»O mein Vater!« sagte die Gräfinn mit heißen Thränen, »kann man leichter und schöner sterben, als Du? Dein ganzes Leben war nur eine Flucht vor Dir selbst, eine Furcht vor dem Tode, und freundlich erschien er Dir, und ereilte Dich zu lieblicher Stunde.« In zerrinnenden Bildern sah Albane sein hartes Geschick und was sie mit ihm ertragen. Und so ergoß ihr gepreßtes Herz sich in den bekannten Strophen: »schlummre wohl indeß, du träge Bürde seines Erdengangs! ihren Mantel deckt auf Dich die Nacht, und ihre Lampen brennen über Dir im heil'gen Zelte. – «

Es schien der Gräfinn bedeutsam, daß ihr Vater unter einer Esche verschieden wäre, welchem Holze dieses Baumes man eine wundstillende und schmerzheilende Kraft zuschreibt. –

Die Sterne brannten schon am Himmel, und ihr feierliches Licht fand jene Gruppe noch unverändert. Jetzt fing die Abendluft an kühl zu werden; die Gräfinn erschauerte in jenem Frösteln, welches man nur in der Nähe des Todes empfindet, und auch Josephinens blühende Wange war sehr blaß. – Auf einen Wink der Ersteren ward der weiße Gartensessel mit seinem stillen Inhaber sacht und sanft aufgehoben, und nach dem Schlosse getragen. Hier ließ man die Vorhänge tief herab, und die entseelte Hülle auf ein Lager nieder. Viele Kerzen wurden angezündet, auf daß es hell würde um den allerdunkelsten Schlaf. Albane und ihre Tochter setzten sich zu beiden Seiten des Verstorbenen, und blieben die Nacht hindurch bei ihm, weil sie fürchteten, er könne im Starrkrampf liegen. Hätte der Graf dies vorausgesehen: der traute Anblick dieser ersten Nachtwache würde ihn sein Lebelang beruhiget haben. An der Kerze, welche ihren geheimnißvollen Schein auf seine schweigsamen Züge warf, blühete ein glimmender Brief – dies Auge aber war geschlossen, und las keinen mehr. Es hatte sich für jenen Freibrief geöffnet, der nicht mit Dinte geschrieben ist, oder Funken, oder in den rinnenden Sand der Zeit, sondern mit dem Geiste des lebendigen Gottes.

Draußen erwachte der Gesang der Lerche, und vor der goldnen Leuchte des Tages erbleichte das nächtliche Licht. Ein purpurner Schimmer breitete sich mählig über den Leichnam aus – da verließ ihn die Gräfinn unter den Flügeln der Morgenröthe, und begab sich zur Ruhe, deren ihre erschöpften Kräfte bedurften. Auch Josephine wankte von hinnen, zu versuchen, ob sie ein wenig schlummern könne? doch ihre Pulse klopften wie im Fieber, und das Herz schlug hoch und ängstlich unter dem weichen Sterbepfühl ihres Großvaters.

Wie Albane es sich im Stillen gelobt: so geschah es. Die Section des Grafen ward, nachdem der Arzt die Auflösung desselben dargethan, ohne Geräusch vollbracht, und dann – da kein eigentliches Familienbegräbniß in Bühle vorhanden war, sein sterblich Theil in Sanct Capella beigesetzt. Das Herz ihres Vaters aber blieb, in einer Urne verwahrt, ihr Eigenthum. – Um jedes Aufsehen zu vermeiden, ging die Bestattung zu später Zeit vor sich, und nur das Heer der Sterne gab dem düstern Leichenzuge Glanz und Geleit. Still, wie der Thau der Nächte sinkt, fielen Albanens Thränen, und Josephine dachte mit Wehmuth daran, wie der Graf wenige Augenblicke vor seinem Abscheiden von der Fahrt nach dem Stifte gesprochen. –


Nachdem der Administrator seiner brüderlichen Pflicht vollkommen und nach bester Einsicht genügt, kehrte er, zufrieden mit dem Abschluß dessen, was ihn hierher gefordert, nach seiner Heimath zurück. Auf der langen Reise hatte er Muße, über dies Fragment seines Lebens nachzudenken, und auch die tiefsinnige Neigung dazu. Seine Brüder waren nun beide todt. Die Beschäftigung mit den Papieren des Jüngstverstorbenen hatte ihn dem Constanz inniger verschwistert, als das Vermächtniß der mütterlichen Natur ihn jemals fühlen lassen, daß sie ihnen Einen Vater gegeben. Er nahm ein besonderes Gefühl von Einsamkeit mit hinweg – er stand nun allein. Wunderbar genug war Therese, welche länger als zwei Jahre in häuslicher Verbindung mit ihm gelebt, ihm fast entfremdet worden, im Gegensatz zu der Erfahrung, nach welcher eine Auflösung durch den Tod Familienbande selten erschlafft, sondern sie vielmehr enger zieht. Auch hätte die Weite den Verknüpfungspunkten ihrer gegenseitigen Anhänglichkeit wohl am wenigsten geschadet. Ein anderer Schutzfreund nahm sich ihrer innigst an, und solch ein Edelstein für weibliche Fassung ist immer ein Solitair. Diese Regel ist ohne Plural. –

Es lag nicht in Theresens Wesen, Schmerz zu heucheln, mit Thränen Prunk zu treiben, oder sich in der Rolle einer Artemisia zu gefallen. Mit bewundernswürdiger Gewandtheit veränderte sie den Faltenwurf des Trauerflors, und verhüllte nur ganz leicht die Brust, voll von dem Wunsche, das Leben möglichst zu genießen, und kaum die Blöße der flatterhaften Schultern, welche keinen Kummer tragen könnten. So hatte die schöne leichtsinnige Frau es ihrem Schwager keinen Hehl, daß sie, sobald der Anstand es nur irgend erlaube, den Lieutenant Feldmeister heirathen werde, und sich von diesem Bündniß des Glückes Fülle verspreche. Mit jenem entziffernden Instinkt der Schlauheit, welche unser Geschlecht in den geheimsten Zügen eines Männerherzens lesen läßt, verschwieg sie ihm die Leidenschaft, welche diese Bürgschaft leistete, und sprach nur von den soliden Eigenschaften des künftigen Gatten, von seinem Erbvermögen, was sie über jeden Mangel hinwegsetze und sicher stelle; als ob sie darin die Gewähr fände, welche zunächst auf dem Grade ihrer eigenen Zuverlässigkeit beruhete.

»So dürfen wir auch hoffen,« setzte Therese wie zum Facit der aufgezählten Summe ihrer Hoffnungen hinzu, »daß die gute Baronin uns ihr schönes Gut vermache. Sie hat schon ein Wörtchen davon gemunkelt. Dann lebe ich den Sommer über hier, glückselig wie eine kleine Fee in meinem Blumenreiche. Den Winter aber bringe ich in der Stadt zu. Eine Offiziersfrau steht immer ein wenig auf freierem Fuß, auf halbem Sold ihres Standes gleichsam, und ist von den Philistern entlassen. – Sieh! so geht bei uns das Sprüchwort in Erfüllung, wo Tauben sind, fliegen Tauben zu.«

Der Administrator hing schweigend an diesem geschwätzigen Munde, dem er so oft ein willigeres Ohr geliehen – und sprach jetzt wie von einem plötzlichen Ingrimm überrascht: »nun so spanne Deine Tauben vor den Wagen der Liebe, und sorge, daß ihrer keine der Geier hole.«