»Ich träume wohl?« fragte sein Bruder und legte die Hand an die Stirne, auf der noch bleiches Entsetzen schwebte, »wie aber kam der Lieutnant Feldmeister in jene ferne Gegend, und zu einer so herben Dienstleistung?« Es war, als ob er diese sonderbare Fügung im Namen des Verstorbenen übel nähme.
»Sehen Sie,« erwiederte der Major, »das ist eine merkwürdige Geschichte, und ich gäbe meine Lieblingsschmarre darum, wenn ich in meiner Jugend Logik studirt hätte. Da könnte ich Ihnen Alles fein ordentlich entwickeln, statt daß ich hinten anfange, vorn ein Fädchen abreiße, – und so weiter. Der Rudolph hat ein enormes Glück gehabt, was mir bei dieser traurigen Gelegenheit kund geworden, und mein Glaube an die Fama der Estafette gewissermaßen doch Recht. Die Fee Fanferlüsche – Sie wissen schon – hat das Zeitliche gesegnet, und ihn zum Universalerben eingesetzt. Das hätte der Junge wohl nicht gedacht, daß, als er die alte Dame Wischiwaschi aus einer lächerlichen Verlegenheit empor riß, und sie vor aller Welt Augen in den Ballstuhl setzte, sie ihn dafür für zeitlebens jeder ernsthaften Verlegenheit überheben, und so weich setzen würde? – Man schätzt ihren Nachlaß auf hunderttausend Thaler. Gleichzeitig mit diesem Vermächtniß erfährt er, versetzt zu seyn, worauf er, wie Sie Sich vielleicht erinnern, angetragen, um nicht für einen Erbschleicher zu gelten. So spielt der Zufall. Daß der Rudolph grade an den Ort kommen mußte, wohin Ihr Bruder, begleitet von der lieben Frau, seiner gesandschaftlichen Ordre folgte, scheint mir jedoch nicht von Ohngefähr. Taugt nichts! rief ich unwillkürlich aus, wie ich das las.
Nun verursacht großes Glück auch im besten Falle eine kleine Narrheit. Und wie der Ritter Don Quixote ein Barbierbecken für Mambrins Helm hielt, so sieht nun Rudolph einen Damenschuh in Allem, was ihm begegnet. Ich glaube, würde die Armee auf Kriegsfuß gesetzt, er sähe sie auf Pantoffeln von Silbermoor marschiren. Der Pantoffelheld! Der! –«
Der Administrator empfand schmerzlich, daß des alten Freundes theilnehmendes Interesse an den gemeinsamen wichtigen Mittheilungen diesmal zu silbern sey, um mit dem seinigen in Einklang zu stehen. In diesen Augenblicken schien ihm kein todtes Metall beglückend. Er hatte nur Gefühl für den Verlust eines so kräftigen jungen Lebens, welches der Welt und ihren Freuden so im Umsehen entrissen worden war.
»Ich kann es noch nicht fassen –« schob der Administrator in die Pause jenes Ausrufs ein, und sein Ton ließ errathen, daß er von der Rede des Freundes wenig oder nichts gehört, und während ihrer Dauer nur an den Verstorbenen gedacht hätte. Er sah jetzt auf, in seinem erloschenen Blicke entglomm ein Funke – und so fragte er: »Sie meinen also, Major, daß Ihr Neffe in Verabredung mit Theresen dort eingetroffen wäre? –« Der Schatten, der in diesem Gedanken auf die Abwesende fiel, verfinsterte sein Gesicht tief. Aber mit dem Eifer der Selbstentrüstung trat der Major vor ihn hin, und sprach: »da sey Gott für! daß ich so etwas nur gedacht, geschweige denn geäußert hätte. Oder es müßte eine Verabredung der höheren Mächte darunter verstanden seyn, die vorausgesehen, daß Ihr Bruder sterben, und Therese fremd und verlassen allda, einen Freund brauchen würde, der wie mein braver Artillerist für sie durchs Feuer liefe. – Besinnt Euch Freundchen! es wäre ja nicht einmal möglich gewesen; denn mein Neffe ward früher versetzt, als der Legationsrath seine Frau von hier abholte. – Hätten Sie Acht gegeben, was ich gesagt: so würden Sie jetzt hören, wo ich hinaus gewollt – mein Schwadroniren hat mich jedoch zu weit abwärts geführt. – Da geht der Rudolph eines Tages über den Markt, und stößt auf einen Menschen, der einen Schuh trägt. Jener erkennt ihn – den Schuh nämlich – an der Farbe, an dem kleinen polnischen Maße; er kennt die Dame, der er gehört. Nun läuft gleichsam dieser niedliche Wegweiser vor ihm her, und führt ihn vor die rechte Schmiede. So ists, Freundchen. Und daß mein Neffe nun der armen Therese beisteht, so viel er kann, ist nicht mehr als billig. –«
Dies Letztere sagte der Major in dem Tone löblichen Gutachtens, und mit persönlichem Accent – als ob der Lieutnant nur bewogen von der Rücksicht, in welchem Verhältniß sein Oheim zu der Familie des Hingeschiedenen stände – sich der jungen Frau angenommen. Dennoch konnte der Administrator ein Lächeln, so bitter als traurig, nicht unterdrücken, als er sagte: »es wäre dessenungeachtet sehr möglich, daß mein seliger Bruder so wie die Welt, welche er verlassen, etwas gegen diesen Curator einzuwenden hätte. –«
Der Major zog die Braunen zusammen, und klemmte die Unterlippe ein. Er fühlte wohl, daß sein Freund recht hatte; wie hätte er aber das kleine Unrecht, was in dieser Erwiederung gegen ihn selbst lag, nicht lieber männlich verbeißen als rügen, und mit der Gereiztheit eines Betrübten Geduld haben mögen? Er antwortete demnach langmüthig: »das hat der Rudolph auch bedacht, und deshalb dafür gesorgt, daß Therese den Gasthof verließe. Sie hält sich jetzt höchst wahrscheinlich auf dem Gute der Baroninn Lenau, einer Schwester seiner Mutter auf. Dies war die Intention meines Neffen, als er den Brief an mich geschrieben. Doch die Hauptsache darin hätte ich beinahe vergessen. Therese läßt Sie flehentlichst bitten, wenn es irgend möglich wäre, hinzukommen. Sie wüßte sich nicht Rath und es gäbe Manches zu ordnen, was nur den nächsten Verwandten zustände. –«
Herr Prälat sah schweigend vor sich hin. Die Forderung dieser weiten Reise von solch traurigem Anlaß, geschah zu einer Zeit, die dem Entschlusse günstig war. Sein Herz war erschüttert, und nicht von der Seite allein, wo der plötzliche Schlag der eben vernommenen Nachricht es bestürzte. Die Zukunft schwebte im Ungewissen – und es war, als wäre der Bestand aller bisherigen Verhältnisse aufgelöst. Dann konnte Sylvius ihn jetzt vertreten. Wer wüßte, ob er jemals eine so lange Abwesenheit ohne Zeitverlust für sein Amt ermöglichen könnte? – Und wie er auf der Wage der Gedanken alles Schwierige der fraglichen Reise erwog, und dachte, ob er sich auch stark genug dazu fände, die kalten Geschäfte des Verstorbenen zu besorgen, und ein warmes Bad hysterischer Thränen hinzunehmen, die Therese etwa vergießen mögte, – fühlte er mit einem nervösen Schauer, daß ein Leben von so verhängnißvollem Gewicht, und in ewiger Pendel-Schwingung wie das seines Bruders, den Todten so früh hinab ziehen müssen. In Folge dieser Betrachtungen sagte er: »seine Rastlosigkeit – glauben Sie es! hat den armen Constanz aufgerieben.«
»Das sag' ich auch!« sprach der Major, »man bekam Schwindel, vom Hören bloß. Er flog ja, wie auf Fausts Mantel –« der Hund knurrte – »still da! Dich meine ich nicht, mein Alterchen – von einem Ende der Welt zum andern. Wären wir vom Schöpfer dazu geschaffen: dann hätte er uns Flügel gegeben wie der Schwalbe, oder uns luftig gemacht wie den Wind. So aber sind wir Wesen mit Fleisch und Bein, und ein standhafter Prinz ist Derjenige, der in der Tragödie dieses Erdenlebens am würdigsten aushält. – Wir schreiten bedächtig einher, oder fahren gemächlich mit Vieren. – In der Schrift steht, der Herr habe nicht Gefallen an Jemandes Beinen, noch an der Stärke des Rosses. – Oft habe ich über diese Stelle nachgedacht. Wenn ich die Gicht in meinem Bein spürte, da empfand ich, daß der gütige Gott und Heiland kein Wohlgefallen daran haben könnte.«
»Und jetzt,« sprach der Administrator, der nur wie im Dunkeln der Gedankenreihe seines alten Freundes gefolgt war, »wo er endlich festen Fuß gefaßt haben würde, mußte mein guter Bruder sterben!«