San Vitale! Heller Ruf des silbernen Hornes im Morgenwind .. Der Traum des besudelten Purpurs zerstob. Nur das eine wollte nicht zum Schweigen kommen: daß Theodora die goldne Schale zum Altare trägt. Was war der Glaube dieser Frau, der um ihr Haupt den Schein der Heiligen wob? Die halbverschüttete Sehnsucht ihrer Seele? Die letzte Raserei der Sinne, die in Kasteiung endet? Da stieg das letzte der Gesichte auf: wie sie den schlaffen Körper über die scharfkantigen Stufen vor dem Tisch des Herrn emporwirft, ohne auf die Schnitte und Risse zu achten, und die müden Brüste gegen die aufstachelnde Kälte des Marmors preßt. Die Hände, von der Überzahl der Ringe gelähmt, umklammern die Peitsche, die Schläge prasseln nieder, über den Rücken, an dem sich die Rippen abzeichnen. Langsam rieselt das Blut .. Die Nüstern stehen gebläht .. Duft und Dunst des eignen Blutes, als Opfer dem Gekreuzigten gebracht, der aus dem glühenden Mosaik durch den Rauch zu süßer Kerzen niederlächelt .. Letzter Kuß der verirrten Lippe auf den üppigen Mund des Gottes-Sohnes .. Und viele Stunden später das Erwachen im tiefgedämpften Licht des Badegemaches, wo in den silbernen Becken die Düfte der weißen Nelkenkörner verpuffen und die Sklaven auf das erste befehlende Wort der Herrin warten, deren Haupt wie leblos im Schoß Eudoxias ruht .. O Qual eines kaiserlichen Namens! Theodora, die Gottgeschenkte, Name einer Büßerin, die das Kreuz der Liebe trug und alle, deren Leben sie berührte, an ihrem verachteten Leid mitleiden ließ .. Unmerklich hatte sich das Bild vor mir geändert. Nur das Herz blieb sehend .. das letzte der Gesichte losch aus. Nur die Seele der Farbe gab noch eine Antwort und verkündete nichts anderes mehr als die Inbrunst des Künstlers, der das Nebeneinander dieser Gestalten, den Fluß der Gewänder, das Lorbeergrün des Fußbodens und das weiche Gold des angedeuteten Himmels in die Rhythmen seines schöpferischen Geistes zwang: unbekümmert um die Tragödien des Blutes, die in diesen Menschen wohnten. Sein Name ist vergessen: aber seine Liebe zur Schönheit ist ewig in ihrer zeugenden Kraft.
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Die Pförtnerin öffnete ein schmales Tor. Ich trat über wenige flache Stufen ins Freie. Warmer Duft schlug mir entgegen, Duft von Erde, in welcher noch der letzte Regen verdunstet, von Gras und von Rosen, die an einer hellen Ziegelmauer emporwuchsen, blaßrot und klein wie die Blüten der Mandelsträucher. In dem matten Sonnenlicht, das zwischen den flachen Firsten fremder Dächer und einer vergißmeinnichtblauen Bucht des Himmels stand, klang die gedämpfte Musik von San Vitale weiter. Jenseits des freien Platzes, der halb Garten, halb Hof, halb Schuttstätte war, lag das Mausoleum der Kaiserin Galla Placidia über der Grundfläche eines lateinischen Kreuzes, ohne einen anderen Schmuck als die Rundbogen blinder Arkaden und den gezackten Fries unter dem Ansatz des Daches, wundervoll lebendig in dem satten Sepia der Ziegelsteine. Ich vergaß es, daß der Tag schon der Mittagshöhe zulief, daß noch viele Schönheiten meiner warteten: ich saß, die Arme über den hochgezogenen Knieen verschränkt, das Auge halb durch die Bläue, halb über den stumpfen Goldhauch der Mauern und Dächer spielen lassend, auf dem niedrigen Grashügel und sann dem Leben der Kaiserin nach.
Es war das Erbteil des mütterlichen Blutes, das sie so sehr zur Römerin machte, aber vom Vater hatte sie das Königliche des Wesens, die Inbrunst des Willens und die große staatsmännische Begabung. Es gibt ein wundervolles Bild des großen Theodosius auf einem silbernen Schild, der bei Merida in Spanien gefunden wurde. Das schmale Gesicht trägt die Züge einer vergeistigten Schönheit. Der Mund, voll verschwiegner Sinnlichkeit in das schmale Oval der Wangen gedrängt, ist nicht viel breiter als die Spanne zwischen den beiden Nasenflügeln, die leichtgebläht über der unmerklich schiefgezogenen Oberlippe stehen, der Lippe eines Mannes, dessen Sinne verfeinerter Genüsse bedürfen. Enträtselt aber wird dieses Gesicht erst in den weitgeöffneten Augen, deren durchsichtiger Glanz den dunklen Zug der Brauen noch verdunkelt und nur im Leuchten der gemeißelten Stirne eine Antwort findet. Alle Formen sind gebunden in der Zucht des Geistes, in dem Wach-sein einer außergewöhnlichen Klugheit und eines unbeugsamen Willens. Ja, vielleicht war der Glaube dieses Kaisers, sein leidenschaftliches Eintreten für das athanasianische Bekenntnis, nur die Frucht einer unerbittlichen Selbstschulung. Auch Galla hatte diesen Glauben des Vaters: doch ganz in die Beseelung, ganz in die Sehnsucht eines leidenden Herzens verwandelt: sie war eine Frau, unfähig, ihrer Natur zu entrinnen. Alle andren Eigenschaften des Vaters aber lebten ungebrochen in ihr weiter: am deutlichsten jene Gabe der unbedingten Herrschaft über sich selbst, die ihrem Leben die kaiserliche Haltung gab. Daß sich über ihren Zügen (so wie sie das Medaillon am Kreuz der Heiligen Helena zu Brescia zeigt) eine Melancholie breitet, daß in der Dunkelheit der übergroßen Augen ein nicht gelöstes Fragen steht, daß ein Schatten von Bitternis den vollen, stillen Mund umspielt: wird auch den nicht erstaunen, der sich nur flüchtig in ihrem Leben verlor. In seiner Erinnerung aber wird das andere, viel weniger ausdrucksvolle Bildnis dieser Kaiserin beherrschend weiterleben, welches die kleine Elfenbeinplatte im Domschatz zu Monza überliefert: Hier ist Placidia ganz die Fürstin-Mutter, hochaufgerichtet, ihrer Würde tiefbewußt neben dem kleinen, dumpfen Sohn, dessen kindliches Antlitz schon die schlaffe, sinnliche Weichheit des Verwöhnten aufweist. Nichts an diesem unbeseelten Bild der Kaiserin würde den Eindruck der Unnahbarkeit mildern, wäre nicht die verräterische, rechte Hand, die nur Seele ist: von Müdigkeit und Verlangen durchhaucht, so wie die elfenbeinerne Starrheit der offnen Rose zwischen Daumen und Zeigefinger.
Galla Placidias Größe wuchs an dem Maß ihrer Schicksale. Die Kraft zu tiefem Erleben und tiefem Ertragen war ihr eingeboren. Sie verlangte nach Bewegung, nach Wechsel, sie ging gerne auf Reisen und liebte eine große Führung des Lebens. Sie zog die Weltstadt Rom Ravenna vor, solange sie keine Pflicht an den Hof band. Rom gab ihr weitere Möglichkeiten. Sie sah gerne den Glanz der Feste und den ununterbrochenen Wettstreit des Schönen. Wie alle vornehm Gesinnten hatte sie die Leidenschaft für große, heroische Vergangenheiten. Nur wer viele Zusammenhänge erfaßt hat, kann so einfach sein, wie sie war. Sie liebte die Perlen: den schlichtesten und kostbarsten Schmuck zugleich. Als der Feldherr des Westgotenkönigs Athaulf in das Peristyl trat und ihr gesenkten Hauptes die Gefangennahme verkündete, stand sie ruhig und abweisend: die Wirklichkeit war machtlos gegen ihre Haltung. Sie nannte die Dienerinnen, die ihr zu folgen hatten, und begab sich in das feindliche Lager. Der junge König empfing sie so, wie es einer kaiserlichen Prinzessin zukommt und geleitete sie in ihr Zelt. Er zeigte ihr die Pferde und die Sänften, die bestimmt waren, sie auf den langen Wanderzügen des Heeres zu tragen. Sie lächelte ein wenig und achtete nicht weiter auf ihn. Sie hielt sich abseits mit ihren Dienerinnen und gewöhnte sich bald an die Unruhe des Lagerlebens. Ja, sie faßte eine gewisse Liebe zu diesem freien Zug durch die Lande. Ihr starkes Gefühl für die Wirklichkeiten ließ sie die Änderungen bald nicht mehr schwer ertragen. Die vornehmen gotischen Frauen aber, die im Lager weilten, waren durch das Liebenswürdige ihres Wesens bezaubert. So kam es, daß sich an manchen Abenden in ihrem Zelt ein kleiner Kreis versammelte, der ihren Erzählungen von Byzanz, von Ravenna und Rom lauschte. Auch der König saß unter den Gästen und schaute unverwandten Auges nach der schlanken, dunkeläugigen Prinzessin, die so anders aussah als die Frauen seines Stammes. Sie gewahrte es und lächelte ihm zu, wie sie einem jungen Römer zugelächelt hätte, der ihr zuviel von seiner Bewunderung zeigte. Den König aber machte dieses Lächeln traurig. Sein Blut nahm es auf .. er war ein Gote. Placidia liebte die Augen dieses jungen Mannes und das blasse Gold seiner Haare, die er längst auf römische Art trug. Sie war zu klug, um nicht zu wissen, daß die Goten ihre Heirat mit dem König wünschten. Aber sie wußte ebenso genau, daß ihr Bruder, der weströmische Kaiser Honorius, sich schon dem Gedanken dieser Ehe widersetzen würde. Und dennoch tat er nichts, um sie zu befreien. Er blieb untätig in Ravenna, indes sein Feldherr Constantius das Gotenheer nach Westen trieb. Vielleicht lag ihm nichts an dem Schicksal seiner Schwester. Sie hatte zuviel ursprüngliche Menschenkenntnis, um nicht auch diesem Gedanken nachzugehen .. Sie war nicht minder einsam im Lager Athaulfs als sie es am Hofe zu Ravenna gewesen wäre. Im Gegenteil: die stumme Liebe des Königs gab ihr ein Gefühl von Sicherheit und Heimat. Es konnte der Römerin vornehmster Schicht kaum faßlich scheinen, daß ein Mann solange schweigend eine Liebe trug. Sie lernte hier ein Fühlen kennen, das ihr ein Wunder bleiben mußte. Vielleicht lernte sie zum erstenmal an einen Menschen glauben .. vielleicht das einzige Mal. Eines Abends sprach der König. Er hatte seine Lippen auf ihre Hände gedrückt. Die Hochzeit wurde im königlichen Palaste zu Narbonne gefeiert, im Anfang des Jahres 413. Der Kaiser in Ravenna fiel in Wut. In Byzanz sprach man von einer unerhörten Schmähung des kaiserlichen Namens. Placidia war glücklich. Die Liebe ihres Gemahls war ein Dienst. Es gab keine Römerin, der ein Gleiches widerfuhr. Sie gebar einen Sohn, aber das Kind starb früh in der Verwirrung der Kriegszüge. Schon waren die Goten bis nach Nordspanien zurückgedrängt worden. Man lagerte bei Barcelona. Da wurde der König ermordet. Im Stall, von einem gedungenen Knecht. Man sagte, es sei auf Betreiben der römischen Kaiser geschehen. Placidia wurde von Athaulfs Nachfolger und Feind aus dem Palast getrieben und mußte als Gefangene vor seinem Triumphwagen herschreiten. Sie begriff nicht mehr. Das Leben, kaum erblüht, stürzte im Abgrund ihrer Seele zusammen. Was sich eben hatte öffnen und zum Fluge ausbreiten wollen, starb im Sturz. Nur die Römerin blieb: abweisend und verschlossen, auch in der tiefsten Demütigung. Honorius sandte das Lösegeld und ließ die Schwester zurückholen. Sie ging, beladen mit der Schwere eines Schmerzes, den keiner am römischen Hofe verstehen konnte. Man staunte sie an um ihres seltsamen Schicksals willen, und der Duft einer großen Fremdheit und Entfernung gab ihrer dunklen Schönheit doppelten Reiz. Sie aber vergrub, vergrub ohne Unterlaß im Abgrund ihres Bewußtseins das Heilig-Gewesene und wurde ganz die kaiserliche Frau, der ein frühes, qualvolles Geschick den einen Weg gewiesen hatte, den sie zu gehen noch für würdig fand: den Weg der Purpurgeborenen, die sich anschickte, dem Vorbild des großen Vaters zu folgen und ihre natürliche Anlage des Herrschens im Dienste des wankenden Staates fruchtbar werden zu lassen. Sie fühlte sich berufen, zumal sie bei der Frühreife ihrer Einsicht die Unfähigkeit ihres Bruders in Ravenna rasch erkannt haben mußte. Auch von dem byzantinischen Kaiser, ihrem Neffen Theodosius II., war keine schöpferische Leitung der Geschäfte zu erwarten. So fiel ihr selbst die große Aufgabe zu. Schon ihre zweite Ehe mit Constantius, demselben Feldherrn, der ihren ersten Gemahl so weit nach Spanien zurückgedrängt hatte, beweist, wie sehr sie zu seelischen Opfern bereit war. Von dem Augenblick an, der ihr Klarheit darüber gegeben hatte, daß diese Verbindung den herrschenden Umständen entgegenkam, vertrat sie in seltener Selbstzucht die Bedeutung ihrer neuen Lage. Sie gebar ihrem zweiten Gemahl eine Tochter und einen Sohn. Da Honorius keine Kinder besaß, war nun zum wenigsten die Thronfolge gesichert. Aber sie dachte nicht an eine Trennung der weströmischen Herrschaft von Byzanz. Im Gegenteil: sie gerade wollte den Fortbestand der alten Reichseinheit. Die Erinnerung an den Glanz der väterlichen Regierung bestimmte die Richtung ihrer Staatskunst, und sie ließ es – als nach wenigen Jahren auch ihr zweiter Gatte starb – um ihrer Überzeugung willen zum Bruch mit Honorius kommen, dem ihre Abreise nach dem Hofe von Byzanz nur erwünscht sein konnte. Für sie selbst aber war dieser Schritt die notwendige Folge dessen, was sie anstrebte: eine Stärkung der kaiserlichen Hausmacht durch engen Zusammenschluß, jenseits persönlicher Neigungen und Abneigungen. Sie hegte wohl kaum ein Gefühl für ihren Neffen, noch für dessen Schwester Pulcheria, die fast von Glaubenswahnsinn befallen war: aber sie brauchte diese beiden Kinder ihres ältesten Bruders, um sich in Ravenna für ihren kleinen Sohn Valentinian durchzusetzen. Auch ahnte sie voraus, daß mit dem Sterben des kranken Honorius Wirren eintreten würden, denen sie allein nicht gewachsen war. Sie hatte kaum in Byzanz das Land betreten, als man sie von dem Tod ihres Bruders in Ravenna und von dem Ausbruch eines Aufstandes benachrichtigte, den der Primiscerius Notariorum, Johannes, im Bunde mit Aëtius angeregt hatte. Beide wollten – gegen Placidias Absichten – dem weströmischen Reich eine deutlichere Sonderstellung geben, in Wirklichkeit nur, um selbst darin die Herrschaft auszuüben, die sie der kaiserlichen Frau nicht gönnten. Placidia kämpfte leidenschaftlich für ihre Rechte: Es gelang, den Aufruhr zu bändigen. Eine byzantinische Flotte und ein ostgotisches Heer eroberten Ravenna, Placidia kehrte mit ihren Kindern in die Stadt zurück, von Theodosius II. mit der Führung der Geschäfte betraut, solange Valentinian noch unmündig war. Abermals konnte sich die Kaiserin ihrer staatsmännischen Einsicht und ihres Erfolges freuen: Die Macht gehörte ihr, unwiderruflich, das Gesetz ihres Lebens erfüllte sich, wie sie vorausgesehen hatte. Und wieder war es ihre Klugheit, die ihr weiterhalf: Sie fühlte, daß die Macht besitzen nichts anderes heißen könne, als die Macht erhalten. Es begann die größte Arbeit ihres Lebens: es galt, im Schwanken des Parteilebens die unantastbare, sicherruhende Mitte zu bleiben. Auch dies gelang. Es lag eine bannende Gewalt in der Erscheinung dieser außergewöhnlichen Frau. Der Zwiespalt verstummte vor der Hoheit ihres Zieles, und die Zügelung ihres Lebens zwang zu Verehrung und Bewunderung. Sie hatte die Gabe aller großen Menschen: ihre Schmerzen vor der Welt abzuschließen. Jeder mußte wissen, daß sie litt, aber sie belastete niemanden mit dem Schatten eines Leides. Man sah nicht, wie sie trug. Man spürte nur die Wirkung ihres stummen Tragens. Ferner und steiler ward die Kluft, die sie von ihrer Umgebung trennte, einsamer der große Traum, der sie von den Bedürfnissen des Tages schied. Freunde starben: sie blieb. Ihre Tochter wurde von dem Erzieher geschändet und in ein Kloster nach Byzanz verbannt, ihr Sohn ging langsam an seinen Lüsten unter, der Mutter fremd, als ob sie ihn nicht geboren hätte.
Für wen hatte sie gekämpft, für wen geopfert?
Schon war die Höhe des Lebens überschritten .. und nirgends winkte die Ablösung, nirgends der Friede. Es bedurfte noch eines Kampfes, des bittersten, den eine Seele kämpft.
Sie saß in mancher Sommernacht am Fenster ihres Palastes und lauschte in das leise Branden des lauen Meeres hinunter.
Was blieb? Nur sie .. Ihr Leben fiel in sich zurück. Sie mußte bis zum äußersten Ende weitergehen, dem Purpur getreu, den ihr Körper und ihre Seele trug.
Sie raffte die letzten Kräfte zusammen in einem übermenschlichen Verzicht auf jede Ernte: und trat auch aus dem Bannkreis ihrer Mutterschaft in ihre tiefste Einsamkeit.