»Den Teufel auch, mein Freund!« antwortete der martialische Moorhausen, durch den leisen Stich, der ihm schmeichelnd versetzt worden, empfindlich gereizt. »Ein Mann von so ungeheuern Erfahrungen wie ich, ist nur um so mehr einsam, und bedarf seines Gegensatzes, eines kindlichen Wesens, dem er imponirt, das er glücklich macht, und welches ihn ergötzt – und so habe ich denn längst reiflich überlegt und erwogen – Hm! Hm! es wäre das Zuträglichste für mich, ich heirathete. Nur schwankte das Schiff meiner Gedanken, nach allen Richtungen der Windrose; ich wußte nicht recht, wohin mich wenden? bis ich denn endlich wie durch einen plötzlichen Ruck fest in meiner Wahl geworden bin.«

Der Administrator starrte den Hauptmann an. Er dachte an eine Windsbraut, und wie das Schifflein, dem darnach gelüstete, vermuthlich auf eine Sandbank gerathen wäre. So sprach er nicht ohne einen Blick mitleidigen Ernstes auf den kühnen Segler: »Heirathen? Sie scherzen, Capitain.«

»Nicht daß ich wüßte –« antwortete Dieser, und zog die Stirn kraus. »Mir ist wahrhaftig in Gott! nicht spaßerlich zu Muthe. Auch wäre das zur Unzeit, Freund! weil aber die rechte Zeit treffen, ein Punkt ist, den ich stets im Auge gehabt – weshalb man mich auch beim Regiment den glücklichen Zieler zu nennen pflegte: so zog ich mich diesen Morgen in mein Zimmer zurück, und wartete bis jetzt. Ist das Gemüth einmal afficirt: so wird auch der beste Mensch leicht in Harnisch gebracht gegen eines Andern Anliegen. Man sagt: Weilen bringt Gefahr; aber die Eile thut es nicht minder. So erinnere ich mich, daß als meine Mutter im Sterben lag – es dauerte lange, und es ist schrecklich, daß auch Leute von Rang so ringen müssen – kamen Schlösser, Schreiner, und so weiter – um die Arbeit für die Leiche, die es noch nicht war, zu erbitten. Darob ergrimmte mein Vater dergestalt, daß er einen jener armen Handwerker, die um das liebe Leben zu fristen, dem Tode vorausgeeilt waren, beinahe gemißhandelt hätte. – An diese Scene mußte ich unwillkürlich denken, da ich Anstand nahm, früher als in diesem Augenblick mich Ihrer gütigen Fürsprache bei der Wittwe Ihres Herrn Bruders zu versichern. Uf! nun war's heraus. –«

Der Administrator zweifelte jetzt nicht mehr, daß Moorhausen den Verstand verloren hätte. Er meisterte daher sein sprachloses Staunen, und indem er in diese fixe Idee einzugehen schien, sagte er so vernünftig als möglich: »in der That, Sie fühlen fein; es wäre wirklich ein Stückchen Arbeit, was Sie in Theresens Hand ansprächen. –«

Ein Lächeln der Selbstzuversicht verklärte den alten Ehestandscandidaten. »Sie meinen,« sprach er, »die schöne Frau würde mir den Kopf warm machen? thut nichts. Die kleine Hexe hat mir's angethan – werde schon mit ihr fertig werden. Eine Gardinenpredigt hält Die nicht, dafür stehe ich Ihnen. Und diese fatale Theologie macht nur verstockte Sünder und Langeweile. Wir liefern kleine Gefechte, allerliebste Scharmützel. Sie giebt mir Eins drauf – ich aber liebe das.« »Capitain Moorhausen,« versetzte Herr Prälat, dessen Stimmung nicht darnach war, diesen Unsinn länger auszuhalten, »Sie sind ein eben so einsichtsvoller als expediter Mann. Wie zeitig Sie auch in dieser Angelegenheit kommen, ich habe dennoch Grund zu glauben, es geschähe in jedem Sinne zu spät. Sollte meine Schwägerinn sich wieder verehelichen: so steht ihr der Mann, den sie wählt, zweifelsohne schon zur Seite. –«

Dem Hauptmann entfiel der Stock, sein Gesicht verlängerte sich zusehends. Der Administrator bückte sich nach dem Bambus, und legte ihn in die Hände, an denen jenes erwähnte Zittern sichtlich zu werden anfing. Und mit unverkennbarer Redlichkeit redete er sofort: »sehen Sie diese zutrauliche Erklärung meiner Seits nicht für einen Korb an; auch reiche ich Ihnen hiermit nicht den Stab zum Weitergehen in dieser Absicht. Nein! nur einen Stützpunkt auf dem einsamen Gange, der unter manchen Umständen, und in gewissen Jahren auch sein Gutes hat. Zuweilen borgt der Geist der Lüge die göttliche Stimme, welche einst sprach: es ist nicht gut, daß der Mensch allein sey.«

Der Hauptmann verstummte. Er bat nur noch, daß sein Vertrauter auch schweigen möge. Die Glaçeehandschuh platzten bei dem Händedrucke des Abschieds, den er bald darauf nahm. Der Krampf zog ihm die Brust zusammen, das Herz schlug Chamade. Er ließ die Flügel tief hängen – und selbst der kleinste Querpfeifer bei seinem ehemaligen Regiment würde diesen Preiswürdigen jetzt nicht »den glücklichen Zieler« genannt haben.

Josephine war nur ein paar Wochen in Bühle. Obgleich – nach der Zeitrechnung des Geistes – fast kein Augenblick verging, in welchem ihre Gedanken nicht hinüber schwebten nach St. Capella und weiter noch, da sie ihren Schutzfreund auf Reisen wußte –: so machte doch ihr jetziger Aufenthalt sein Recht auf dies empfängliche Gemüth geltend. Die traumhafte Stille des Schlosses, der melancholische Reiz seiner Umgebungen, die einsiedlerische Schwermuth der Gräfinn, die selbst der Umgang ihres liebenswürdigen Kindes nicht zerstreuen konnte – die unheimliche Welt ihres Vaters, welche schweigsam die magischen Kreise zog, wirkte, vereint mit der Stimme der Natur, auf das junge Mädchen, dessen Herz jedem tiefen Eindruck offen war. Der Frühling hatte sich indeß entfaltet, und prangte in völlig aufgeschlossener Schönheit. Auch in die dumpfen Zimmer und Säle des herrschaftlichen Hauses von Bühle drang sein milder Hauch, und die warmen Sonnenschatten von den aufknospenden Blättern der Linde spielten an den kalten Wänden, und mischten ihren lebendigen Schein mit dem todten Ernst der Ahnenbilder. Der Brunnenstrahl blitzte vielfarbig, wie ein Ueberfluß von Diamanten, und sein eintöniges Rauschen weckte eine Quelle der Ahnung in dem Herzen seiner düstern Anwohner, und floß mit dem Strom von Lust, Leid und Leben zusammen, der die verjüngte Schöpfung schwellte. An einem der schönsten Abende hob Graf Frankenstern den Blick vom Boden auf, über den die Sonne lange goldene Brücken schlug, so daß die Möglichkeit ihm einleuchtete, sie zu passiren. – Er hatte den lieben langen Tag mit so tief gesenktem Auge vor sich hin gesehen, als wolle er das Räthsel des Daseyns ergründen; doch als jetzt das himmlische Licht über diesen Abgrund schien, verlangte er, Josephine solle ihn in den Garten führen. Dies war unerhört. Seit Jahren hatte der Graf keinen Spaziergang gemacht, und nur den Sitz im Sessel mit dem Polster der Kutsche vertauscht. Freudig gehorchte das Mädchen, und reichte schnell, ehe der Vorsatz ihn gereue, Hut und Stock dar, und schlang ein kleines Tuch von Persischer Seide zur Fürsorge um seinen Hals. Die Gräfinn wollte nachkommen.

Vorsichtig leitete Josephine den schwachen Greis die Treppe hinab, und unterstützte ihn zart, doch jugendkräftig. Seine gleitenden Schritte, das fühlbare Wanken des verfallnen Körpers bewegten ihr das Herz im Busen, und ihr elastischer Fuß ging so langsam als möglich. Der Bediente öffnete das eiserne Gitterthor und geleitete seinen Herrn mit theilnehmenden Blicken von ferne. Sie traten in den grünen Bezirk. Alles stand hier noch unverändert; nur die jungen Bäume waren groß und stark geworden, seit der Graf sie zum letzten Male gesehen, einige hingen voll Blüthen, und schimmerten mit weißröthlichen Büscheln lieblich zwischen dem finstern Gehölz.

Josephine athmete tief – und ein leiser Seufzer, ein Odem von langem Weh, schwebte auf den stummen Lippen des Grafen, und vermischte sich mit der Wonne der süßen, ambrosischen Luft. Beinahe taumelnd vor Schwäche, strebte der Graf doch weiter und weiter, obgleich Josephine ihn bescheiden aufmerksam machte, es mögte ihm für's Erste wohl zu viel werden. So waren sie an einen Platz gekommen, der eine schöne Aussicht bot. – Unter einer breitästigen Esche winkte ein weißer Gartenstuhl, so hart und kunstlos, als hätte ihn ein Eremit geflochten – zur Ruhe. Der Graf ließ sich mit Hülfe seiner Führerinn darin nieder, und Josephine setzte sich schmeichelnd zu seinen Füßen. Es war eine kleine Anhöhe. Der Wind kräuselte sanft das grüne Meer der Saat, ein lindes Säuseln, wie von Geisterflügeln, regte sich in den Wipfeln des Baumes. Eine ahnungsvolle Stille rings umher! – Der Graf senkte das Gesicht, um sein Auge an dem frischen Anblick zu stärken. Er sah die Ernte im Geist – und die dünnen Halme seines Haupthaars weheten silberweiß auf und nieder, als wäre das Feld nun reif und der Schnitter in der Nähe.