Therese sah ihren Schwager betroffen an. »Bist Du mir böse, Cölestin?« fragte sie, scheu geworden, »und dem Rudolph bist Du wohl auch nicht gut?«

Herr Prälat verneinte mit Hitze jede Animosität gegen den Nachfolger seines Bruders, und sagte dann: »wie sollte ich Dir zürnen, Therese? Du bist ein Weib! –« Er lächelte bitter. Es lag viel herbe Wirklichkeit in diesem Lächeln, der Zauber jener kleinen einschmeichelnden Gaukeleien, die das Urtheil eines Mannes so leicht verblenden, war verschwunden. – Er nahm einen kühlen Abschied von der künftigen Frau von Feldmeister; Theresen aber schossen ein paar warme Thränen in die Augen.

Die Baroninn Lenau empfand, vermöge der Sympathie ihres Geschlechts, den Kaltsinn, der ihre Schutzbefohlne betrübte, und sagte, als diese weinte: »das ist nun nicht anders, meine Goldtochter! wenn das Kind todt ist, hat die Gevatterschaft ein Ende.« Theresen aber fiel der Taufstein auf das Herz. –

Der Administrator hing, wie wir bereits erwähnt, seinen stillen Betrachtungen nach. Wie anders erschien ihm Therese als sonst! Nicht der Bruder ihres Mannes war in ihm gekränkt, sondern der Mann im Allgemeinen. Er bedauerte es nun nicht mehr, daß ein mitleidiger Tod den armen Constanz einer schlimmeren Verkältung entrissen. Er dachte an die Worte des Majors. Dabei konnte er nicht umhin, mit inniger Achtung Fabiens zu gedenken. Er gestand sich, daß der pflichtgetreue Sinn einer Frau wohl die Gabe aufwöge, den Augen eines Mannes zu gefallen, und Theresens Liebreiz sank gegen den charakteristischen Gehalt ihrer Schwägerinn tief in der Wagschale. – Doch man vergesse nicht, daß Therese abwesend war. –

Wenn nun Fabiens Gatte die Augen auf immer vor einem Phantom geschlossen, und Theresens Gemahl einem Schatten nachgejagt, der ihn vor der Zeit ins Grab stürzte: so mußte die philosophische Selbstfrage in dem letzten der drei Brüder entstehen: von welchem Geist und Wesen sein Streben sey? Er stieg bis in die Gründe seines Herzens hinab, und was er da gefunden, wollen wir einstweilen auf sich beruhen lassen. – Dort lag seine Jugendliebe unter tiefem Schutt in sich selbst zerfallen; aber der Glaube an diese göttliche Kraft stand noch fest, und die Freundschaft unterstützte ihn, wenn gleich als Kummersäule. Die Nachricht von der Ankunft der Gräfinn hatte seinen Freund Sylvius außer sich gesetzt, und der Administrator ihn in dieser äußersten Aufregung verlassen müssen. Jetzt dachte er bekümmert darüber nach, was aus diesem ganz einzigen Verhältniß nun werden solle? – In den zartesten Beziehungen hing ein Theil seines eigenen Glückes davon ab – und nicht der kleinste.

Mit aufgehobenem Gleichgewicht seiner Empfindungen kam er in Sanct Capella an, und das Erste was er vernahm, war: daß Graf Frankenstern unterdessen ein stiller Bewohner des Stifts geworden sey. Der Verweser desselben erschrak über diesen Verwesenden; denn daß Gräfinn Albane nun wegziehen und ihre Tochter mit sich nehmen würde, war die natürlichste Ideenfolge; aber sie führte ihn traurig ein. Er trat in das Kloster wie in eine Einöde. Seine Wohnung däuchte ihm unsäglich weit, und so war es ihm im Stillen lieb, daß er am Abend seiner Heimkehr mit Fabia nicht ganz allein wäre. Der Major und Schwester Veronica kamen, den Wirth des Hauses willkommen zu heißen. Der Administrator stattete Bericht ab, jedoch in Kürze, und hier und da sogar abgerissen. Fragen der Frauen, querfeldeingeschoben, konnten den Zusammenhang nicht durchaus ergänzen, wie sehr es auch der apostolischen Fabia zuwider war, daß ihr Wissen, wie das unser Aller, nur Stückwerk seyn solle, und wie auch Veronica, die fromme Tochter der Kirche, ihre Abstammung nicht verleugnete, und sich diesmal als Evens Tochter bewies. Wir sprechen die gute Nonne selig, aber von der Erbsünde einer kleinen Neugier gar nicht frei. –

Herr Prälat lief flüchtig über die Vorgänge der Krankheit und über den Hügel hin, darunter sein Bruder schlief, und hielt sich nur etwas länger bei dem Glück des jungen Feldmeisters und dem Gute der Baroninn auf, was auch zu diesem gehörte. Von Theresen sprach er vermeidlicher Weise so wenig als möglich. Man nahm das Geschick dieser Beiden als ein entschieden gepaartes an, und stellte unter mancherlei Bemerkungen dieser Ehe das Prognosticon.

Der Major hob an: »der Rudolph hat Glück, und ich gönne es ihm von Herzen, denn er verdient es auch. Er ist ein tüchtiger Mensch, ein ehrenwerther Soldat – doch mag er sich in Acht nehmen, daß er nicht zu einem verrufenen Regiment komme. Der Pantoffel ist sein Schicksalszeichen – und die verfängliche Devise nicht immer von Kraftmehl. Die Schleifen auf dem Schuh seiner alten Fee waren, wie mir die Obristinn erzählte, von gesponnenem Glase. Eine gefährliche Masse, das! man macht auch kleine Sprühteufelchen davon. Und dabei fällt mir eine merkwürdige Geschichte ein. Als ich ein Knabe war, ließ ich einst zur Fastnacht einen Reserve-Pfannkuchen in die Tasche schlüpfen, worin solch ein gehörntes Ding stack. Alsbald fuhr der Grünliche durch die geschmorte Rinde in die schwarze Hölle der gegossenen Pflaumen hinein, und that wie zu Hause. Ich aber aß den leidigen Satanas wie zur gesegneten Mahlzeit, und würde es bis jetzt noch nicht wissen, wenn mir nicht ein Splitter von diesem heillosen Füllsel die Zunge geritzt hätte.«

»Gott behüte und bewahre!« rief die Nonne mit frommen Schaudern vor solch leiblicher und geistlicher Gefahr, und die Geberde des Entsetzens wurde in der Mechanik ihrer Finger zu einem Kreuz, »wie war es möglich, daß Sie ohne Schaden davon kamen?« Der Major lachte und sprach: »Was verdaut man nicht Alles, wenn man jung und gesund ist! – Mein Vater tobte, daß ich den Teufel im Leibe hätte; und die Mama kochte ohne Unterlaß Milchbrei, den sie mit mütterlichen Thränen salzte. – Aber um wieder auf das Vorige zu kommen: so will ich von Grund der Seele wünschen, daß die beiden Leutchen sich vertragen, und einander das Leben nicht versalzen mögen.«

Fabia lächelte ganz leise. Sie sprach: »Therese lässet ihre Lindigkeit kund werden Jedermann – und das Küchenwesen war nie ihre Sache.« Der Administrator bemerkte still, wie seine schriftkundige Schwägerinn sich glimpflich auszudrücken wüßte, indem sie doch verständlich genug andeutete, daß Coquetterie und Mangel an Häuslichkeit, diese Fehler, welche sie so oft zum Aerger gereizt hatten, der ehelichen Glückseligkeit, von der die Rede war, schädlich werden könnten. Und wie in unbewußter Gewohnheit, sich Theresens anzunehmen, nahm er das Wort und sprach: »der Geist einer guten Ehe kann dessenungeachtet bestehen. Wie manche treffliche Speisemeisterinn kocht Gift, vergällt ihrem Manne jede Freude, und brät ihn am langsamen Feuer! –« »Ach!« entgegnete Veronica, schauernd bei dieser Vorstellung, mit einem kühlenden Seufzer, »Das kann ich mir schrecklich denken. Zwar in der Welt, sagt man – soll es da oder dort so seyn. Die Frauen, hörte ich, trachten nach eitlen Dingen, sind fremd daheim und wissen nicht Bescheid, weder im eigenen Hause noch in der Herzenskammer des Mannes. Sogar die Kindlein – wenn es nicht etwa böser Leumund redet – sind ihren Müttern häufig eine Nebensache, und öfterer lästig als lieb.– Ich bin nur eine Jungfrau – aber daß mein Geschlecht dahin entartet wäre, scheint mir kaum möglich. So darf man sich jedoch nicht wundern, wenn heut zu Tage so viele Männer die schönste Gelegenheit links liegen lassen, das göttliche Gestift des Ehestands aufheben und leider Gottes! ledig bleiben. Wenn unsere Frauen fleißiger den Himmel bauten: so würde sich seltner ein Stein des Anstoßes für das Heirathen finden.«