Ich fuhr nach einem alten, kleinen Schloß, in dem ich einmal helle, süße Tage verlebt hatte. Es liegt in den Hügeln von San Miniato, hoch über der Stadt. Ich ließ den Wagen auf Umwegen über den Viale Petrarca und durch die Porta Romana zur Höhe des Torre del Gallo hinaufgehen. Langsam wurde das Bild der Stadt geboren, über hohen, grauen Gartenmauern, Villendächern und unbewegten Pinienkronen. Zwischen blaß-blauen Glycinenranken stand das goldbraune Gewühl der Häuser. Den herrischen Wuchs der Zypressen besiegend, ragte der Turm der Signoria. Fensterscheiben blinkten in der Sonne, Arkaden grüßten über dunklem Lorbeer. Schon stieg der leichte Rauch eines verfrühten Herdfeuers aus wenigen Schornsteinen. Unwillkürlich lauschte das Ohr nach einem Angelus .. Noch war es zu früh. Die Wärme, die aus den Gärten aufwehte, wies noch auf Nachmittag. Bilder kamen und gingen im Vorüberfahren ..

Niemand erwartete mich im Castello Acciajoli. Vielleicht war niemand zu Hause. Ich zog die Schelle. Es dauerte eine Weile, bis der Diener öffnete. Er erkannte mich wieder und führte mich in das Empfangszimmer. Wenige Minuten später saß ich im Gespräch mit dem Hausherrn. Jahre waren vergangen, seit wir uns gesehen hatten. Er war der einzige, der um ein Erleben wußte, das hier seinen Anfang gefunden und fern, in einer nordischen Stadt, sein Ende genommen hatte. Noch lag der Schein der Liebe auf allen Dingen, zart, heimlich, wie ihn das ergriffene Herz damals hingezaubert hatte. Ich ging zu jedem Baum, zu jedem Strauch, der noch wie damals stand, wie damals blühte. Wie fröhlich war alles gewesen, wie frei und einfach! Besonders die Abende waren schön. Die Mahlzeiten in dem kleinen Speisezimmer, die vielen hellen Blumen auf dem Tisch, der rote Wein in schlanken Henkelkannen und das Hin- und Herflittern der leichten Worte zwischen Menschen, die zusammengehörten, so wie sie waren, gebunden durch die gleichen Gewohnheiten, vertraut in der gleichen Anbetung der Schönheit – und nur geschieden durch jenes feinste Gefühl innerer Besonderheit, wie es die große Übung des Erlebens entfaltet. Nichts war laut, nichts war ein Übergriff. Was hier geschah, war selbstverständlich. Es gab viele gemeinsame Spaziergänge in den Wiesen und Baumstücken, die zum Schloß gehörten, an kleinen Bächen entlang, die hastig niederstürzen, sich manchmal in uralten Steinbecken fangen und weiterfliegen, dem Arno zu. Dann ein Ausruhen auf einer leichten Anhöhe in hohem Gras, bei Lorbeerbüschen und Gaisblattranken. Wohin das Auge schweifte, standen die milden Ölbäume, deren wundervoll belebte Seele der Nordländer so schwer versteht. Die Akazien blühten hoch in der stillen Bläue oder im Bernsteinglanz der Abendhimmel, die Nachtigallen sangen in jedem Gesträuch. Und über allem lag die Liebe. Aus der Gemeinsamkeit des Genießens löste sich die Sonderheit dieses Glückes, jenes Aufgelöstsein in Schweigen, das wortlose Untertauchen in jeder beseelten Schönheit. Im Wehen eines Olivenzweiges, im Atmen eines Rosenbeetes lag die Vertauschung der Seele und das Auswechseln der Sinne. Milde war in allem: Toskanas Milde .. und eine reine, scheue Süße, wie Duft von Veilchen oder Teerosen.

Der Diener hatte den Tee im Speisezimmer aufgetragen. Die Unterhaltung kam auf deutsche Dinge und hielt sich lange dort. An den Namen gemeinsamer Freunde spann sich das Gespräch weiter, leicht und fast kühl, da es einfachen Wirklichkeiten galt, bis sich unmerklich ein leises Heimweh einschlich. Denn im Reden über so viele, die vor Jahr und Tag mit uns hier oben zusammengesessen hatten, wurde die Zeit lebendig, die trennend zwischen heute und damals stand, die Schwere alles Zwischenerlebens schob sich über das Spiel der Erinnerung, die fast Gedicht geworden war. Wir verstummten. Wir schauten durch das Gitter des offenen Fensters in die Ebene hinunter, den Baumwipfeln der grünen Bandita entlang. Dann kamen plötzlich die Fragen: Entsinnen Sie sich noch jenes Vormittags, als wir zu Gino gingen? Wie hieß die Frau mit den Rubinohrringen, welche die Arie der Armida sang? Spielt Octavio noch so schön Klavier? Was ist an der Geschichte wahr, die man von dem Abbate Celli las? Ohne Aufhören fiel Frage auf Frage, Antwort auf Antwort, während wir in dem Haus umhergingen. Wir stiegen die Treppen in das Obergeschoß empor, wo die Schlafräume lagen. Da war mein altes Zimmer! Nichts war verändert: dieselben alten Bilder, dieselben Leuchter, und dasselbe dunkle Himmelbett. Wie stiegen die Morgende des Erwachens auf, wenn der Diener eintrat und die Läden zurückstieß, wenn plötzlich das ganze, in helles Sonnenlicht getauchte Land in den Fensterrahmen trat: die Wipfel der Pappeln, die im frischen Morgenwind schwankten und ihr flüsterndes Blattwerk spielen ließen, die schweren wiegenden Zypressen über den Dächern von San Miniato, die ganze östliche Stadt, die im dünnen blauen Dunst des Sommertages zu dem Hügelkranz von Fiesole emporwuchs. An der Mauerwand aber schlug der warme Duft der Erde empor, und wehte bis auf die Kissen ..

Wir gingen zurück in das untere Stockwerk. Ich war traurig geworden, und fühlte mich erst leichter, als wir in dem großen Arbeitsraum des Hausherrn saßen, wo so viele ausgelassene Gespräche und Erzählungen die Abende verkürzt hatten. Als ob der Freund meine Gedanken erraten hätte, fragte er, indem er sich in einen hohen, roten Seidensessel setzte:

»Haben Sie manches Mal an die Gräfin d'Ys gedacht?«

Da war mit einem Male das Lachen geboren – und mit ihm jener göttlich-leichte Frühlingsabend, als uns Octavio Poggiolini die reizende Geschichte erzählte ..

· · ·

Wir saßen im Kreis um den Kamin. Ein kleines Feuer brannte auf dem eisernen Rost, denn der helle Mondabend war kühl und etwas feucht. Die Champagnergläser waren aus dem Speisezimmer herübergetragen worden und standen neugefüllt, die Damen zerlegten Orangen auf dünnen Glastellern, einige der Herren rauchten. Man hatte nur ein paar gelbe Wachskerzen angezündet, da der Schein der Flamme reichlich Helle gab und außerdem durch das Fenster ein breiter Streifen Mondlicht in blaßgrünem Dreieck über den Boden fiel. Octavio Poggiolini saß nahe am Feuer und hatte die Beine übereinandergeschlagen. Auf seinem Gesicht stand die Vorfreude des Erzählens. Vielleicht gab dies Marita Branconi einige Bedenken, denn sie sagte, als er eben beginnen wollte:

»Ist die Geschichte sehr unanständig?«

»Was denken Sie? fiel ihr Octavio ins Wort, sehr unanständig! Im Gegenteil! Sie ist ganz einfach das Loblied auf die Klugheit!«