»Von Zittern keine Spur –« setzte der Hauptmann die Ruhmrede seiner Gesundheit fort, »und nur aus einem festen Grundsatze kam ich nicht früher. Mir widersteht die übliche, oder vielmehr üble Sitte, daß man mit seiner Theilnahme zudringlich werde, und en Masse über Einen herfalle, dem ein Trauerfall begegnet ist. Leidtragende mögten auf diese Weise unterliegen – und Delicatesse in der Freundschaft geht mir über Alles.«
»Sie ist die Grazie des Gefühls –« entgegnete der Administrator wie mit trübem Spott; doch konnte er nicht umhin, in dem, was Moorhausen gesagt, zum erstenmale etwas Wahres zu finden.
»Grazie! ja, auf Ehre!« antwortete jener, »das ist das rechte Wort.« Und das fletschende Lächeln, womit er es aussprach, gab den Inbegriff weiblicher Anmuth in die widrige Gewalt eines Fauns. »Diese Eigenschaft,« setzte er mit Grimasse hinzu, »ist jedoch nicht Jedermanns Sache, und ich glaube, ihr verdanke ich es allein, daß mir alle Leute gut sind. Ich muß etwas Anziehendes an mir haben – wo aber steckt es? dachte ich oft. Mir selbst unerklärbar. Als ich ein Knabe war, schenkte mir eine alte Pathe einen Magnet, in Gestalt einer Seejungfer – wir können nicht ableugnen, in manchem Sinnbild wirkt Magie. Mein Glück bei dem schönen Geschlecht war enorm – ich könnte Ihnen zum Erstaunen davon erzählen.«
Herr Prälat entsetzte sich vor dieser Möglichkeit und sprach hastig in jener flüchtigen Tonweise, die nicht zweifeln läßt, man wünsche verschont zu bleiben: »zu besserer Zeit, Capitain! ein andermal wird mir das viel Vergnügen gewähren.«
Doch nichtsdestoweniger verfolgte dieser Unabweisliche den Lauf der Rede wie folgt: »die Weiber – ich sage Ihnen –«
»liefen davon?« fiel der Administrator mit verzweifelndem Humor ein. Der Hauptmann stutzte betroffen, und jener setzte vergütend hinzu, »ich meine, aus Furcht vor dem Sieger.«
»Ah so!« antwortete der Cäsar des Invalidencorps, zufriedengestellt, »diese kleinen Feinde wissen sich in ihren Waffen zu behaupten. Doch Wer sich stark fühlt, der hüte sich nur vor einer Delila, die ihn an die Philister verräth. Auch dem niedlichsten Satan hätte ich mich nicht bei einem Haare fassen lassen. – So oft ich sogar auf eine Dame im Spiel pointirte, Tausend gegen Eins: ich gewann. Aber ein Mann von Ehre benimmt sich auch discret, wo er gewiß ist, sein Fortüne nicht zu verfehlen.«
Der Administrator warf einen vielsagenden Blick auf den kahlen Scheitel dieses Simsons, und rief mit einem stillen Seufzer das Glück an, statt seiner ein Thor der Erlösung zu erschüttern, daß er frei würde. Es verließ sofort seinen Prahler, der den Stuhl heran schob, als wolle er dem Zwecke seines Besuchs näher kommen – und entrückte ihm das Ziel.
»Jetzt freilich,« sprach der Hauptmann, »habe ich manchen bedenklichen Augenblick, daß ich die Gunst der Gelegenheit mir entfliehen ließ. – Was nützt mir all' mein aufgespartes Vermögen? mein schönes Geldchen, und mein Gut? ich genieße es allein. Das macht grämlich vor der Zeit. Ich bedürfte Jemandes, der mich erheiterte.«
Der Administrator lächelte ein wenig skoptisch, indem er erwiederte: »Wer so Viel in sich trägt, wie Sie, dächte ich, kann kaum in den Fall kommen, durch Gesellschaft zu gewinnen.«