Seitlich vom Dom liegt der Kreuzgang des alten Benediktinerklosters. Verbenen, Rosen, Heliotropen und Lilien blühten in dem Garten. Hellblauer Wind war über den Blumen und trieb den Duft mit leisen, seidenen Schlägen in die Hallen. Und Wind war in dem Strahl des arabischen Brunnens, der in der Ecke zwischen stillen Säulen ruht. Wind war auf den flachen, warmen Stufen, die zum Niederstieg an das Wasser winkten. Wer weiß, wie lange mich das Wasser bannte? Es hauchte Kühle, hauchte Leben, und mein Gesicht war ganz voll Sonne, so hingehalten, hingegeben an des Genießens Wonne. Und der Wind trug meine Wünsche weiter – die Augen die eben noch entzückt auf den Kapitälen geruht hatten auf Blumen, Vögeln und menschlichen Gestalten, die sich im unentwirrbar-reichen Ornament zu regen begannen, vergaßen die nahen Schönheiten über dem Auftauchen fernerer Bilder und hielten das erträumte Neue, das sie grüßten ..
O Hindämmern über das südliche Meer ..
| Oleanderhaine winken, |
| Und es winken die Moscheen, |
| Alle Gläubigen versinken |
| Im Gebete und vergehen. |
| Auf den rosenroten Dächern, |
| Die den Abend kommen sehen, |
| Wird aus schweigenden Gemächern |
| Bald ein Hauch vorüberwehen. |
| In den tiefen Brunnenbecken |
| Werden leis die Sterne drehen, |
| Und auf seidnen Lagerdecken |
| Wird die Lust der Nacht erstehen. |
*
Kinder wiesen mir den Weg nach Santa Maria delle Croci. Zwischen Felsgeröll und Kakteenpflanzen ging der Pfad bergan. Aus allen Steinen hauchte Feuer. Auf einem halbverbrannten Grasplatz lag die kleine Kirche, zu der ein paar Stufen emporführten. Von der Treppe aus umspannte das Auge die heroische Landschaft: Ebene, Stadt und Meer, reich, edel und freudig. Nicht ein Hauch von Wehmut floß in dem silbernen Saum des hellen Horizontes. In braunen Hügelfalten glänzten weiße Dörfer, seltene Pinien, noch seltnere Zypressen ragten auf brauner Grassteppe. In der Fruchtschale der Ebene aber leuchtete das gesättigte Grün der Orange- und Zitronengärten. Dicht aneinandergedrängt hingen die goldnen Kugeln im Laube, zur Ernte reif.
Die sinkende Sonne mahnte zum Abstieg. Ich ging die Fahrstraße nach Rocca hinunter. Arbeiter kamen aus der Stadt zurück, verbrannt und bis an die Kniee mit weißem Kalkstaub bedeckt. Bauern fuhren auf Eselskarren nach Hause. Sie saßen halb schlafend auf der Kante des Wagens und trieben die Tiere durch das unermüdlich wiederholte, schläfrige Ahii, Ahii zum Weitergehen an.
Von Rocca aus nahm ich den Feldweg nach Bocca di Falco. Ich erreichte die ersten Häuser des Dorfes um die Stunde, wo die Frauen beginnen, die Abendmahlzeit zu richten. Dünnes Rauchgewölk schwebte über den Schornsteinen, aus den Türen und Fenstern drang Dunst von Öl und Gebackenem: es war Sonnabend. Soldaten waren heimgekommen und standen bei den Mädchen, frischgeputzte Pferde wurden an eine Tränke geführt, es war kaum möglich, die kleine Piazza zu durchqueren, so viele Menschen hatten sich hier angesammelt. In einer Ecke las ein junger Mensch mit lauterregter Stimme eine Spalte aus der Tribuna vor ebenso erregten Hörern, aus einer engen Seitengasse wurden weiße Ziegen ins Freie getrieben. Vor manchen Häusern war ein Tisch gedeckt, in einer Schmiede flammte das Feuer der Esse und warf unruhige Schatten über die harten, verrußten Gesichter der Arbeiter .. Ein junger Kaplan wies mir den Weg nach Baida. Ich mußte die Fahrstraße verlassen und über viele schmutzige Treppen durch niedrige Bogengänge aufwärts steigen. Frauen saßen plaudernd auf den Stufen, Hühner liefen hin und her und pickten Körner, in den Hausfluren lagen Hunde und Katzen, Schweine wälzten sich auf breiten Misthaufen. Junge Lämmer waren an den Pfosten der Haustüren festgebunden, in den Ställen brüllten Kälber und Rinder. Oft schwankten weiße Rosen über die bröckelnden Mauern, einmal schoß roter Phlox neben einem blauen Hoftore auf. Je höher ich stieg, desto spärlicher wurden die Häuser, und als ich endlich bei einer rosenfarbigen Villa den Ausgang des Dorfes erreicht hatte und auf den Weg nach dem Kloster Baida trat, strömte der Glanz des Abends so warm und purpurn über mein Gesicht, daß ich die Augen schließen mußte, die nach dem langen Zwielicht soviel Helle nicht mehr faßten. Ganz langsam und gesenkten Blickes ging ich weiter. Zur Rechten lief eine Mauer, zur Linken begann ein Hügel. Obstfelder tauchten auf, Kleeäcker, ein Mohnfeld, eine Rosenpflanzung und plötzlich – nach einer kaum gefühlten Wende des Weges – das Kloster Baida, das weiße, im Frieden seiner Zypressen, dicht an die duftblaue Halde des Berges gelehnt.
O, wie der Duft an diesen Bergen hing! Blau, blau und schiefergrau gedämpft vom hellen Glanz des Gipfelsaumes, der noch im Lichte stand. Wie diese schroffen Felsenhöhen die Schattenkühle in sich sogen, sich ganz hinüberlegten in den Duft. In welche Milde all dies Ausgeglühte tauchte, in welchen tiefgestillten Atemzug der großen und gedankenvollen Nacht. Und ferne – ach, fast übersehen – das Meer, so unersättlich blau und still, so still und blau das Meer .. wie auf die Ebene hingestrichen, ohne Segel, ohne Schaum, ohne Flut. Ich saß, halb liegend, den Kopf in meine linke Hand gestützt, am tiefen Rand der Mauer. Dies war der Ort zu ruhen, friedvoll zu sein mit sich und seinem Los. Warum noch weiter gehen? Kein Wunsch mehr zog mich in das weiße Haus. Sein Bannkreis war betreten und seine Schönheit blieb viel süßer, wenn eine leichte Ferne noch die schlummervolle Seele wachhielt: So ist Musik, die aus dem Innern eines Hauses an unser Ohr schlägt: Sie wiegt und wiegt: wir aber fühlen tiefer, daß uns dunkle Hände tragen:
Ruhe, ruhe, Seele! Halte Wacht über dem großen Gefühl! Ich denke an dich, Geliebte, und an die Ruhe deines Herzens, in der mein Leben stille liegt. Ich denke an den Tag, als ich ausfuhr: nun sind schon Wochen dahin, und ich bin übersättigt von Schönheit. Wenig fehlt, und die letzte Schranke ist überschritten, hinter der das Vergessen wohnt. Soll ich untertauchen? Soll ich aufhören zu sein, was ich bin? Das Blut drängt hinüber, es drängt mein entzündeter Wille, und meine Sinne drängen. Ich kann das Meer nicht mehr sehen, ohne zu wissen, daß mich die Woge noch ferner entführt. Im Schlaf sucht mein Auge die Palmen der Wüste und die Zisternen der Wüste. An den Urgrund des Lebens will ich hinunter: in die endlose Ebene des Sandes und die endlose Wölbung des Himmels, dahin, wo der Anfang der Seele mit dem Anfang Gottes verschmilzt. Ich will in die Anfänge des ungestalteten Gottes, der noch keine Form und noch keine Symbole gefunden hat, noch nie von Menschen gedeutet, noch nie von Priestern verkündet ist.
In tausend Wesen habe ich Gott gespürt und konnte ihn nennen. Er war ein Gott der Zeiten und glich der Seele der Zeit. Er war die Sehnsucht der Menschen und abgewandelt wie die Seele der Sehnsucht. Ich fand ihn in dir und sagte: Geliebte. Ich fand ihn im Freunde und sagte: Geliebter. Ich fand ihn in allem, das sich selbst genügt und in der eigenen Erfüllung lebt und sagte: die Schönheit.