Diese Antwort zerriß Romanas männliche Seele. Was ist das Zürnen der Liebe gegen die stille Freundlichkeit der erkalteten! – Wir bemerken dabei, wie es Albanen selbst in dieser Minute nicht möglich war, ihr Geschlecht zu verleugnen, und in den ersten Worten, die sie zu ihrem Manne sprach, seit sie ihn in den Armen einer Andern gesehen, etwas Anderes zu fassen, als jene Erinnerung.

Sylvius verstand seine beleidigte Gattinn augenblicklich. Daß Albane jedoch ihrer Weiblichkeit ein Genüge leistete, ermannte ihn. Gefaßt entgegnete er nun: »ja, theure Albane! es ist die Bedingniß meines Fortlebens, und der Ruhe, welcher ich noch irgend theilhaft werden kann, daß ich Dir sage, auf welche Weise Du Zeuginn jener unseligen Scene geworden bist, in der Du mich betroffen. Du wirst mich dann vielleicht weniger schuldig finden, als Du wähntest, und mindestens – wie Dein Gefühl auch entscheide – mich bedauern müssen. Höre mich gutwillig an!« Hierauf erzählte Sylvius de Romana seine Geschichte mit Tony von Schütz, einfach und wahr. Er verschmähete, nach edelsinniger Art, Alles und Jedes, was jenem Verhältniß zur Beschönigung dienen können. – Diese Mittheilung hatte nicht den Stoff, aber seine Kraft, ihn zu bewältigen, erschöpft; und so eilte er zum Schluß und sprach: »Du weißt nun Alles – und doch auch Nichts: denn ich kann Dir nur die äußern Beziehungen nachweisen, die mich in jenes Netz verlockten. Gott aber, der es einst auflösen wird vor Deinem Blick, sieht ins Innerste, und weiß, daß ich Dich, das Weib meines Herzens! nur allein geliebt, und ewig lieben werde. Wäre es Dir nicht möglich, einen flüchtigen Augenblick zu vergessen, in welchem Du an mir zweifeltest? – Dein Vater ist nun todt. Was hindert Dich noch, für den Rest unseres Daseyns mein zu seyn, zu der öffentlichen Rechtfertigung unseres geheimen Bündnisses, und – lass' mich es hinzufügen: zu dem Glück unseres Kindes? –«

Die Gräfinn athmete tief. Sie schüttelte leise den Kopf, lächelte weinend und verneinend und sprach: »der Himmel sey mein Zeuge! ich zürne Dir nicht. Auch müßte ich mich zuvor selbst anklagen, denn mein Wegbleiben gab Dich ja frei. Doch jedes Zurückgehen ist unmöglich, des griechischen Sängers Gattinn verschwand vor einem Rückblicke. Ein erstorbenes Gefühl läßt sich nicht wecken – und jenes, mit welchem ich mich die Deinige wußte – ist todt. Aber Deine Freundinn bin ich noch – Deine beste Freundinn! ja, Sylvius, die will ich immer bleiben. Mache kein so unglückliches Gesicht, Lieber! frage Dich selbst, ob wir verdient haben, mit einander glücklich zu seyn? – Die Ehe ist ein Verhältniß der Heiligkeit, nicht aber der Heimlichkeit, und Gott ist gerecht. Nach seinem unerforschlichen Gesetz und Willen müssen Diejenigen ein Glück verschmähen, welche es sich anzueignen wagten, ohne höhere Befugniß, als die der Leidenschaft. – Wir versöhnen den Himmel durch ein freiwilliges Opfer. So werden unsere Väter uns von dorther segnen; hier glaubten wir dieser Weihung entbehren zu können, als das Band der Stola uns zusammenfügte. Ich werde nach Bonna ziehen, Sylvius! in jenes Haus, worin Du gelebt hast, und mich geliebt – mich allein. Still, mein Freund! ich glaube Dir. – Der Majoratserbe überläßt mir das kleine Witthum, und diese Angelegenheit ist längst berichtiget. Gönne es mir auch, in Frieden einsam zu seyn, und die stille Freude meiner Liebe. – Ich werde in Deinem Cabinet schlafen, an derselben Stelle, wo Dein Bett gestanden, und die alte Einrichtung wie zu den Zeiten Deines Vaters herzustellen suchen. So werde ich Deine Hausfrau seyn, ohne Gemahl – wie ich Deine Gattinn war, ohne Dein Haus zu kennen. Ein Theil jener früheren süßen Täuschungen wird mir wiederkehren, der Traum Deiner Nähe wird mich begleiten und beglücken, und so werden meine Tage gleichmäßig hinrinnen, wie das Bächlein unter dem Kreuze, welches dort die Wache hält.«

»Albane!« rief Sylvius mit heftigem, mit heißem Schmerz, »Du reißest mir mein Herz entzwei, und ich weiß nicht, ob gütiger als grausam? Vermag nichts, Dich zu bewegen, daß Du anderes Sinnes würdest?«

»Du solltest dies nicht einmal wünschen, viel weniger fragen –« antwortete die Gräfinn bedeutsam. »Sieh es doch ein, mein Sylvius, es geschieht zu Deinem Besten, daß ich mich Deinem Wunsche weigere. Willigte ich in Dein Begehr, es thäte nimmer gut. Nur auf jene Weise können wir vereint seyn – sonst nicht. Sänke ich in Deinen Arm: ein Gespenst, Dir innig angeschmiegt, scheuchte mich zurück, und so oft ich die Ebereschen Früchte tragen sehe, würde mein Herz bluten.« – Und Wer mögte sie zählen, die Tropfen Herzblut, welche bei dieser Erinnerung der tiefen Wunde entträufelten, die Albane geschlossen wähnte? – Doch nur ihre abgehärmte Wange war geröthet, und hellblinkende Tropfen standen in ihren Augen. Sylvius empfand, obwohl durch die Verhärtung des Vorwurfs, etwas vom Zartgefühl dieses Wehes, und wie jene Stunde nimmer ausgelöscht werden könne. – Und während eine unsichtbare Feder in der Canzlei seiner Gedanken diesen Ausspruch unterzeichnete, strebte er mit überredenden Worten noch dagegen an. Er erinnerte seine Frau an Josephine, und wie das Verhältniß des Mädchens sich bei dem Zwiespalt der Eltern nun gestalten solle? –

»Sieh!« antwortete die Gräfinn mit nachsinnender Miene, »auch die Mutter muß büßen, was sie gegen ihre Pflicht als Tochter gefehlt. Es ist als ob das liebe Kind mir nicht angehörte. Nur was man selbst gebildet hat, daran glaubt man ein Recht zu haben. – Josephine scheint sich im Stift sehr glücklich zu fühlen, so könnte sie zunächst unter Deiner Aufsicht dort bleiben. Noch bin ich durch die verhängnißvolle letztere Zeit zu befangen, als daß ich sogleich das Beste ausfinden könnte; aber Gott wird Alles zum Guten leiten! –«

»Wenn Du auf diese Weise am Ende bist –« entgegnete Sylvius, »so dürfte meines Bleibens in Sanct Capella nicht mehr lange seyn, und ich ziehe noch einmal von hinnen. Ruhe zu erwerben, hoffe ich nicht; aber vielleicht eine Ruhestätte. Du erwartest vom Zufall, er solle sich Josephinens annehmen, da Du selbst das natürlichste Glück abweisest?« – Die Gräfinn schwieg, und antwortete nur mit einem schmerzlichen Lächeln. Dann sagte sie: »ich liebe Josephinens Glück mehr als das meine – darin fühle ich mich wenigstens als Mutter.«

Ohne daß Beide es merkten, verlängerte sich dies Gespräch bis in den dämmernden Abend hinein. Jetzt stand Sylvius auf. Es war Albanen, als sollte sie ihn halten, so hatten sich während ihres trauten Zusammenseyns abgerissene Fäden aus dem Gewebe ehemaliger Beziehungen leise wieder angeknüpft: denn der Geist der Liebe – auch einer abgeschiedenen – webt geschäftig.

»Es wird mir nicht leicht, zu scheiden –« sagte Romana mit einem Ton, der diese Versicherung beglaubigte, »meine Füße sind wie Blei, und versagen mir ihren Dienst – und das Herz ist mir noch schwerer. Darf ich Dich wiedersehen, Albane?« Er sah sie dunklen Blickes an.

Das Auge der Gräfinn glänzte, ein Sonnenschein verschwundener Tage war darin; ein Strahl von Freude drang tief in Sylvius Herz. Sie antwortete: »wenn es Dich trösten mag –: so sollst Du mir willkommen seyn.« Darauf faßte er ihre zarte Hand, woran kein Trauring blinkte – er ergriff sein einstmaliges Eigenthum so furchtsam, wenn auch innig, wie man die letzte Hoffnung zu fassen wagt, und fühlte einen leisen Druck der seinigen. Dieser elastische Druck hob mit überirdischer Federkraft den Stein von seinem Herzen, von der Thür der begrabenen Liebe – und ein Engel des Trostes, mit Flügeln, sich zum Himmel seiner Heimath aufzuschwingen, ging daraus hervor.