Der Major ergriff die heilige Hand der Nonne, und drückte sie etwas derb, wenn auch mit Verehrung, indem er sprach: »Hoch hinaus wollen sie wohl; aber es wird ein Thurm zu Babel daraus, eine Sprachverwirrung ohne Gleichen. Wo eine Frau den Mann verstände: da wäre die Loosung: Ein Gott! Ein Herz! Eine Seele! Ein Glück und Ein Grab! – Dem Himmel sey's geklagt! es lautet anders – und tiefer besehen, denken sie nur an die Grube. – Sie, Schwester Veronica, wollte ich heute noch ehelichen. Sie würden jeden Mann nicht allein glücklich gemacht haben, sondern auch gut.«
Bei dieser Erklärung in Kürze erröthete Veronica durch die blasse Tünche des Alters so jungfräulich schön, als hätte dies rauhe Betasten ihrer zartesten Gefühle auf der feinen Zeichnung des Gesichts eine Spätrose abgerieben. Herr Prälat kam ihrer bescheidenen Antwort zuvor und sprach: »an den Motiven zur Ehe mag es zumeist liegen, daß so wenige Segen tragen. Auf welches Fundament werden sie gegründet? – Ich erinnere mich, daß meine Tante vermittelst einer Karte, der einzigen französischen Leichtfertigkeit, die das plattdeutsche Pfarrhaus aufzuweisen hatte, die innersten Herzensgedanken jedes Bräutigams in der Gemeine heraus brachte, indem sie dabei ein Sprüchelchen im Munde führte, wovon ich nur den Anfang noch weiß: der Eine thuts um der Ducaten, der Andre um ein schön Gesicht – wobei der Onkel, wenn er guter Laune war, die Reihenfolge unterbrach, und mit poetischer Freiheit darauf reimte: gerathen – nicht! – Zwölf Aussprüche enthielt dies psychologische Orakel. Zwölf? lieber Gott! das sind falsche Apostel. Legion heißt ihre Zahl, und dann wäre der Einzige noch nicht darunter, auf den sich bauen läßt: wahre Liebe!«
»Wahre Liebe!« wiederholte der alte Feldmeister, und es war, als ob das leise Spottlächeln, welches ihm auf der bärtigen Lippe schwebte, jenes Wort mit der Andacht des Gefühls ausgesprochen – hohnneckte. »Es ist damit,« fuhr er fort, »wie mit dem alleinseligmachenden Glauben: wie Viele bekennen sich bloß äußerlich dazu, ohne diese göttliche Mutter des Heils im Geist und in der Wahrheit zu verehren. Die Mehrzahl der Männer besteht aus heimlichen Mohamedanern – getaufte Weiber in Massen sind dem heidnischen Götzendienste zugethan; in der Ehe aber herrscht das Judenthum vor, und der Erlöser wird da tagtäglich gekreuziget, so daß ihm die Lust zur Auferstehung wohl vergehen mögte.«
»Wer Sie so hörte, Herr Major,« entgegnete hierauf die Nonne, welcher es leise beängstigte, so oft ein religiöses Bild, behuf der Rede gebraucht ward, »der sollte glauben, Sie sprächen aus Erfahrung. Und doch weiß ich von guter Hand, welch ein friedliches Stillleben Sie mit Ihrer lieben seligen Frau geführt haben, wie man diese allgemein als eine ganz vortreffliche Dame gerühmt – der Meriten ihres Ehemannes zu geschweigen.«
Dieser verbindliche Ausfall auf den seinigen, womit Veronica weiblichen Sinnes sich erwiedernd zeigte, schien von niederschlagender Wirkung auf den Major zu seyn. Die Menschen an ihre Verdienste wie an ihre Verluste zu erinnern, erreicht fast immer den Zweck, sie aus den Vortheil des Angriffs in jene leidsame Stellung zu versetzen, die der Geschmeichelte wie der Gerührte unwillkürlich annimmt. – Die buschigen Braunen des Majors zogen sich zusammen, und seine Augen wurden feucht; das sanfte Bild seliger Tage schwamm in seinem Blick. Mit schwankender Stimme antwortete er: »meinen Sie, Schwester Veronica, daß, wenn jene Erfahrung meine eigene wäre, ich sie ausgesprochen haben würde? – Meine Frau war gut und brav, und als sie todt war, da merkte ich erst, wie sehr sie es gewesen. – Doch deßhalb widerrufe ich kein Jota von dem Obigen. Gott besser's! es ist an der Zeit.«
Es war auch an der Zeit, dies Gespräch zu enden. Fabia, verstimmt durch die Vertheidigung des Schwagers, die er der abwesenden Therese nicht minder als der gegenwärtigen angedeihen ließ, hatte kein Wort mehr gesagt. Ihr däuchte, sie hätte die Kosten dazu getragen. Sein Urtheil schien ihr eine Geringschätzung derjenigen Verdienstlichkeiten zu enthalten, in denen sie sich auszeichnete. Sie wünschte, er mögte einmal zu der Einsicht gelangen, wie hoch eine gute Wirthinn zu halten sey. Sollte dies jedoch geschehen: so mußte er die treue Fabia vermissen. Und indem der Major davon sprach, daß er die abgeschiedene Gattinn erst vollkommen gewürdiget, regte dies den Gedanken in ihr an, zu scheiden. Sie legte in gekränktem Geiste das Amt der Schlüssel nieder, und ahnete nicht, daß diese Handlung in der Idee der Wirklichkeit nur um einen leisen Schritt vorauseilte.
Noch immer hatte Gräfinn Albane sich entschieden geweigert, ihren Gemahl zu sprechen, weil sie sich die Kraft dazu nicht zutraute. Sylvius, der das Heil seiner Beruhigung daran zu knüpfen schien, daß seine Frau ihm angehöre, ließ nicht ab mit Dringen, und setzte alle Hülfsmittel in Bewegung. Fabiens Zureden schürte den Funken, der in der Asche glomm, worin Albane büßte – und Josephinens rührende Fürsprache gewann endlich ihrem Vater die heißersehnte Gunst. Der Tod des Vaters hatte seine Tochter dergestalt erschüttert, daß sie glauben mogte, die heftige Bewegung, in welche die Zusammenkunft mit ihrem Gemahl sie versetzen mußte, werde drein gehen. Und so war der Entschluß dazu gleichsam ein Abschluß aller bisherigen Verhältnisse, und sogar erforderlich, um Josephinens willen.
In der Stunde, worin die Gräfinn ihren Gemahl in Bühle erwartete, saß sie am offnen Fenster und allein, von jener säuselnden und summenden Frühlingsstille träumerisch umwebt, welche aus dem Schlaf des Herzens, aus seinem innersten Düster herauf, Gefühle der Vergangenheit beschwört. Als sie den Hufschlag seines Pferdes vernahm, stand der Schlag in ihrem Busen stille, und nicht dies Herz selbst, nur ein Seufzer flog ihm entgegen. Jetzt hörte sie seinen Schritt auf der Treppe – sein Näherkommen – Zeit und Erfahrung hatten mächtige Fortschritte gemacht, seit sie den Besuch ihres Gemahls zum letztenmale in Bonna empfangen: dennoch drang dieser vertraute Hall wie einst an ihre Seele, und keine Empfindung, über welche er sonst Macht geübt, konnte ihm entweichen. Er trat langsam ein, Albane zitterte heftig, unvermögend sich aufrecht zu erhalten. Sylvius blieb wie gefesselt und gebannt an der Thüre stehen, und warf einen unaussprechlichen Blick nach der geliebten Gestalt, welche sein gewesen war – und eine weite wüste Welt lag zwischen ihnen. »Albane!« sagte er leise, und ein paar große Thränen rollten über seine Wangen, »bin ich Dir gar nichts mehr? –« O! welch ein Zauber liegt in der Stimme eines Menschen, der uns theuer ist oder war! – Solch eine Stimme enthält den Schlüssel zu jedem Geheimniß der Harmonie, und kann, ob sie durch tausend Mißverhältnisse hindurch klänge, nie zu einem Mißlaut für die Seele werden, darin einmal ihr Echo wohnte. Sylvius hatte seinen Jahren voraus gealtert, und Der, den die Morgenröthe der Jugend einst zu den Göttern erhoben, zeigte sich gebeugt von menschlicher Schwachheit; aber die Stimme war ihm geblieben, mit der er die Geliebte einst bewegt, daß ihr unsterblicher Antheil der seine würde. –
Die Gräfinn wendete sich nach ihm um, mit einem Lächeln der Verzeihung, der Abgeschiedenheit – wenn wir so sagen dürfen; es war das geistigselige Lächeln eines Schattens, was auf ihren Lippen schwebte, die so wenig eines Lautes mächtig schienen, wie ein körperloses Wesen der Rede fähig seyn mag. Endlich entrang sie ihnen die Kraft dazu, und sprach mit bebendem Munde: »vielleicht, Sylvius, wäre es besser gewesen, wir hätten die begrabene Liebe früherer Jahre ruhen lassen –; aber, da es einmal Dein Wunsch war, da Du meinst, es werde zu Deinem Frieden gereichen, daß Du mich sähest, so komm doch näher und laß uns freundlich zusammen sprechen!«