Was blieb? Gott. Sie ließ Gott Kirchen bauen, eine schöner und inbrünstiger als die andere .. den letzten Ruf ihres Herzens aber und ihr letztes Aufschluchzen warf sie in die Schönheit ihres Grabmal-Himmels hinüber, der in den Grundwassern der Seele spiegelt, dort, wo sie die einzige Liebe begraben hatte: in der dunkelblauen Tiefe eines deutschen Königsnamens.

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O Himmel voll Veilchenwiesen! Wie sich der Schmerz, zur Lust gedämpft, auf Sammetflügeln wiegt ..

War eine Schwelle, über die ich eintrat in das Brausen dieses blauen Gesanges, der über rotgoldnen Fahnen schwebt? Gold war am Anfang, vom Fuße kühler Marmorwände aufsteigend, Gold, an die schweren Sarkophage der Nischen emporgehaucht, Gold an der Decke, in lauen Tropfen niederfallend. Dann losch es aus in der Wendung eines einzigen Schrittes, und rötliches Glühen des Gesteines drang vor: Purpur des Abends auf fernen Inseln der Meere .. im Geäder der Marmorbrüche gefangen. Rote Blumen gehen auf im Grund der Himmelsau, tiefeingebettet in den Schoß der Mutterfarbe. Und alles sinkt und steigt auf der Woge der überirdischen Musik. Silbern jubeln die Flöten: weiße Sternblumen öffnen ihre Kronen .. die Harfen wehen: Pfirsichblüten rieseln .. Nun singen Knaben: ein Duft von Veilchen zieht vorüber. Fruchtkränze winden sich im Halbrund breiter Bögen: von tausend Geigen der dunkelgrün gebundene Strich, an dessen Saum die goldnen Funken knistern .. Aus starrem Lorbeer drängen sich die Rosen: das erste Liebeslied bewegt die Lippe der Mädchen.

Kaiserliche Frau! was war dein Leben, wenn deine Seele diesen Traum trug? War es so wenig, daß du alle Liebe aufsparen konntest für diesen einen Abendgesang? Und woher nahmst du die Kraft, alle Sehnsuchten so rein und glühend zu bilden, daß sie diese Lohe auswerfen, in der das Gefäß deines Leibes verglühte? War Gott so tief in deinen Kämpfen? So tief der Himmel schon in deiner Irdischkeit? In übersinnlichen Gesichten hat deine Seele gelebt, indes du Wirklichkeiten schufst .. Eine wehende Kerze im Wind Gottes war deine Seele, und du schienst seelenlos im kühlen Wägen deiner Pläne. Wie sehr mußt du die Welt verachtet haben, an die du so gefesselt schienst! Du letzte große Römerin und du erste große Wissende um die Erkenntnis einer neuen Zeit. Entdeckerin der Seele, Künstlerin, die den Gott aus sich in das Werk hinüberschuf .. So war der Gott, der in dir brannte, wie jener Hirte im goldnen Bogen über der Tür deiner Grabkapelle: Dunkel und schön, ein junger Herrscher, Apollos Bruder, um Christi tiefe Schmerzen reicher. Blumenkränze schweben zu seinen Häupten im unendlichen Blau. Die bunten Kreise fangen an zu schwingen, leicht, wie vom Wind getrieben. Goldregenblüten rieseln auf Vergißmeinnicht. Tauben nisten im Mandelgesträuch .. Frühling am See Genezareth .. O Duft des Morgenlandes ..

Noch einmal siegt das Blau. Ein dichter Mantel von Heliotrop, mit Smaragd und Gold gefüttert, sinkt es auf Schultern und Sinne .. Nirwana der Schönheit, die kein Geist mehr erträgt.

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Es mochte Mittag sein, als ich zu dem Grabmal des Theoderich hinausfuhr. Im Hafen ruhten kleine Schiffe auf dem Pfuhl eines grünlichen Gewässers, Geruch von Tang und Fäulnis bannte den Atem. Verlumpte Arbeiter schliefen in den Winkeln der Schuppen, wie unnütze Kranke in irgend eine Ecke geworfen, wo sie liegen bleiben konnten, bis der Hunger oder das Fieber sie fraß. Der Wagen warf sich von einer Seite auf die andere, die Räder versanken in dem grauen, dünnen Staub, der bis zu den Schuhen aufwirbelte. An einer Kreuzung versperrte ein Lastkarren den Weg. Die Pferde hatten sich losgerissen und fraßen am Blattwerk einer niedrigen Hopfenhecke, der Kutscher lag schlafend am Boden, das gelbe Gesicht zur Hälfte in Taubnesseln vergraben. Es war unmöglich, weiterzufahren. Ich ging zu Fuß die kurze Strecke bis zu meinem Ziel. Der Wärter öffnete das Gittertor, am Ende eines langen Gartenwegs lag das Grabmal, grau und verwittert. Die flache Kuppel stand in grausamer Nacktheit gegen das längst wieder erblindete Licht des Himmels, an den Quadern des oberen Rundbaus war schwarzes Moos angewachsen, über das Treppengeländer hingen Rosen, blühendes Mitleid an diesem ganz verödeten Bau, der langsam in den feuchten Feldern versinkt, indessen sich zwischen den Arkadenpfeilern des unteren Geschosses die verwesenden Wässer der schmutzigen Regengüsse ansammeln. Aus dem Innern des leeren Gewölbes schlägt modernde Luft. Keine Seele mehr redet aus der Türmung dieser Mauern, hier ist nichts verinnerlichter Ausdruck eines königlichen Lebens: nur der Machtgedanke eines Herrschers findet seine Sprache in diesem Denkmal: die Gewalt, über Völker zu gebieten durch den Krieg. Es wird keine Liebe wach vor diesem Stein, kein Wunsch, sich in die Schicksale des Fürsten zu versenken, der hier begraben sein wollte. Nur der Name bleibt und das Schaudern vor einer Zeit, die gewaltsam und gesetzlos war, heroisch und dennoch unfruchtbar. Ein Schimmer von Byzanz liegt über der Jugend des Gotenkönigs: er hatte bis zu seinem siebzehnten Jahr am Hofe gelebt. Aber dieser flüchtige Schein verweht. In seinen Taten ist die Einsamkeit der Empörer, in seiner Herrschaft die Klugheit des Herrschgewohnten: Er ließ Paläste und Kirchen bauen, es war sein Ehrgeiz, kein Barbar zu sein. Es ist schwer zu sagen, was er war, kein Grieche, kein Römer, kein Gote .. von allem etwas und keines ganz. Die Sage hat sich seiner angenommen. Sein Andenken ist kühl und blinkend geblieben, wie das Metall ritterlicher Rüstung, ein Beispiel, ohne Sehnsucht, ohne Heimweh. Es war kein Geheimnis über seiner Kraft. Er war zu königlich, um ein Abenteurer zu sein, zu sehr sein eigner Feldherr, um das Rätsel des Purpurs zu vertiefen.

Vielleicht werden einmal die gelben Rosen, die sich am eisernen Treppengeländer emporziehen, über die Kuppel bis in die Gärten weiterwachsen. Dann wird die Seele des Fremden tiefer ergriffen werden, wenn die Natur das Allzudeutliche verhüllt. Man wird nicht mehr nachdenken, man wird nur schauen und von den Rosen erzählen, die das Grabmal eines frühen deutschen Königs zudecken: Rosen von Ravenna .. so wie man sagt: die Veilchen von Parma, die Zypressen von Tivoli ..

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