Alles, was lebt, Mensch, Tier und Ding, erhebt den Lobgesang der Welt, die Gottes Schönheit spiegelt. Das Übersinnlichste in Ton und Farbe bleibt einfach, nah und ganz Natur: Nicht eine Kraft ist im Symbol verflüchtigt. Die Seele Rogers strahlt aus seinem Werk: die unbeschreibliche Freude, zu leben. Die Freude, die keinen Grund hat – so wie es eine Trauer ohne Anlaß gibt – die Freude, die aus dem hellen Blut des Helden weht, den seine Götter lieben.

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Meine Hände hoben die weißen Rosen empor: Mund, Stirn und Haare versanken in dem kühlen Überfluß. O, Küsse dieser Rosen! Durst nach Schönheit mitten in der Erfüllung: San Giovanni degli Eremiti: du Gift Palermos, das trunken macht und brennende Fernen einflößt. Dich bekennt kein Wort: vielleicht enthüllt dich der Herzschlag des Besiegten, der an dem Brunnen deines Säulenhofes hinsinkt und über Rosen weint, die in den weißen Sonnenkringeln laufen, die von den weißen Säulenbündeln stürzen und sich vom Rand der Mauer in die Bogen niederlassen ..

Da ist ein Palmenwedel ausgebreitet und reicht bis an das Ziegelrot der Kuppeln, da ist ein Lorbeerbaum und hilft dem atemlosen Anstieg violetter Clematisblüten in die Kühle seines glänzenden Laubes, Efeu, fast schwarz, speit das Blut der Geranien von sich. Am Ende des Gartens, im Schatten von Limonengrün, führt zwischen hohem Gras und Schirling ein Pfad zu einem ruhenden Wasserbecken: Von dort umfaßt der Blick den Turm der Kirche und vier der roten Kuppeln im Rahmen eines einzigen Kreuzgangbogens. Gold tröpfelt durch die Blätter der Zitronenbäume, die reifen Früchte atmen scharfe Süße. Die Luft steht still, ganz blau und still. Die Hummeln fliegen. Das Licht schlägt Wurzel in den weißen Säulen. Der weiße Rundgang malt die malvenfarbigen Schatten seiner Bögen auf den Boden. Die Hitze siedet und schlägt Wellen auf ..

Schließe die Augen, die müden,
Rufe den stillenden Traum:
Bald fährt ein Schiff dich nach Süden
Bis zu dem purpurnen Saum
Ewig dorrenden Landes,
Wo dir das Wunder ersprießt
Und sich im Rieseln des Sandes
Über dir schließt.

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Am Sonnabend, als das Wetter etwas kühler geworden war, schickte mir Angelina Lancisi ihren Wagen zu einem Ausflug nach Monreale. Ich fuhr sehr früh am Nachmittag, da ich über die Höhe von San Martino und Baida zu Fuß in die Stadt zurückkehren wollte. In den Baumwipfeln der vielen Gärten längs der Straße spielte ein zarter Wind, über allen Dächern und Türmen war duftige Belebung, aus dem Geriesel der Pappelblätter sprühten weiße Funken in das Wehen der Bläue. Und im Rücken lag das Meer mit breiten, violetten Wellen. Die zierlichen, hellbraunen Pferde liefen in kurzem Trab die gerade Straße entlang. Der Staub dämpfte den regelmäßigen, knappen Aufschlag der Hufe. Die beiden Kutscher saßen kerzengerade in ihren hellgrauen Livreen, ohne zu sprechen. Kurz vor dem Dorfe Rocca begannen die Hügel. Alle Berge waren nahegerückt, man konnte jeden Stein und jeden Busch in der fließenden Klarheit der Lüfte erkennen. An dem Abhang, der nach dem Dorfe Bocca di Falco hinüberführt, leuchtete das Bernsteingelb offener Kakteenblüten über rotem Gestein und roter Erde. Zur Linken lagen dichte Orangengärten. Wir fuhren an einer Mauer entlang, die ganz erdrückt war vom Überfluß roter Geranien. Auf dem Domplatz von Monreale hielt der Wagen. Ich hieß die Kutscher nach Hause fahren, da sich sofort eine Schar von Kindern und Bettlern angesammelt hatte, und blieb allein auf dem schattenlosen Sandviereck stehen. Die Blätter einer verdorrten Palme raschelten, die vergoldeten Spitzen am Torgitter der Kathedrale züngelten gegen die hellen Säulenschäfte empor. Einsam und schwer, an eine nordische Festung gemahnend, ragten die ungleichen Türme über der Balustrade der Vorhalle. Noch zögerte mein Fuß, voranzugehen: ich hatte fast eine Furcht vor der neuen Erfüllung. Doch als ich endlich den Platz überschritt und in das Innere trat, als ich die ersten trunkenen Blicke hob und senkte, war eine süße, weiche Ruhe über mich gekommen, ein feierliches Stillesein der Sinne, ein Jubel, der keine Sprache mehr verlangt, gedämpft in jenem sanften Glücklichsein, das wie ein Augenschließen über allen trüben Dingen ist.

Und ich ging langsam, langsam durch den Dom von Monreale, so wie wir manches Mal in der warmen Sonntagsfrühe durch die wogenden Kornfelder unserer Heimat schreiten, auf ausgefurchten Feldwegen, die ihren blühenden Rand in zitternde Fernen hinausziehen.

Alles ist Milde, Maß und Größe in dieser Kathedrale: und die Seele, deren Sprache uns so weich umfängt, ist die Seele des Raumes. Der bunte Glanz engt nicht mehr die Wände: das Licht dient nur dem Raum. Ein Wille, geistig und wissend, bändigt hier den Überfluß: hinter dem Blitzen der Mosaikgemälde funkelt die Inbrunst einer tiefbewegten Seele. Rogers I. leidenschaftliche Größe, Rogers II. unersättliche Freude am rauschend-Schönen findet die letzte, künstlerische Lösung in dem Gesetz der ausgleichenden Masse, das die Seele Wilhelms II. beherrschte. Alle Trunkenheiten sind in tiefes, klares Gefühl erhoben. Hoch an der Decke, mit gnadenvoll gebreitetem Flügelschlag, der stilles, goldnes Feuer streut, schwebt übersinnlich die Taube Gottes.

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