»Ebendeswegen!« erwiederte der Major mit verstärkter Stimme, »ebendeswegen starb er. Gebt Euch zufrieden, Freundchen! – Mit aller Hochachtung gegen den Legationsrath gesprochen; aber ein Mann der Ruhe war er nicht, und so machte er sich mit der Schnellpost des Todes davon. Vielleicht war dies der klügste Streich des Diplomaten, und jedenfalls besser als ein späterer Rückzug aus dem neuen Hausstaate. Er mogte die alte Urkunde der Liebe hervorgesucht und manchen Buchstaben darin verlöscht gefunden haben. Zum Ehestande dieser seßhaften Charge paßte er nur so wie der Vogel, der sich im Fluge vermählt, sein Weibchen dann in irgend einem Neste sitzen läßt, wo dann der Teufel nicht selten ein Ei in die Wirthschaft legt.« –

Hier trat Frau Fabia ein, und bei dem Anblick der frommen Domina des weltlichen Klosterhauses erstarb das böse Princip dem alten Feldmeister auf der soldatischen Zunge. Er grüßte, schlüpfte zur Thür hinaus, durch ein unverständliches Murmeln andeutend, er wolle den bewußten Brief holen – und Herr Prälat sah sich mit seiner Schwägerin allein. Er hatte den Wagen nicht kommen gehört, ihre Ankunft schien ihm ersehnt, obzwar sie allein kam. Auch entsprach Fabiens Gesicht der Empfindung, welche sie aufnahm. Der strenge Charakter desselben war einem Ausdruck von Schwermuth und Erleichterung gewichen, der sich wechselseitig aufhob, und ein sanftes Ineinanderfließen von Klarheit und Trübsinn über ihre Züge verbreitete, was Zutrauen einflößte, sie werde eine schmerzliche Erfahrung eben so wohl zu theilen fähig seyn, als zu beurtheilen wissen.

»Es ist mir lieb, Fabia, daß Du nun da bist!« sagte der Administrator ihr entgegen tretend; aber sein Gruß klang traurig. »Denke nur, mein guter Bruder ist todt! und Therese ist nun eine Wittwe, wie Du!«

Frau Fabia erschrak. Alles, was dieser Nachmittag für sie enthalten, trat vor der Bedeutendheit dieser Worte in den Schatten; aber ein leises Streiflicht zuckte auf ihren Lippen – der Geist der Wahrsagung erschien darin, und ein Gedankenblitz des Vergleichs: Therese werde nimmer seyn wie sie.

»Um Gott! was Du sagst, mein Bruder!« antwortete Fabia, »und wäre diese Nachricht mehr als ein Gerücht?«

»Diese Nachricht,« erwiederte Jener mit abgeschlossener Gewißheit in Blick und Ton, »ist diesen Abend durch eine Estafette an den Major gekommen. Constanz ist in der Nacht seiner Ankunft in – an der Bräune gestorben, und – also erstickt!« Dies Letztere setzte der Administrator mit erstickter Stimme hinzu. Das Wasser schoß ihm in die Augen, und vor Fabiens Theilnahme, welche sich mütterlich zu äußern pflegte, das heißt: ob auch zartsinnig, doch überlegen – schämte er sich der brüderlichen Thräne nicht.

»Denke Dir das nicht gar so schwarz –« sagte Fabia leidsam, und bemühte sich, obgleich unverhehlt der eigenen Rührung, ihren Schwager zu trösten. Sie machte dabei zu Gunsten einer dunklen Stunde eine Kraft geltend, welche gewiß zu den schätzbarsten dieser oft verkannten Frau gehörte. Fabia besaß die Gabe eines wunderbar wirkenden Zuspruchs. Vermöge solcher Erfahrungen, die, indem sie das Leben trüben, den Blick des Geistes schärfen, war ihr eine tiefere Einsicht in die Herzen vergönnt, als diese sonst selten gefunden werden dürfte, wo es an Weltkenntniß fehlt, die Fabia nicht erwerben können. – Zuweilen sogar sprach etwas Sibyllinisches aus ihr. Um ihrer Zuverlässigkeit willen glaubte man an sie. Und da Fabia es für eine Pflichterfüllung ihrer Religion hielt, sich der Betrübten anzunehmen: so versäumte sie keine Gelegenheit es zu thun; in ihrem Benehmen lag alsdann eine schmerzvergütende Innigkeit, deren sie gänzlich ermangelte, wo es darauf ankam, sich mit den Fröhlichen zu freuen. Gegen den Gottesdienst der Freude war Fabia stumpf. Und da sie im Geiste der Zerknirschung den Spruch vor Augen hatte: »ein zerschlagenes Herz wird Gott nicht verachten« –: so war ihr nichts von größerem Werth, sich linden und lieblichen Wesens daran zu beweisen, als – eine Wunde. So ging ihr des Schwagers Leid sehr nahe, und zwar um so näher, als sie bedachte, er traure jetzt in gleichem Grade wie um ihren Mann. Und obgleich der verstorbene Bruder desselben ihr ein Fremder gewesen: so empfand doch auch sie seinen Tod in einem Nachgefühl ihrer eigenen Verwittwung.

»Mein Herr und Heiland! was ist doch das Leben!« sagte nun Fabia beschaulicher Weise, als der Affect des Schmerzes besprochen schien, »hier stand er noch vor wenig Wochen – ich sehe ihn leiblich vor mir stehen. Ich habe es Dir nicht sagen mögen und Keinem; aber der Bruder kam mir übel vor. Es giebt einen gewissen Verfall des Aussehens, der doch selten trügt; indeß wähnte ich, er wäre nur angegriffen von den Strapatzen seiner Reisen, auch habe ich ihn früher nicht gekannt. Glaube nur, Bester! das Zusammenleben mit Therese hätte nicht mehr gut gethan. Sie waren einander entwöhnt, wo nicht gar fremd geworden. Und was ist denn die Ehe, wenn sie Jahre zuläßt, in denen man vergnügt ohne einander seyn kann, und nach dem Lebewohl vom Munde des Gatten nun wirklich wohllebt? der Ehe Bund ist so enge, daß er alles Fremdartige ausschließt, und wo Mann und Weib einander viel zu erzählen haben: da fühlt gewiß Eins für's Andre wenig

»Du gehst zu weit, Fabia –« entgegnete der Administrator, »Tausende von Ehegatten werden durch Pflicht und Verhältniß getrennt, und lieben sich dennoch.«

Darauf sprach Frau Fabia: »es mag eine Liebe geben, die in der Trennung sogar besser besteht; aber es ist nicht die, welche ich meine. – Was nun Theresen anbetrifft: so dürfte ihr ehelich Gefühl schwerlich unter den ersteren Fall zu rechnen seyn. Wer weiß, wie sehr wir Ursach hätten, für diese Auflösung den Herrn zu preisen! – Du weißt ja selbst, wie verbitternd Scheidungen anderer Art –« der Faden ihrer Rede riß bei dieser geschwisterlichen Beziehung ab, und der Administrator schaute düster wie in eine Ferne, der Zukunft oder der Vergangenheit.