»Was soll nun aus Theresen werden?« fragte Fabia, und wendete die Richtung ihrer Gedanken, »ohne Vermögen, ohne einen Halt, der Lust am Fleiß, wie jeder Geschicklichkeit ermangelnd, die da Nutzen schafft –«
Der Administrator lächelte dieser unnützen Sorge. »Ich glaube, gute Fabia,« sagte er mit jener Ironie der Duldsamkeit, die nur ganz schwach eine Schwäche andeutet, »wir dürfen deßhalb unbekümmert seyn. Das Glück selbst scheint sich ihrer angenommen zu haben, und Wen dies sich zu eigen macht, der braucht nichts als ein paar Flügel des Leichtsinns, und diese hat Therese schon.« Und nun erzählte er seiner Schwägerinn halblaut, was er vom Major erfahren. Er schloß mit den Worten: »so läßt sich nun absehen, wie Alles kommen werde. Wenn es nun ein schöner Zug von Dir ist, liebe Fabia, daß Du das Unglück achtest, und Dem vorzugsweise freundlich bist, Den – um in Deiner Sprache zu reden – der Herr heim sucht: so laß uns Theresen mindestens nicht zürnen, daß sie verdienstlos eine Begünstigte scheint; daß noch vor dem Verlust der Ersatz schon Wurzel gefaßt, wie ein neuer Kinderzahn schon glänzend dasteht, ehe der erste fast schmerzlos gebrochen. – Auch das Glück kommt von Gott, und wir schmähen den Geber, wenn wir vom Glücklichen nicht glimpflich denken.«
Mit einem bekränkten Lächeln antwortete Fabia: »o! ich will ihr alles Gute gönnen und wünschen. Der Allwissende sieht ins Innerste, und weiß allein, ob wir treu erfunden werden oder nicht. Daß ich mich fortan auch der leisesten Verurtheilung enthalte: das ist gelobt. Ach mein Bruder! welch ein erfahrungsreicher Tag der heutige! seit gestern Abend ist mein Herz nicht aus der Presse gekommen. Ich war in Bühle – Du weißt es. Frankensterns sind da, und die Gräfinn hatte mir geschrieben. Sie ist unschuldig – und sehr unglücklich. Eine Centnerlast ist von meiner Seele gewälzt; aber ich könnte doch nicht sagen, daß mir leicht zu Muthe wäre; denn der Vorwurf, wie Unrecht ihr geschehen, wenn auch in Gedanken nur, drückt mich nieder.« Und nun erzählte auch Fabia ihrem Schwager, wie sie die Gräfinn und ihren Vater angetroffen, und wie Albane sich erklärt, hinsichtlich jenes empörenden Verdachts. Sie endete ihren Bericht mit den Worten: »und so hat denn mein Mann um ein Nichtiges sein Leben verkürzt, und das meine mir verkümmert!«
»Sieh, Fabia!« sagte der Administrator nach einer ernsten Pause, »hätten wir die göttliche Kraft, einem Menschen zu vertrauen: dann wäre uns das nagende Gefühl bitterer und fruchtloser Reue erspart, und wir hielten uns an etwas Besseres, als an Beweise. Unsere Sinne sind falsche Zeugen – nur das Herz spricht wahr, in dem Glauben an das ewig Gute.«
Ein Gedenken an Sylvius, an das, was in seinen eigensten Angelegenheiten ihm einst das Licht dieser Ueberzeugung verdunkelt – schwebte schattenähnlich vor ihm auf. »Und Josephine?« fragte er mit verhaltener Stimme.
»Sie grüßt Dich – grüßt Dich tausendmal!« antwortete Fabia. »Sie wird für einige Zeit in Bühle bleiben?« fragte der Administrator abermals, und ein Gefühl, gemischt aus Wunsch und Zweifel, ließ ihn seiner Schwägerinn diese Antwort in den Mund legen. Aber Fabia sagte nicht ja, nicht nein. Sie legte die Hand an die Stirne, und sprach: »was wird nun Romana dazu sagen? Seine Frau ist ihm so nahe – und er hat es keinen Gewinn; die Tochter ist ihm entrückt, und er muß es geschehen lassen. Und wenn Albane Josephine nicht mehr von sich ließe: wer könnte es hindern? es ist einmal Ihr Kind!«
»Wer es hindern könnte?« entgegnete Herr Prälat lebhaft und mit Wärme: »Du, Fabia! unbeschadet des mütterlichen Vorrechts ist Josephine auch Dein, durch die treue Mühe der Erziehung. Du hättest, dünkt mich, auch ein Wort dagegen zu sagen, daß das arme Mädchen in jener unheimlichen Umgebung verkommen sollte. Josephine ist an uns gewöhnt – es wäre auch hart für den armen Sylvius, wenn er ihre Nähe – dies einzige Glück, was er ohne Vorwurf genießt – einbüßen sollte.«
»Wirst Du mit ihm sprechen?« fragte Fabia mit kranker, krampfhafter Stimme, »mein Kopf glüht und hämmert; ich werde nun gehen, und mir einen Umschlag von Kräuteressig geben lassen.«
Noch eine kleine Weile hielt ihr Schwager sie zurück und berieth, auf welche gleichlautende Weise diese unverweigerliche Mittheilung an den Freund beschränkt werden könnte und müßte. Dann eröffnete er ihr den Entschluß zur Reise, was der nöthigen Gestalten wegen auch nicht geeignet war, Fabiens tobenden Kopfschmerz zu beschwichtigen. Es giebt jedoch einen Zustand des Leibes und der Seele, der die Welt in Trümmer brechen sieht, ohne etwas mehr als aus Schwäche zu wanken. Mit diesem wankenden Schritte entfernte sich Fabia, und Herr Prälat mogte seinem Freunde die Ruhe der kommenden Nacht nicht stören. Ihm selbst kam und verging sie schlaflos. Als aber der Morgen frühlingshell und heilig erwachte, da ging aus dem Chaos seiner Gedanken ein neues Licht hervor, und der Gott in seinem Busen ordnete die finstern Kräfte. –
Nachdem der Administrator nun den Brief an den Major gelesen, und sich gleichsam mit eigenen Augen von dem Geschehenen überzeugt hatte, sah er die darin enthaltenen Umstände wie mit andern an. Gesammelten Geistes hatte er eine lange Unterredung mit Sylvius, und betrieb dann seine Abreise, die in der Frühe des nächsten Tages statt haben sollte.