In Ravenna fand ich den Gott, der als Seele den Leib überwuchert und mit tränenverschleierter Stimme flüstert: Der Leib ist ein Staub und die Seele das Feuer, in dem sich der Staub verzehrt.

In Florenz fand ich den Gott, der lächelnd verkündet: Seht, die Klarheit ist alles! Seid hell wie der Himmel, den meine Güte euch wölbt. Seid gütig und lernt das entwaffnende Lächeln. Ich heiße euch sanft sein und leicht, daß ihr schwebt, wie mein Licht auf der Schwere der Erde.

In Rom fand ich den Gott, der als Seele zerbrochenen Lebens in die Seele der Gegenwart weht und aus tausend vergessenen Schönheiten und den rastlosen Zielen des äußeren Lebens die unbegreiflich versöhnende Schönheit mischt. Und seine Stimme ruft aus dem Purpur: Ergründet nicht! Taucht nicht in die Tiefen des Rätsels: Seid glücklich im Schönsein. Das Heil ist dem, der blind bleibt!

In Neapel fand ich den Gott, der die Seele der Kinder bewohnt, in Gutem und in Bösem. Den Gott, der die Pfaffen auslacht. Den Gott, der die gottlose Menge bewegt und die harmlose Sünde behütet, indem er die Triebe aufgehen läßt wie das Vogelfutter aus den winzigen Samenkörnern. Laßt doch mein Volk in Ruhe, sagt er den Pfaffen! Das Volk ist mein und ich habe es lieber als euch! Sühnt irdisch, wo irdische Frevel sind. Aber quält nicht mit der Flamme des Geistes, was jenseits des Geistes ist und seiner und eurer nicht bedarf! Laßt in der Einfalt, was in der Einfalt schön ist und heilig vor meinem Auge ..

In Palermo fand ich den Gott, der in goldnem Wagen über den Häuptern fährt. Den Gott, der die Taten segnet und Taten als Lohn für seine Liebe fordert. Den Gott, der ein Fürst ist über den Fürsten: und sein Name ist Fülle und Glanz.

TUNIS / WÜSTE

Ich fuhr mit demselben Dampfer nach Tunis, der mich von Neapel nach Palermo gebracht hatte. Cesare Salvari, jener Matrose aus Messina, hatte mir an einer geschützten Stelle des Deckes einen Liegestuhl hergerichtet, und ich ruhte nun in der Mittagsglut des Hafens, den Blick in die Bläue gehoben, die wie ein großes, seidnes Zelttuch über Mast und Stangen hing. Es war so still, daß niemand ahnen konnte, das Schiff werde in einer Viertelstunde fahren. Einige Pferde für Trapani waren schon früh verladen worden, das wenige geringe Volk des Zwischendeckes hatte sich schon lange vor mir eingeschifft, ein junger Mensch, der aus Kleinasien kam, war mein einziger Reisegefährte.

Über den Häusern der Stadt flimmerte die Luft. Nicht eine einzige Rauchsäule stieg auf. An den Abhängen des Monte Grifone schimmerten weiße und gelbe Wände zwischen dem Grün der Orangengärten. Über dem Pellegrino wob eine lilagraue Helligkeit, in der zuweilen das Licht silbern aufzuckte. Das Schiff schwankte ganz leise in der Richtung seiner Länge, und dieses Schaukeln weckte eine weiche, lässige Schläfrigkeit. Wundervoll war das Rieseln der Wärme: wie das Rieseln unsichtbar feinen Sandes über dem nackten Körper. Und obwohl von der See keine Kühle wehte, gab der Geruch von Algen, Tang und Teer ein Gefühl von Frische und Weite. Kein Fahrzeug war am weiten Horizont zu sehen. Leerer Himmel stieg in leere Luft. Das Meer stand.

Die Stadt vor mir war längst nicht mehr Palermo: es war irgend ein südlicher, sonniger Hafen, in dem mein Schiff eine kurze Ruhe hielt. Ich hörte, wie die Brücke hochgezogen wurde, wie der Kapitän noch etwas ans Land rief, wie die Sirene aufheulte und die fernen Bergwände das Echo verschluckten. Dann war ein Gequirl von Wogen, ein Stampfen und Zittern und Brausen, und wir fuhren. Ich mochte nicht aufstehen. Den Kopf zur Seite gewandt, sah ich das Fliehen der Küste und der flach-hingebetteten Häuser ..

»Ihr Abende auf dem Meer – und ihr Abende in Angelinas Garten, ihr Wagenfahrten am Corso der Via Libertà, du seltsames Maskenspiel südlicher Menschen, die das Wesen von Puppen annehmen, wenn sie sich in der leisen Betäubung des ewigen Auf- und Niedergleitens begegnen, ihr stillen Morgengänge nach Acqua-Santa und Romagnolo: Lebt wohl! Lebt wohl für lange, vielleicht für immer ..«