Ich fuhr in die Stadt zurück. Im Wagen lag ein Strauß von Jasminblüten, den eine alte Frau mir gereicht hatte. Ich nahm ihn mit zu dem dritten Totendenkmal, dem meine Sehnsucht galt: Zum Sarkophage Guidarellis, des jungen ravennatischen Kriegers, der in der Schlacht von Imola den Tod fand.
Die Hände wagen nicht, Blüten hinzustreuen. Der dort in seiner vollen Rüstung auf dem Sarge ausgestreckt liegt – Tullio Lombardi meißelte den Stein – scheint noch zu atmen. Er könnte fühlen, wenn er die Blumen sieht, daß wir ihn schon gestorben wähnen. Wie bitter ist sein Mund. Die obere Lippe, ein wenig zurückgezogen, läßt die Zähne sehen. Oder ist es ein Lächeln, das diesen Mund geöffnet hält? die Ahnung eines Lächelns, das in seiner Geburt starb? Welche Bilder dämmern noch hinter dieser Stirn? Plötzlich fühlst du: er lebt nicht mehr, er ist schon tot .. und atmest auf, wie wenn du mitten im Hinübergleiten gewesen wärst. Du legst deine Blumen über seine gefalteten Hände – und schreckst zurück: er lebt noch .. er hat das Kühle der weißen Sterne an seinem Arme gespürt, sein rechtes Auge hat die Blumen noch erkannt, indes im linken schon das Licht erloschen ist. Da redest du zu ihm, du beugst dich über ihn, als ob du noch einen Zug seines Atems erhaschen müßtest, Worte quellen im matten Glanz von Tränen, leise, süße Worte, wie man sie tausendmal denen sagt, die sterben müssen und nicht sterben wollen ..
| ›O nur Geduld, nur ein paar Atemzüge lang |
| Soviel Geduld, daß sich nicht Bitternis |
| In diesen Hingang mischt .. Wir lieben dich, |
| Wir helfen dir .. Ja, draußen ist der Wind, |
| Und auf dem Rasen läuft das goldne Gras .. |
| Der Duft? Von Rosen .. Alle Rosen blühn .. |
| Die Helle dort? Die Sonne in den Wipfeln |
| Des alten Erlenbaumes .. Nun wirst du eines |
| Mit alle dem .. Die Flügel? Große Flügel |
| Sind veilchenblau gespannt zu deinen Häupten .. |
| Blau .. nichts als Blau .. Leb wohl .. Zum letztenmal |
| Leb wohl .. Der Vogel rauscht ..‹ |
*
Über dem späten Nachmittag lag eine Müdigkeit. San Apollinare Nuovo und San Giovanni in Fonte sah das Auge wie durch bunte Schleiertücher: Nachspiele einer lodernden Glut .. Dann aber verlangten die Sinne nach der offenen Ebene, nach der Ahnung des Meeres.
Ich ließ mich hinausfahren in das Land, in das einförmige, kranke Land. Die Wolken waren schon bis an den Saum der weiten Fläche zum Regnen geschlossen, die Felder lagen wartend, leblos ergeben an alles, was ihnen geschah. Irgendwo mußte man schon das Heu geschnitten haben. Breitgeladene Wagen, mit Kühen bespannt, zogen im hellen Staub der Landstraße. Wieder starrten mich die gelben, durchfurchten Gesichter an, die kein Lachen kannten .. Über Sumpfgräben gingen meine Augen: immer wieder sahen sie das gleiche Bild: aufgeschossenes Schilfgras, gelbe oder braune Wasserlachen, auf denen die Mücken tanzten, dann ein kurzes Stück trockengelegtes Land, einen Kleeacker, ein Feld voll wilder Lilien .. und wieder Morast, schmälere und breitere Rinnsale, zu Vierecken ausgezogen, oft abbrechend, und weiter hinaus wieder bleiern aufglänzend. Einmal ging es über eine Brücke, an der ein Ulmenbaum stand, dann hob sich die Straße ein wenig, und an dem Rand einer niederen Böschung zur Linken wurde die Pineta sichtbar: Dantes Pinienwald, breite, schwarze Wipfel vor dem Perlgrau der langgezogenen Wolkenwände. Dante: Name, den ich nicht mehr mit irgend einem Ort der Erde zu verknüpfen weiß: nur noch Symbol, in dem das Wunder schläft, Luft, die wir atmen, ohne zu fühlen, daß sie da ist. Und dennoch ergriff mich der Anblick des übrig gebliebenen Waldes. Ich mußte an Guido Polenta denken, der den großen florentinischen Flüchtling in seinem Hause aufnahm, und an jene Francesca Polenta, Malatesta von Riminis unglückliche Gemahlin, für deren Liebe Paolo starb. Schatten, süße, traurige Schatten, nur angedeutet in der Sehnsüchtigkeit ihres Lebens .. und darum ewig gegenwärtig.
Vor San Apollinare-in-Classe ließ ich den Wagen halten. Die Einsamkeit des Ortes bestrickte mich. Mitten im Feld, zwei Schritte von der Landstraße, lag das Wunder einer christlichen Basilika. Unscheinbar außen, wie alle Bauten aus der gleichen Zeit, doch groß und vornehm in ihrer Einfachheit. Das Tor stand offen. Der Eintritt aus der freien Luft in die Halle blieb ohne Übergang. Wie tief nimmt dieser Raum den Nahenden auf .. Etwas von Pfingsten weht in der feierlichen Klarheit, Freude spielt im Ebenmaß der Säulen von Bogen zu Bogen und klingt am Hochaltar zusammen, hinter dem das Mosaik der Apsiswölbung aufsteigt. Hell glänzt das Kreuz auf goldnem Grund inmitten lichter Bläue, zwischen Blumen und weißen Lämmern steht verkündend der Heilige. Man möchte niedersitzen und lange ausruhen, man möchte die Augen in das flache Feld hinauswenden, das langsam im Abend versinkt. Aber die Fieber wachsen in den Sümpfen, wenn die Nacht kommt. Das Land kennt nicht die Lust der Dämmerung. Die Fenster müssen sich schließen, der Mond wirft giftige Dünste auf.
Der Wagen wendete. Aus den nordwestlichen Himmeln, von Ferrara her, quoll schmutziges Abendrot. Die Ebene lag in leisem Glühen. Kein Lufthauch wehte. Die ersten Tropfen fielen, laues Blut. Dann losch das Feuer. Noch zögerte der Regen. Die Stadt war grau an die Erde hinabgedrückt, sinkend .. sinkend. Es kam kein Rauschen in den Wipfeln, es fegte kein Wind über die Straßen und warf die klaffenden Fenster zu: aus lahmen Kiefern spülte das Dunkel die trübe Brühe des Regens auf die Dächer nieder. Die Dächer gaben sie weiter an die zerbrochenen Rinnen, aus denen sie in breiten Güssen auf die Straße stürzte. Erde, Stadt und Himmel waren nur noch eines: ein brauner und grünlicher Morast, der nach dem Wüten der Julisonne schrie, um einmal aus sich selbst befreit zu werden. Dann mußte der Staub kommen, Staub und Sand, und die Stadt würde gelb wie frischgebrannter Lehm .. gelb wie die ausgedorrte Steppe: dicht neben dem unerbittlich fliehenden Meer.
FLORENZ
Den Nachmittag und Abend des nächsten Tages verbrachte ich in Florenz. Still blühend lag die Stadt in der Sonne, Anmut und Leichtigkeit. Heimatlich begrüßt sie jedesmal den wiederkehrenden Freund, obwohl sie stets voll Geheimnis bleibt, und sei es nur im Wechsel der Lichter, im ewig neuen Wandern ihrer Wolken. Wolken von Florenz! milde Dämpfer zu üppigen Goldes, selbst mit Gold gefüttert, das sich in breiten Säumen über die Ränder neigt: euch folgt der Flug der Seele wie keiner eurer Schwestern, ihr gebt den Bergen das unerschöpflich feuchte Blau, den Hainen das fließende Grün, aus dem es kühl herüberwinkt in den Brand der kornblumenfarbenen Tage.