»Wenn dies Dein Ernst ist –« entgegnete Herr de Romana, »so nimmst Du einen Kummer von meinem Herzen, und Niemand kann bei diesem Interesse des Deinigen froher betheiliget seyn, als ich. Es ist mir eine Sorge gewesen, das Mädchen werde die Jugend hinkümmern, bei der traurigen Mutter, und mit all seiner Liebenswürdigkeit der Bestimmung des Geschlechts verloren gehen. Was wird aber Albane dazu sagen? und bist Du Josephinens Neigung auch gewiß?«

»Ich denke doch!« antwortete der Bräutigam lächelnd, »so gewiß man irgend einer weiblichen Neigung seyn kann. –« Ein leiser Seufzer verwebte sich dieser bedingten Voraussetzung.

»Auch hoffe ich,« setzte er hinzu, »das Kloster werde mich schützen, das Invalidencorps – und endlich die fromme Veronica. Wisse! ein Engel der Treue wohnt in der Nonne, und wird, wenn diese seine kleine Herberge einst zusammenbricht, den Ort nicht verlassen, den er so lange heimlich gesegnet. – Sieh, Freund! ich habe Zeit gehabt, reiflich darüber nachzudenken, welche Eigenschaften der Frau einen Mann vor allen glücklich machen können, und da ist denn bei meinem Denken und Sinnen nur jener Satz heraus gekommen, den ich mir gemerkt: daß sich auf der Erde in jedem Beisammenleben der Kopf erschöpft, Witz und Phantasie und Verstand, nur aber nie ein gutes Herz, das eine ewige Quelle ist.«

Romana schwieg, und sein Freund fuhr nach einer Weile fort: »aus welchen wunderbaren Stoffen besteht eine einzige Mischung, die wir Liebe nennen! glaubst Du wohl, Sylvius, daß jene sympathetische Regungen der Freundschaft für Dich, nur zarter – mich zuerst an das Mädchen knüpften? die magnetische Kette der Gefühle, wie weit auch angelegt, läßt uns empfinden, wo unser Herz stark berührt war. Was mich ferner mit zärtlicher Innigkeit für das Mädchen erfüllt, ist nicht die holde Bildung allein, sondern auch der Einfluß ihrer Bildnerinnen. Darunter dürfte Fabiens der bedeutendste gewesen seyn, und Fabia ist mir doch sehr achtungswerth.«

»Und das mit Recht –« erwiederte Sylvius. »Sie gehört meines Erachtens zu den unerkannten Größen. Ihr Charakter, nur etwas zu schroff für eine Frau, ist ein Fels für das Vertrauen. Ich schätze Fabia sehr hoch.«

Der folgende Morgen war schon weit vorgerückt, ohne daß Herr Prälat einen Augenblick finden können, in welchem seine Schwägerinn zu sprechen wäre. Frau Fabia schien von kleinen geschäftigen Sorgen umringt, so daß sein Vertrauen nicht Raum gewann; eine finstere Zerstreuung in ihrer Miene ließ ihn den heitern Muth nicht sammeln, mit ihr über eine Sache zu reden, die ihm mehr am Herzen lag, als was zu Nutz und Frommen seiner Häuslichkeit geschehen mögte. Ihr Blick sogar war vermeidend – und wich ihm aus. Endlich haschte er den günstigen Moment und sprach: »gönne mir ein paar Minuten, Fabia! ich habe Dir etwas Dringendes zu sagen.«

Fabia machte ihre Hand, welche er sanft gefaßt hatte, leise los, setzte sich nieder, jedoch mit jener Art, die es deutlich macht, daß man sich nur auf flüchtiges Verweilen einlassen könne und wolle, und sagte: »nun, so lasse doch hören, wie dringend das sey, was ich vernehmen soll.«

Der Administrator war um seine Fassung zu dem Vortrage, er wußte nicht wie? – Er antwortete mit merklicher Verlegenheit: »Deine Stimmung Fabia, ist meinem Wunsch nicht freundlich, und wirkt auf mich zurück. Ich wollte Dir eben eröffnen, daß ich – daß Josephine –« Fabia lächelte, ihre Gesichtsfarbe war blässer als gewöhnlich. Sie sprach: »das käme zu spät, Freund – die Gräfinn hat mir diesen Morgen geschrieben, daß Du ihrer Tochter den Antrag zur Heirath gemacht. Sie giebt Dir ihre Einwilligung; ich aber habe nichts zu geben, als den Wunsch, daß der Herr Alles wohl gelingen lasse!« Und während Fabia diese Worte sagte, zerrann ihre Stimme und das Lächeln ihres Mundes in Wehmuth, in Wermuth – und ihr Schwager, erstaunt über die Taubenpost der weiblichen Mittheilung, fühlte ein heißes bitteres Aufwallen in seinem Herzen, über das er nicht ganz klar werden konnte. Er nahm noch einmal ihre Hand in die seinige und sagte mit ergreifenderem Ton: »Fabia, es scheint, Du zürnest mir. Glaube nicht, daß ich Dir zurückhaltend eine Absicht verschwiegen – ich bin mir keiner bewußt gewesen. Der Gedanke war nur ein Blitz, in welchem mir einleuchtete, Josephine werde als mein Weib mich glücklich machen. Und wenn diese Hoffnung wirklich wird, Wem werde ich es verdanken als Dir? Du hast das Mädchen erzogen. Dein frommer, fester Geist wird fortwirken zu meinem Glück. Ich denke, wir wollen freundlich zusammen leben – nicht? –«

Fabia sah ihn verdunkelten Auges an. »Nein, Bruder!« antwortete sie mit jener Besänftigung und Ruhe, die nur der Selbstgewißheit angehört: »das würde nimmer gut thun. Das taugt nichts – würde der Major sagen –« Fabia lächelte bei diesen Worten noch einmal, und zwar sehr schmerzlich. »Darum entlasse mich, Lieber! ich lasse Dir dafür meinen besten Segen. – Jenes Geheimniß, was mich unter Deinen Schutz stellte, ist gelös't – Was sollte Dich hinfort noch an mich binden? – Dein Herz hat an Einer Pflicht genug, und diese umfaßt der Trauring. Ich werde mit der Gräfinn ziehen. Die arme Albane wäre ja sonst ganz verlassen, und es ist billig, daß ein treues Gemüth ihr vergelte, was sie an dem Vater gethan. Der Herr hat den Willen dazu mir in den Sinn gegeben.«

Der Administrator stand stumm und sah zu Boden.