»Onkel!« rief Josephine, und machte sich von ihm los. Ihre jungfräuliche Wange glühte zwischen Schaam und Zürnen. Sie hielt diese Sprache für einen Scherz.
»Ich bin Dein Onkel nicht!« entgegnete Jener heftig, »diesen Titular-Verwandten hat Dir Fabia aufgedrungen, um den Unterschied unserer Jahre durch gehörigen Respekt hervorzuheben. Aber Dein Mann kann ich werden, wenn ich Dir anstehe, Du mein Liebstes! – Ich dachte immer, Du wärst mir gut – so könnten wir zusammen bleiben, lebenslang – und Alles bliebe beim Alten.«
Da lag das Mädchen an seiner Brust und stammelte: »wenn es wahr wäre – o Gott im Himmel!«
»Es ist wahr!« wiederholte der Administrator im gefühltesten Entzücken dieser Versicherung, und drückte das holde hingebende Wesen innigst an sich, »ich liebe Dich redlich, Josephine! und will Dein bester Freund auf Erden seyn. Doch frage Dein Herz! ich möchte es nicht räuberisch an mich reißen, aus freier Wahl sollst Du es mir schenken – oder versagen. Wer weiß, ob ich Dir nicht zu ernst bin, zu kränklich – oder was Du sonst an mir etwa auszusetzen hättest. Mir hast Du nur Einen Fehler, meine süße Kleine! – Du bist noch sehr jung – aber ich finde Dich gewachsen. –« Er lächelte wie ein Liebender, indem er den schlanken Wuchs des Mädchens mit einem langen Blicke maß – »nicht nur wirklich ein Stückchen, seit ich Dich nicht gesehen, sondern überhaupt allen Forderungen und Wünschen an meine künftige Frau völlig gewachsen.«
In reizender Verwirrung antwortete Josephine: »es mag vielleicht geziemend seyn, daß ein Mädchen an sich hält: ich gebe Dir mein Ja ohne Weiteres. Wen könnte ich lieber haben? – Alle meine Wünsche sind erfüllt. In diesem Augenblicke weiß ich es erst ganz, wie unglücklich ich geworden wäre, wenn ich Dich und dieses geliebte Haus auf immer verlassen müssen! Jetzt bin ich Dein! –« Sie warf sich mit dem Ausdruck der liebevollsten Hingebung in seine Arme. – Er umpfing sie jauchzend, und der Spiegel verdoppelte ein Bündniß, magisch geschlungen, in dem einfachen Glück der Herzenseinigung, dem einzigen, was es auf Erden wie im Himmel giebt. –
Beide hatten in diesen seligen Minuten weder an die Gräfinn, noch an Fabia, oder Sylvius gedacht, die doch auch ein Wörtchen dazu sagen könnten. Es giebt einen Instinkt der Ahnung für unser Geschlecht, welcher uns einem unwillkommnen Vertrauen entrinnen läßt, wenn es unser Herz etwa wie ein Pfeil treffen könnte. – Auch Frau Fabia entrann auf leiser aber sicherer Spur Dem, was ihr Schwager ihr zu sagen hatte. Josephine flüchtete mit ihrem Glück in das Betstübchen der Nonne, und legte das Bekenntniß desselben auf diesem jungfräulichen Hausaltare nieder. – Sylvius war nicht daheim. Zeitiger, als es nöthig gewesen, brach Josephine auf, und der Administrator begleitete sie. »Hätte ich doch nicht geglaubt,« sagte das Mädchen mit jener Traulichkeit, in welcher auch die schüchternste Verlobte sich dem ausschließendsten Vertrauen annähert, woran der Geliebte ein Recht hat, »daß ich einmal Gott danken würde, von Sanct Capella weg zu kommen, und heute ist mir so. Ich konnte kein Auge aufschlagen – Fabia hat mir die heimliche Braut ansehen müssen. Lieber! versäume doch ja nicht, sobald als möglich mit ihr zu sprechen. Ich thue es bei der Mutter, und davor bangt mir weniger.«
»Meinst Du,« fragte Herr Prälat, »der bürgerliche Eidam werde der Gräfinn genehm seyn? – wenn diese Hoffnung nur nicht allzukindlich ist, Josephine! –«
Das Mädchen kopfschüttelte zu diesem Zweifel und sprach: »Du kennst die Mutter nicht, mein Freund! – Sie ist so gänzlich ohne Anspruch und Eigensucht – Fabia hingegen –« Josephine flüsterte diese Worte, »neigt ein wenig zur Eifersucht, und es ist eine ganz andere Zuversicht, die ich zu Jener habe als zu dieser. Ewig werde ich Fabien dankbar seyn: denn sie hat mich treu erzogen, und ohne sie wäre ich nimmer nach Sanct Capella gekommen; aber das Blut aus meinen Adern wollte ich verströmen, daß ich die theure Albane nur einmal lächeln sähe.«
Der Administrator entdeckte noch an demselben Abend auf einem einsamen Spaziergange dem Freunde sein Herz. Sylvius nannte sich seinen größten Schuldner, und gab ihm damit das gelegene Wort zur Hand.
»Wir könnten sehr bald mehr als quitt werden –« gab ihm jener zur Antwort, »Du nahmst mir einmal die Braut – gieb mir Deine Tochter zur Frau: so bin ich nicht mehr Dein Gläubiger, sondern schulde Dir zwiefach.«