Fabia fuhr nach einer kleinen Pause mit steigender Bewegung fort: »wir wollen nach Bonna. Dort hat die Gräfinn einen Wittwensitz, den sie schwerlich tauschen mögte um einen Thron, das Vaterhaus ihres Gemahls, Heiland genannt. Dort ist mein Platz. Hier würde ich überflüssig seyn, das macht alt vor der Zeit. Die Heimath aber giebt auch in späten Tagen einen Theil der Jugend zurück. Ich werde die Wohnung meiner guten Eltern wiedersehen, und jener harmlosen Zeit gedenken, wo ich darin glücklich war. Ich werde in der Nähe ihrer Gräber leben – und den Garten des südlichen Daches pflegen, den der selige Oberförster Romana angelegt – die Sonne mag jetzt wohl eine Wüste darauf bescheinen. – Ich bin alsdann – Du weißt es – an geeigneter Stelle, und gleichsam wie auf meines Zions Zinnen.«

»Fabia!« antwortete ihr Schwager von einer seltsamen Rührung bewältiget, »besinne Dich anders – bleibe bei mir! es wird sich für die Gräfinn ein Ausweg treffen lassen. Du bist mir nothwendig geworden, Du gehörst zu meinem Glück. Auch ist Josephine noch so jung und unerfahren, als daß sie Deines Rathes nicht wohl entbehren könnte.«

»Sie hat Dich!« entgegnete Fabia mit einem Nachdruck, der alles Weitere behob, »und also den Rath und den Helfer dazu. Und was wirthschaftliche Leistungen anbelangt, darauf legst Du ja so wenig.«

Auch Fabia, meine Leserinnen, war eine Frau, und nur ein weiblicher Engel würde es verschmäht haben, ein verkanntes Verdienst geltend zu machen. Es ist eine göttliche Sphäre, allwo der Ruhm verschwindet, den wir vor den Menschen haben und vor uns selbst. Wir aber leben auf der mängelvollen Erde, niedergehalten von dem Bedürfniß menschlicher Schwachheit. Das alte Lied des Lebens singt uns in getragenen Tönen ein. Es war nur ein Aufschwung unterdrückten Gefühls, in welchem Fabia sich im Geist ihrer Sinnesweise zu erheben glaubte.

Der Administrator dachte beklommen dem Entschluß seiner Schwägerinn nach, denn es fiel ihm in Wahrheit schwer, sie künftig zu vermissen. Seine brüderliche Freundschaft für die getreue Fabia ließ ihn nicht ergründen, aus welchen Ursachen sie so fest auf dem Abschied beharre.

Es giebt nur Einen Dietrich, dem kein Aufschluß widersteht, der sich ohne Schwierigkeit in den Besitz der geheimsten Gedanken setzt. – Die Geheimnisse der Seele liegen unter magischem Schutz, und nur durch ihn selbst können sie beschworen werden. –

Freilich sah Herr Prälat ein, daß Fabia, im Ganzen genommen, Recht hätte, daß ihre häusliche Unfehlbarkeit, Josephinens schüchternen Versuchen, als Hausfrau für sich allein zu stehen, hinderlich seyn würde; daß die Gräfinn Jemandes bedürfe, der mit zarter achtsamer Sorge um sie sey – und wie es in der religiösen Bußfertigkeit von Fabiens Character liege, sich selbst zur Sühne zu geben, für das Unrecht, was Dieser geschehen; – aber dennoch gestaltete sich dies Verhältniß nicht nach seinem Wunsch, und es war ein Zwiespalt in seinem Herzen, als ob eine Flamme sich trenne. –

Frau Fabia nahm sich zusammen, auf daß sie ein achtungsvolles Gedenken mit hinweg nähme. Sie ordnete alles mit Umsicht, und stimmte nicht dafür, daß die Hochzeit weithin aufgeschoben würde. – Aus der Ferne kamen Briefe, welche den Zeitpunkt von Theresens zweiter Verbindung um nicht viel später anberaumten. Dann wollten die Neuvermählten im Herbst zum Besuch nach Sanct Capella kommen. Major Feldmeister verjüngte sich vor Vergnügen. Er hätte sich beinahe von seinem Sprichwort entwöhnt, denn er fand gut, wie das Schicksal seiner Freunde sich gewendet hatte, und – Alles taugte ihm. –

Hauptmann Moorhausen sprach von einem Urlaub über Winter. Vielleicht wollte er im gigantischen Eise seines Gutes die Schaamröthe abkühlen, womit er der Ehewerbung gedachte, und in diesem zersprungenen Weltspiegel nur ein Bild schauen, wie der Krystallpallast seines Wunsches, aus dem Frost des Alters erbaut, zu Wasser geworden wäre. –

Den Tag vor der Hochzeit brachte Fabia ihr Haushaltungsbuch ihrem Schwager, ihm Rechnung abzulegen; zu gleicher Zeit entledigte sie sich des Amtes der Schlüssel. Die Redlichkeit, womit sie beides geführt, gab diesem kleinen Act etwas Feierliches.