Die Offiziere in Corpore kamen, um dem Administrator ihr Beileid bei dem Hintritt seines Bruders zu bezeugen; auch die Nonne, die Repräsentantinn der schlafen gegangenen Geistlichkeit des Stiftes, fehlte nicht, seinem Verweser ein Wort des Antheils und der Herzlichkeit über den Entschlafenen zu sagen. Sie äußerte sich dabei in der ihr eigenthümlich milden Gelassenheit, die auf der Höhe des Alters und eines erhobenen Charakters mit Ruhe dem Wechsel des Lebens zusieht. – Veronica sprach: »besinnen Sie Sich einmal, Frau Fabia! sagte ich es nicht immer, daß die arme Therese noch nicht überhin wäre? solch glücklicher Leichtsinn ist oftmals zu großer Beschwerde bestimmt, und wer immer lustig und lässig seyn will, muß sich endlich durcharbeiten. Das Leben fordert Ernst, und selbst das Glück ist gewichtig und trägt sich schwer, wie vielmehr das Unglück! – Jener berühmte Maler aus Modena, derselbe, der die heilige Nacht gemalt hat, o wunderschöne! trug sich an einem Geldsack todt. Wollte man Therese anspannen, fleißig zu seyn, so käme es mir vor, als sähe ich einen Schmetterling an einer dräthernen Kette sein Futternäpfchen ziehen, wie man Vögel abzurichten pflegt. Ich gönnte es ihr, daß sie sich von Blumen nährte.«

Ein wenig Wermuth bitterte auf Fabiens Lippen, da sie antwortete: »wenn ich die Schwägerinn so eitlem Treiben hingegeben sah, so gänzlich unbekümmert um das Eine, was Noth ist, dann dachte ich wohl an jene Stelle in den Psalmen, die da heißt: es wird ein grausamer Engel über Dich kommen –«

»Das ist denn der Gasthof zum Engel für die Aermste gewesen –« entgegnete die Nonne mit einem stillen Seufzer. Die beiden Prophetinnen theilten sich flüsternd mit, was sie von der Zukunft der jungen Wittwe dächten. Veronicas Schauen war ein gläubiges im Geist der Liebe, die allen Menschen Gutes wünscht, und das Beste gönnt. Und weil das Versagte uns das Höchste scheint, und die Reinheit des Ideals uns für den Nichtbesitz entschädigt: so that sich der Himmel vor ihr auf, der Himmel auf Erden, als wofür sie eine Ehe hielt, aus gegenseitiger Neigung geschlossen.

Der Fernblick der Frau Fabia hatte die Erfahrung für sich. Indem sie wußte, daß eine Frau auch Tugend und Treue bedürfe, um ihren Mann auf die Dauer zu fesseln, setzte sie das Glück in den Selbstgenuß eines reinen Bewußtseyns, und Theresen deshalb in den Fall mancher trüben Stunde, die sich von vergangenen Tagen herleite.

Frau Fabia mag auf ihre Weise Recht haben. Aber eben so gewiß ist es, daß jenes schöpferische Genie des Glückes, daraus die Poesie des Lebens, ja, das Leben selbst hervorgeht – in etwas Unbewußtem besteht, und daß die Erfüllung unserer Pflichten nicht hinreicht, uns selig zu machen, hier und dort. –

Unter den Pensionairen des Klosterhauses von Sanct Capella hatte nur Einer keine Notiz von dem traurigen Ereigniß genommen: Hauptmann Moorhausen, und der Administrator, trotz seiner Zerstreuung, ihn doch vermißt, da der gutmüthige Fabulist einer wahrhaften Theilnahme an Allem, was diese Familie betraf, sonst nie zu ermangeln pflegte.

Gegen den Abend – Sylvius de Romana war von einem einsamen Spaziergange in die Wildniß des Waldes noch nicht zurück – Frau Fabia für ihren Schwager mit Einpacken beschäftiget, und Herr Prälat allein in seinem Zimmer, um einiges Nöthige für seine Abwesenheit zu besorgen; da trat der Hauptmann bei ihm ein.

Obgleich Jener verdüsterten Blickes von seinem Schreibpult aufsah, als ob der Flor um seinem Arm ihm vor den Augen läge, so bemerkte er doch, er sähe den Hauptmann in der Staatsuniform. Die weißen Glaçee-Handschuh, blendend neu, doch mit einem gelblichen Schein vom langen Liegen – glänzten leichenförmlich mit gekreuzten Fingern auf dem Invalidenstocke, und deuteten trauerfeierlich auf den Tact der Condolenz, da von festlicher Eleganz anderer Art hier nicht die Rede seyn konnte. Seine Miene drückte den Anstand des Bedauerns, und einen Hinterhalt von Selbstgefälligkeit und Absicht aus. Er versicherte seine Theilnahme, und gemahnte in dem allegorischen Schwunge, den er dabei nahm, an die Sprache eines altmodischen Neujahrswunsches, der unter seiner Vignette, gepreßt mit den Insignien der Zeitlichkeit, einen Amor mit flammendem Herzen verbirgt, das im Verhältniß seiner Größe zu dem kleinen Gott jenes zwanzigpfündige anschaulich machte, wovon er einst erzählt.

Der Administrator dankte in Kürze und lächelnd. Er erkundigte sich nach des Hauptmanns Befinden und sagte, daß, da er ihn diesen Morgen unter den andern Offizieren nicht bei sich gesehen, er beinahe gefürchtet, Jener, welcher bisweilen an krampfhaften Zufällen litt, hätte sein Zittern wieder bekommen.

Der Veteran erröthete, faßte unter die straffe Halsbinde, räusperte sich und sprach: »au contraire, Werthester! ich war nie gesünder, und fühle mich wie verjüngt. Meine Natur –« »ist vortrefflich; ich weiß es –« unterbrach ihn der Administrator, der sich heute nicht stark genug fühlte, den Kampf mit dem Riesen dieser Imagination zu bestehen.