»Die Welt ist doch schön!« sagte er nach einer beschaulichen Pause, »wenn das Leben so hervorgeht, und Alles wach wird: wach!« Und mit fallender Stimme setzte er scheu und furchtsam hinzu: »gehst Du gern schlafen, mein Kind?« –

Josephine fuhr aus träumerischem Sinnen empor. Sie antwortete: »ich? wenn ich müde bin, sehr gern. Der Schlaf, die Ruhe der Wesen, ist etwas recht Holdes. In sanfter Betäubung stärkt sein Labsal. Wer mögte ihn nicht lieben, diesen Wohlthäter? – Auch beunruhigt mich nie ein böser Traum – höchstens träume ich seltsam. In der verwichenen Nacht wärmte ich einen Schneekönig an meiner Brust – der war erstarrt; plötzlich flatterte er auf, und verschwand in den Wolken – und traurig sah ich ihm nach.«

»Schneekönig?« erwiederte der Graf, »das ist ein kleiner Vogel, nicht wahr?« Und wie aus einem Geklüft seines Gedächtnisses tönte ein Echo jener Stelle: »der Mensch wird geboren zu leiden, wie die Vögel schweben, emporzufliegen.« – In vergleichendem Sinne sagte er: »die Vögel des Waldes sind glücklicher daran als wir; sie steigen aufwärts mit fröhlichem Gesange – die Tiefe nur ist still und schrecklich. Wer aber schläft, ist allein, ist in Gefahr, und schließt sich sein Auge, dann –« Josephine sah mit offenem blauen Auge zu dem Greise auf, der unter einem Schauer verstummte, ehe er noch ausgeredet hatte. Sie sprach mit leidsamem Widerspruch: »das will mir nicht so vorkommen, lieber Herr Graf. Die Menschen sind einsam, und daß sie es wissen, ist ihr größter Schmerz. Wer aber schläft – und wäre es auch im Grabe – genießt unbewußt Frieden, und Gott schützt den Schlummer des Gerechten! –«

Graf Frankenstern schien sichtlich erschüttert durch diese Rede des Mädchens. Mit zitternder Lippe wagte er etwas auszusprechen, was ein halbes Säculum nicht laut in ihm geworden war: das Bannwort seines Dämons. Er sah Josephine dunkeln Blickes an, und sagte: »so fürchtest Du Dich nicht vor dem – Tode – mein Kind?«

Ein unsterbliches Lächeln verklärte mit der Abendsonne zugleich Josephinens reine Züge. »Nein! gewiß nicht!« versicherte sie mit Innigkeit. »Ich halte dafür, der Tod sey ein verkannter Engel; kein Bote der Schrecken. Er kommt ja auch nur auf Gottes Geheiß: wie sollte er einer kindlichen Seele nicht willkommen seyn – früh oder spät! – Das kleinste Blümchen zerstiebt, und wenn seine Zeit da ist, erblühet es auf's neue; die Sonne geht unter und schöner wieder auf, und das Herz, welches selbst im Traume den kleinen Schneekönig erwärmt, sollte erstarren – und nicht für den Himmel schlagen? – Könnte ich glücklich machen, Alle, die ich liebe, ich gäbe gern die kleine Blume meines Lebens hin.« Ein paar Thränen rollten, als Josephine dies sprach, von ihren Wangen, und der Thau auf einer jungen Rose glänzt nicht schöner.

Dies war der wunderbare Moment, der eine gequälte Seele erlösete. Der Graf athmete auf mit leisem Stöhnen, wie Einer der erwacht, und sprach: »ich sehe ein, daß Du recht hast, mein Kind, und wie bleiern meine Augen geschlossen gewesen. Mir ist, als ob ein Gespenst verschwände – als ob es Morgen würde. Mir ist recht klar. Nun will ich erst noch einmal zu leben anfangen. Sieh! was dort so golden funkelt, ist das nicht Sanct Capella? vorhin erkannte ich es deutlich. Wir wollen nun nächstens einmal hinüber fahren.« Josephine lächelte wehmüthig, und das Herz war ihr unsäglich schwer. »Und glaubst Du wohl,« fragte der Greis abermals nach einer stillen Weile, »daß ich die Abendglocke höre?« Dem Mädchen kam ein Grauen an: es war fast unmöglich in dieser Entfernung. »Ich bin doch müde von dem kurzen Gange,« sagte er mit matter Stimme, »laß mich ein wenig an Dich lehnen – oder ist Deine Brust auch krank? –«

Josephine umschlang mit weichem Arm seine Schulter, und drückte das sinkende Haupt sanft an sich. Sie schwieg bange, und schaute geängstet aus, wo die Gräfinn nur bleiben möge? Da kam Albane. Das leichte Rauschen ihrer Schritte, den Gang, der ihm so treu durch die Wüste des Daseyns gefolgt, vernahm ihr Vater noch einmal. »Mir däucht, ich sähe meine Frau –« stammelte er kaum verständlich, »warum sprichst Du so leise? – –« Und jetzt sprach der Graf nicht mehr, und athmete schwächer und schwächer. Die Gräfinn knieete in's Gras und faltete die Hände; ihr Gebet war ein unaussprechlicher Seufzer. Josephine glühte wie eine Fackel. Angst und Abendschein gaben ihr die flammendes Gestalt eines Cherubs. Sie glich dem Genius des Todes, wenn er sich des müden Menschen erbarmt: dem Sinnbild ihrer eigenen Vorstellung. Mit bebender Hand streichelte sie den kühlen Scheitel, den der Gedanke verließ, und dessen Sinne schon geschlossen waren. Sie legte den Finger prüfend an den Puls der Schläfe, und fand ihn stockend – nun stand er stille.

»Er ist gestorben –« sagte Josephine mit der allerleisesten Stimme, als könnte ein Laut ihn wecken.

Albane schwieg noch immer und weinte nur heftig. So blieb die Gruppe lange in heiligem Verstummen.

Jetzt schlief Josephinen der Arm ein; denn der Todte ward starr und schwer. Sie lehnte ihn zurück in den Sessel, und die Seinen schauten nun in sein erblaßtes Angesicht.