen. Vorerst aber mußte sich der Administrator auf ihr inständiges Nöthigen niederlassen. Er berührte kaum die Kante eines Stuhls, und saß dennoch wie auf Nadeln. – Schwester Veronica begann nun: »gestern Abend, da es dämmerte – das Schummerstündchen bringe ich gern drüben zu – ging ich hinüber zu den lieben Ihrigen. Es war uns Allen traurig zu Sinne: denn Gregors kleine Julie lag im Sterben – ich bin, wie Sie sehen daran, für ein Todtenkränzchen zu sorgen – die Mutter, hieß es, wäre außer sich, und man hatte geschickt, Frau Fabia mögte kommen, und in dieser Angst den armen Leutchen mit Rath und Zuspruch ein wenig beistehen. Sie ist, das muß man an ihr rühmen – von christlicher Geduld und gelassenem Wesen –« diese Tugenden seiner Schwägerinn hätte jetzt schwerlich ein Freund der Wahrheit dem Administrator nachsagen mögen. Er sah die Nonne mit einem weitschauenden Blicke beschleunigender Aufmerksamkeit an, und es däuchte ihm, seiner theilnehmenden Nächstenliebe ungeachtet, als ob sie von einem Falle spräche, der die ersten Eltern nach Erschaffung der Welt betroffen hätte.
»So blieb ich denn,« fuhr die geistliche Jungfrau fort, »mit Josephine allein. Das gute Kind war aber betrübt und äußerte sonderbare Gedanken, die ich jedoch für weiter nichts hielt, als jenen wehmüthigen Ernst, der ein jugendlich Gemüth ergreift, wenn es den Tod in der Nähe weiß, und gute Menschen in Schmerz und Leid um ein Liebstes und Einziges. Dann wird der Gedanke an jede mögliche Trennung, die uns selbst bevorstehen könnte, so natürlich. Wenn uns ein Verlust bewegt, dann scheint Alles um uns her zu wanken, und wir umfassen, was uns vorzugsweise am Herzen liegt, nur um so inniger. – Also wieder auf Josephine zu kommen, so sagte sie: wie weh es ihr thun würde, Sanct Capella zu verlassen, wo ihr nur allein wohl wäre. Wie gern sie hier sterben mögte oder wohnen in dieser Zelle, es ging mir nahe. Ich erwiederte ihr, daß an solch ein Scheiden vor der Hand doch nicht zu denken sey, daß sie mein Stübchen erben solle, mit Allem, wie es steht und liegt.«
Das Auge des Zuhörers schien dies Testament im Innersten seiner Seele aufzunehmen. Sein Blick spähte umher, als schätzte er die lieben Heiligen allzumal – und der geringste Gegenstand war durch den Gebrauch ein kleiner Heiliger geworden – nach ihrem Nennwerthe ab, und trüge die stummen Effecten in die Register seines Geistes ein. Dann ruhte sein Auge auf einem umgeschlagenen Notenblatte aus, als notire er dies Adagio, zähle die Pausen, und vergleiche den letzten hinsterbenden Ton mit der Rede der Erblasserinn, welche mit heiterem todesvertrauten Sinn an ihre Auflösung denken konnte. – Ein anderer Kranz von diesem Myrthenbaume, ein anderer Name in den Anfangsbuchstaben dieser Perlen schwebte ihm in einer gewissen Ideenverwirrung vor. Die Wünsche des jungen Mädchens, welche beide auf bittere Resignation deuteten, griffen schmerzlich an sein Gefühl, und er schwieg mit einem tiefen Seufzer. »Wie wir noch so über mein Vermächtniß sprachen,« fuhr die Nonne fort: »kam Frau Fabia zurück. Sie trug einen Brief in ihrer Hand und begehrte Licht, um ihn zu lesen. Und da sie ihn las – sehen Sie um Gotteswillen! wird uns die Frau schier ohnmächtig. Ich kann nicht leugnen, daß mir alle Glieder zitterten. Die Frau Schwägerinn ist nicht nervenschwach, nein! eine starkmüthige Person, häuslich erkräftiget, gesund an Leib und Seele: so mußte ihr der Brief hart angekommen seyn. Auch jagt der Sturm das Laub der Espe nicht geschwinder, als das Blatt in ihrer Hand flog. Sie ging alsbald zu Bette, und ich hatte ihretwegen eine unruhige Nacht. Am Morgen in aller Frühe wollte ich mich erkundigen, wie sie geschlafen: das Zimmer war noch zu. Ich kam wieder und fand es abermals verschlossen; doch vernahm ich drinnen ein leises Gespräch und unterschied Josephinens schluchzende Stimme. Nun halte ich Einbruch kaum so schlimm, als Eindrängen in das Geheimniß eines Andern, und habe mich mein Lebtag davor gescheut. Das Vertrauen muß ein Geschenk der Freundschaft seyn, nicht aber eine milde Gabe, die der Ungestüm davon trägt, wenn er die Gutherzigkeit überrascht. – Ich dachte, es wird wohl an mich kommen. Auch kam Frau Fabia, um mir zu sagen: daß sie für diesen Nachmittag nach Bühle fahren würde. Josephine stand stumm und blaß wie ein Marienbild daneben, und sah mich nur mit einem barmherzigen Gesichtchen an. Und da die Mutter meinte: sie denke nicht allzuspät wieder da zu seyn, konnte sie sich nicht enthalten zu weinen, als sollten wir uns niemals wiedersehen. Ich sprach ihr Muth ein und sagte: nun, wir scheiden ja nicht für ewig, mein Herzenskind! was wärs denn auch, wenn Du ein paar Tage drüben bleiben müßtest? bin ich doch in meiner Jugend, und noch dazu als Braut, auch bei der hochseligen Gräfinn Frankenstern gewesen, und würde heut noch Bescheid im Schlosse wissen, und Dir das kleine Gemach zeigen können, worin ich geschlafen. – Das schien dem lieben Mädchen denn traut und tröstlich zu seyn, und ein Mehreres, werther Herr Administrator, wüßte ich Ihnen nicht zu sagen.«