Der Administrator stand in vollem Anzuge vor dem Spiegel. Er wollte nach Bühle hinüber fahren, und der Gräfinn seine Aufwartung machen, deren Schicksal mit dem der Seinen in wundersamer Verbindung zu stehen schien. Vielleicht hätte das Interesse für diese Bekanntschaft ihm dennoch Zeit gegönnt; aber das Verlangen drängte ihn, Josephine wieder zu sehen. Das Zimmer war voll Sonnenglanz – Herr Prälat aber blickte auf keine Weise verblendet, die schöne männliche Gestalt musternd an, welche auch ein mäßiger Grad von Selbstgefälligkeit tadellos gefunden haben würde. Er schaute vielmehr über aller Welt Eitelkeit hinaus, sich selbst so forschend ins Auge, als sollte ihm in diesem Spiegel der Seele die Wahrheit eine Gestalt gewinnen – und seine Finger knitterten noch an den Fältchen der feinen Halsbinde, während er gleichgültig dazu aussah, und gleichsam unbewußt der verbessernden Mühe, die er sich gab, nur an die Falten seines Herzens dachte. Er stand so ernst dabei wie auf dem Katheder. – Doch plötzlich schien unser Professor der Psychologie sein Studium zu wechseln, daran zu erkennen, daß er die Farbe wechselte, und daß ein so entzücktes Lächeln in seinem Gesicht aufging, als ob er einen Stern aufgehen sähe. Und wirklich war dem so. Die Thüre ging auf, und im Hintergrunde des Spiegels – als hätte, Der hinein sah, eben eine Frage an den Himmel gerichtet – erschien ein zauberhaftes Bild. Vor diesem Glanz jugendlicher Schönheit, erhöht durch einen Schimmer überirdischer Freude, den die Trauer nur wie ein Wölkchen umdüsterte – verschwand Alles.

»Josephine! mein einzig Mädchen!« rief der Administrator mit dem hellen Laut wonniger Ueberraschung, »wo kommst Du her? eben wollte ich nach Bühle.«

Sie lag in seinen umschlingenden Armen, ihr Herz schlug an dem seinen – und onkelhaft dreist küßte er die süßen Lippen. – Dieser Kuß – die glückselige Innigkeit dieses Moments, beraubte das Mädchen der Sprache. »Ach! könnte ich Dir doch nur meine Freude aussagen, daß ich wieder hier bin!« sagte sie mit einer Stimme, die diesem Wunsche entsprach, »Seit ich wußte, daß Du da bist, Onkelchen, hatte ich keine Ruhe mehr. Ich quälte die Mutter – sie sagte, es schicke sich nicht. Dies Wort wollte mir nicht zu Sinne. Ich bin ja das Kind des Hauses – sagte ich – da mußte sie endlich meinen Bitten nachgeben.«

Herr Prälat lächelte begeistert. »Du Herzenskind!« sagte er gerührt. »Also hält die Gräfinn doch so viel auf Anstand?« Man glaube nicht, daß in dieser Frage der mindeste Vorwurf für die arme Albane lag. Nein! nur eine leise Verwunderung, daß bei dem einsamsten Unglück noch dieser Sinn für das Schickliche gefunden würde.

»Nun, so ist es mir lieb,« setzte er schnell hinzu, »daß ich nicht zögern wollen, mich ihr vorzustellen. Du siehst, ich bin darnach angethan – nur mit der Halsbinde konnte ich wie gewöhnlich nicht zurecht kommen.«

»Das sehe ich!« sagte Josephine lachend, und schickte sich an, nachzuhelfen. »Es ist nicht allzuschön gerathen. Dieser Zipfel hier, nimm es mir nicht übel! sieht so pedantisch aus, wie die Schlafmütze des ehrwürdigen Ludimagister in Leidthal. – Ist es denn so schwer, solch ein Knötchen zu knüpfen?«

Aurorens Rosenfinger verbreiteten keine lieblichere Helle, als das Licht, welches dem Administrator während dieser verfänglichen Minute aufging. Sie standen wie ein trautes Ehepaar. Er hatte seine Hände an Josephinens schlanken Leib gelegt, die schwarzen Bänder ihres Hutes bewegten sich unter seinen tiefen Odemzügen – ihr Athem spielte fühlbar wie ein laues Lüftchen, und immer wärmer wurde ihm ums Herz. Er ließ sie zierlich gewähren, und verhielt sich schweigsam und lauschend.

Die magische Schleife war nun geschürzt – legen die Grazien jemals eine Cravatten-Fabrik an: so wird man das Modell dazu finden. –

»Auf bindende Künste –« äußerte Herr Prälat etwas gepreßt, »versteht Dein Geschlecht sich schon am Besten. Josephine!« er hob das Mädchen zu sich empor, »überhebe mich künftig dieser Mühe – heirathe mich, liebe, theure Seele! –«