Die endlose Flucht der steilen Küste begann. Wir fuhren in weitem Bogen auf das offene Meer hinaus, sobald wir Mondello und das Kap Gallo hinter uns hatten. Das Ufer wich in immer tieferen Buchten, einmal schob sich ein Saum von flachen, grünen Steppen in die Flut, dann zog der Golf von Castellamare die Gestade an sich. Die Berge rückten zusammen und schienen sich zu drehen, kahle, verbrannte Kuppen wuchsen hellbraun und lila aus der Masse des tiefen Gesteines. Lila, wie ganz verblaßter Flieder, und lila wie der nächtige Duft auf reifen Pflaumen, ein wenig feucht und kühl, und wieder andere lilablau, wie späte Waldveilchen, schon halb entkräftet von zu langem Licht. Dann plötzlich zeigte sich zwischen grauen Falten ein hellgrünes Tal, verweilte wenige Augenblicke, und verschwand. Besonders schön war dies: wie man im Golf die Küste weichen fühlte und, ganz an dieses leichte Fernergleiten verloren, schon auf der anderen Seite neue Berge kommen sah, viel steiler, viel zerrissener in den Abhängen, doch still gerundet in den Kuppen, weich in der goldnen Luft entfaltet. Das nahe Lila wich dem ferneren Indigo; einmal hob sich ein heliotropfarbener Kegel in ungeahnter Milde über starren Graten. Lag irgendwo ein Haus in baumloser und schattenloser Öde am Strand, so wuchs der Schauer der Einsamkeit. Ganz einsam aber stand der Leuchtturm von San Vito. Hier lenkte das Schiff nach Süden und gab die erste Mahnung an das Ziel. Wir waren in die Gewässer von Trapani eingefahren. Ich schaute zwischen den Stangen des Geländers und den flatternden Vorhängen in der Richtung des Monte San Giuliano, des Heiligen Berges, auf dem das alte Heiligtum der Venus Erycina lag: Klar und braun stand er plötzlich im Licht, doch über seinem Gipfel schwebte eine rosenfarbige Wolke, ganz dünn, ein Schleier nur, ein süßer Dunst. So, wie von Rosenopfern einst der Weihrauch der Altäre aufstieg, wenn die nackten Chöre auf den Tempeltreppen sangen und die Kithara schlugen. In wildem Efeu lag das weiße Haus, dessen vierfacher First nach allen Himmeln wies und die flammende Schrift seiner Zinnen den fernen Meerfahrern hinhielt, so daß die Matrosen von den Schiffen aufsahen und die Sehnsucht ihrer entwöhnten Lenden doppelt brennend fühlten.
Um fünf Uhr warf das Schiff vor Trapani Anker. Ich ließ mich übersetzen und fuhr in das Innere der gelben, sandigen Stadt, durch tote Straßen, über leere Plätze ohne Grün und ohne Schatten. Aus glühenden Kasernenhöfen drang das Schmettern der Trompetensignale, goldne Helmbuge blinkten über hohen, weißen Mauern auf.
Ich kehrte bald zurück und trank den Tee an Bord. Die Pferde wurden ausgeladen, schwarzes Gesindel, unheimlich und verwahrlost, trieb sich in bunten Lumpen auf der Mole umher. Die Stunden gingen. Cesare trat zu mir. Wir standen am Geländer und schauten auf Stadt und Meer. In das Gold der Luft war ein Rosa geflogen. Der Monte San Giuliano hatte den Schleier um seinen Gipfel dichter gezogen. Über den Dächern wob eine Stille, die ganz voll Fremdheit war, verflüchtigend und entkörpernd. Alle Gestalten, die über die schmale Brücke auf das Schiff gingen, schienen aus einem Dunst von Blut zu kommen, in einigen Fenstern flammte dunkelrotes Feuer. Der Kapitän ging vorbei und bat mich, zu Tisch zu kommen.
Wir waren zu dreien in dem großen Speisesaal. Alle Fenster standen weitgeöffnet, das Wasser gurgelte leise an den Flanken, ein Geruch von Salz und Tang kam manchmal über die Tafel, die mit Verbenen geschmückt war. Wir aßen schweigend. Der Wein war schwer und dunkel, Conca d'Oro vecchio aus Palermo, und Marsala, goldflüssig und gewürzt wie frischer Honig. Das Obst fiel über die Ränder der großen silbernen Schalen auf das Tischtuch: Bananen und Feigen, Limonen und Kirschen, Orangen und Nespeln. Als der schwarze Kaffee gebracht wurde, schoß eine Purpurwelle durch die westlichen Fenster, alle Wände, alle Stühle, die Blumen, die Tassen, die Vorhänge, die Diwanreihen loderten auf, laute Rufe des Entzückens wurden über uns auf Deck vernehmbar – wir erhoben uns rasch und gingen nach oben.
Es war kein Flammen mehr, es war ein Wüten von dunkelrotem Feuer in diesem Sonnenuntergang, am Boden beginnend, in flachen Wellen steigend und hart über der schwarzen Silhouette der Stadt hinrauschend. Ein Bündel stahlblau glänzender Dolche, stachen die wenigen Palmenwipfel über den glatten Dächern in diesen Brand. Die breite Kuppel der Kathedrale ließ dünne Blutbäche in den Bugen der Wölbungen niederrieseln, nirgends mehr war das Erlösende eines milden Goldes. Schwärze und Purpur lagen fanatisch ineinandergewühlt, durcheinandergeschleift, als das Schiff aus der Enge des Hafens fuhr.
Und es kam kein Gold mehr. Auch nicht mehr jenes zarteste, durchsichtige Apfelgrün, in dem so gerne der Tag noch über dem offnen Meere verweilt, ehe die Nacht sinkt. Es kam nicht das süße Aufblitzen der Sterne, nicht ihr silbernes Ruhen im blassen Aquamarin: es kam ein rasches, stummes Verlöschen des Feuers, ein kaum zu fassendes Stillestehen des Lichtes – taubengrau und thymianlila – und gleich darauf die Nacht, die tiefe, dunkelblau gesättigte Nacht mit dem Gewühl der Sterne, die jeden Augenblick aus ihrer weichen Fassung brechen konnten, um Luft und Meer und Schiff zu begraben.
Ich lag auf dem obersten Deck in meinen Stuhl gestreckt, das Gesicht zum Himmel gewendet. Am Boden neben mir saß Cesare und lehnte seinen Kopf an den Sessel. Keine Stimme war lebendig auf dem Schiff, keine Mandoline klang.
Da fühlte ich: Dies war nicht mehr die Nacht Siziliens: dies war die Nacht über Afrika.
Die Bläue senkte sich, das Meer schwoll ihr entgegen, die Sterne drängten nieder, zitternd in ihrer eignen Glut, Lichtbündel schossen in die Wogen – doch plötzlich schien das Spiel zu ruhen.
Noch einmal tiefer hatte sich das Blau gebauscht, offne, stille Blumen quollen langsam aus der Mündung eines ungeheuren Füllhorns, Lilienbüschel, weiß und smaragdengrün, und sanken .. sanken auf das einsame Meer.