Es genügte jedoch. Der Administrator dankte zerstreut, wechselte in gebundener Rede – im Sinne der Zurückhaltung – einige Worte; denn es machte ihn beklommen, daß er gegen die herzliche Nonne nicht ganz aufrichtig seyn dürfte. So war es ihm nicht unlieb, daß der Zufall ihm über einen Moment hinweghalf, der sein Zartgefühl, das der Freundschaft wie der Verschwiegenheit, in die Probe nahm. – Er ward abgerufen, weil Jemand ihn zu sprechen begehre. Doch als der Administrator in sein Zimmer kam, fand er zu seinem Befremden keinen fremden Zuspruch, sondern seinen Freund, den Major Feldmeister, der im Gleichmaß starker Schritte auf und nieder ging. Es verändert seltsam unsere Stimmung, ob wir Besuch in unserm Eigenthum empfangen, oder von Andern darin empfangen werden. Demnach ließ eine gewisse erschrockene Verwunderung, gemischt mit einem dumpfen Gefühl getäuschten Erwartens, den Administrator an der Schwelle seines Zimmers zurücktreten, als er die Einquartierung desselben inne ward. –
»Bitte nicht übel zu nehmen, Freundchen, daß ich so sans façon Eingang gesucht –« sagte der Major, die Miene des Unmuths an Jenem bemerkend, und ein fremdartiges Lächeln lief hurtig wie Geflügel über die Furchen seines Angesichts, was in diesem Augenblicke einem Winterfelde glich, matt von der Sonne beschienen.
»Den rechten Eingang finden –« fuhr er fort, »ist schwer, und mancher folgerichtige, bei dem wahrhaftigen Gott! taugt dennoch nichts.«
Herr Prälat kannte seinen Freund und dessen Redeweise zu genau, um noch eines einleitenden Wortes zu bedürfen. Eine böse Ahnung kroch an sein Herz; aber er nahm sich zusammen, und sagte mit stoischer Stimme: »Sie haben mir etwas Schlimmes anzukündigen, Major! fassen Sie Sich in der Kürze, ich bitte! ich bin gefaßt. –«
Diese Voraussetzung brachte den Major aus dem Zusammenhang. In merklicher Verwirrung antwortete er: »Schlimmes? nun ja, aber vermengt mit Gutem, wie uns die bittersten Erfahrungen gereicht werden. Das Schicksal ist ein Mischling, Glücklich retournirt, Freundchen? waren Sie schon da, wie die Estafette kam? – Sehen Sie, da habe ich mir all mein Lebtag eingebildet, ein blasender Postillon müsse ein Glück verlautbaren: etwa des große Loos – die Ankunft des Königs – oder einen Ehrenaufzug und dergleichen. Daß eine Hiobspost mit solch fröhlichem Gebläse kommen könne, das hätte ich nimmer gedacht. So erinnere ich mich, daß, als ich, ein junger Offizier damals, in B– stand, hatten wir eine Schlittenfahrt en Masque mit solchem Vorklang. Der Zug war originell genug, und wir fuhren, so zu sagen, mit Furcht und Schrecken. Der Führer der ersten Dame, ein allerliebstes Mädchen, schön wie das Leben, war der Tod! –«
»Major!« sagte der Administrator in sichtlicher Pein, »nochmals bitte ich Sie, sagen Sie mir ohne Bild, ohne Masque, Wessen Tod ich erfahren soll? – Mein Bruder –«
Es wäre nicht genau zu bestimmen, ob der alte Feldmeister hierbei nickte, oder nur das Haupt senkte, da er alle Allegorien fallen ließ, und einfach sagte: »ja, wozu die vorbereitende Folter und ihren ausdehnenden Grad? Sie sind ein Mann. Ihr Bruder – ist nicht mehr, und nur an den Ort seiner Bestimmung gelangt, um auf das Schleunigste zu sterben. –«
Alles Blut wich aus den Wangen des Administrators. »Großer Gott! mein guter Constanz!« rief er mit blassen Lippen, und fühlte in diesem herzandringenden Moment, daß Eines Vaters Blut in ihren Adern flösse. »Nicht möglich! und an Sie, Major, ist die Nachricht gekommen?« Es war, als ob ein leiser Zweifel in dieser Frage läge.
»An mich!« antwortete der ehrliche Alte mit dem Vollbewußtseyn eines wahrhaften Freundes, »mein Neffe hat es mir geschrieben, da die arme Therese sich außer Stande dazu gefühlt, und Füßli nicht Zeit gehabt hat. Füßli! der Leichtfuß vergißt zu bemerken, Wer Füßli sey, als ob mir wie dem Allwissenden aller Menschen Namen in mein Buch geschrieben wären.«
Der Major berührte hierauf in Kürze, wie? und wann? der Gemahl Theresens gestorben sey.