Am nächsten Tage war das Fest eines Heiligen. Ein Feiern wie am Sonntag lag über Dächern und Straßen, als ich früh am Morgen nach der Martorana-Kirche ging. Wundervoller Name: dunkelblaue Vokale, an goldnen Schnüren aufgezogen, weicher, langer Bogenstrich auf der untersten Saite der Viola. Zwischen Rosengebüsch und Palmenwedeln hebt der Glockenturm auf schwerem Mauerwerk die leichten, goldumstrahlten Säulenbündel in die Höhe. Alles in diesen Bögen ist Aufgang, Sehnsucht, frei wie ein Vogel in der klaren Luft zu schweben: und doch zu ruhen.

Im Innern tragen alle Wände Mosaik, ein wenig verwildert, wie Blumen in vergessenen Gärten. Es leuchtet keine verhüllte Tiefe auf wie in Ravennas blauer Glut. Die Steine schillern, sie strahlen nicht. Sie bezaubern, sie rühren nicht.

Auch San Cataldo sah ich an diesem Morgen, die Backsteinkirche, die ihre karminroten Kuppeln auf dem flachen Dache trägt. Verschlossen ragt der verlassene Bau auf kahler Steinterrasse. Die hohlen Fenster deuten in violettes Dunkel. Erlösend haucht die Kühle, sobald der Fuß die Schwelle überschritten hat und in das Säulenviereck tritt, auf dem die mittlere Kuppel ragt. Schatten fliegen von den Wänden. Alle Fensterbögen sind nun mit hellem, blauem Glanz gefüllt, besonders licht und süß das eine, das aus der Apsiswölbung sich in die tiefe Flut des Himmels hinüberlehnt: Das ist die letzte Hoffnung der Erde: Der Blick in das Paradies, in das Firdusi ..

Sehr spät am Nachmittag ging ich zur Cala, dem alten Hafen, hinunter. Auch hier war Stille. Die müden Fischerbote lagen Reih' an Reihe in dem seichten Wasser, von schwarzem und von grünem Moos bezogen. In dem Getakel saß das heiße Gelb des wolkenlosen Abendhimmels. Die Sonne senkte sich nach den Belliemibergen. Der Monte Pellegrino hing schon voll roter Schatten. – Die Türen der verwahrlosten Häuser standen offen und ließen trübe, feuchte Gänge sehen, ausgetretene, enge Treppen und kleine, schmutzige Höfe, in denen Wäsche zum Trocknen aufgehängt war. Auch über dem Eisengitter der brüchigen Balkone hing farbiges Zeug. Vor einer Schenke standen kleine Tische und zerrissene Strohstühle. Halbgeleerte Gläser, in denen der Rest des Weines verdunstete, verrieten, daß hier getrunken worden war. Vor einem andren Hause lagen geöffnete Austernschalen, ein Bäcker hatte einen gelben Kuchen ausgestellt, auf dem die Streifen ziegelroter Tomatenschnitte zu Ornamenten ausgelegt waren. Im Rahmen eines Fensters kämmte eine alte Frau ihr Haar. Als sie mich gewahrte, trat sie zur Brüstung des engen Balkones und ließ die grauen Strähnen von ihren Schläfen über das Gitter niederhängen. Ich lachte ihr zu und winkte mit der Hand einen Gruß hinauf. Aber sie blieb unbewegt. Sie ließ aus ihrem welken Mund langsam einen Faden silbernen Speichels fallen, der im Sinken golden wurde, und blickte lange auf den feuchten Fleck am Boden.

Dann kam ich an die Stelle, wo eine schmale Treppe ins Wasser führt. Knaben badeten in der Pfütze. Ihre Lumpen hatten sie über den Rand eines vermoderten Kahnes gelegt, auf den sie manchmal kletterten, um sich zu trocknen. Sie hatten ein seltsames Spiel erfunden. Sie rieben Schlamm auf ihren Körper und wuschen ihn um die Wette mit dem grünlichen Wasser herunter. Wer zuerst sauber war, hatte gewonnen. Einer kam die Treppe herauf und bat mich, Geld auszuwerfen, damit sie danach tauchen könnten. Ich wies sie nach einer Stelle, wo das Wasser klarer war, und ging voran. Sie liefen hinter mir her und stürzten sich an der nächsten Treppe hastig in die Flut. Ich warf meine Soldi: Ein endloser Jubel brach aus, helles ergreifendes Lachen, wie es der Norden nicht kennt. Ich mußte an Hafenkinder denken, die ich in Hamburg gesehen hatte, in Brest, in Liverpool, in Dublin – an trübe, kranke, unheimliche Kinder – und sah dann wieder auf die braunen, schlanken Körper vor mir, die sich im Sonnenlicht und Wasser dehnten und reckten, sich faßten und wieder losließen, eben eine Gruppe bildeten und im nächsten Augenblick wieder in die lauen Wellen auseinanderstoben.

Ich ging bis an das Ende der Mole, so weit es möglich war, und wandte das Gesicht den Bergen zu, die eine kühle Nacht versprachen. Leuchtend hob sich die Stadt über dem Viertel der Armen. Aber ich achtete nicht auf die weißen Villen, nicht auf die Kuppel des Domes und Zinnen des Königspalastes: Ich sah nur das öde, verfallende Meerkastell und die Schiffsmaste der einsamen Cala, die so hilflos in das schwere, schwere Gold des Abends ragten. Ich sah nur die spielenden Knaben, die sich auf den Kies gelegt hatten und mit fühllosen Fingern an ihre schönen kleinen Körper tasteten, ohne zu ahnen, daß es Menschen gibt, die um die Schönheit kämpfen müssen, wie ihre armen Eltern um das geringe tägliche Brot.

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Am Abend besuchte mich Percy Vantadour. Wir blieben lange bei Tisch sitzen. In jedem Wort, das er sagte, war der Dichter, der unermüdliche Aufspürer von Zusammenhängen, der Sucher der Gesetze, der Schöpfer der Schönheit. Die Rede flog von seinem Mund, sie wurde Begeisterung und Gedicht, ohne daß er es fühlte. Rhythmen kamen, Reimworte, die das Gewicht eines Satzes unverhofft in den Hafen des Gleichklanges lenkten und an den nächsten Satz weiter gaben. Er glitt in die Dinge, und prüfte mit allen Fibern der Seele und der Sinne. Er tastete Formen herauf, wo Bruchstücke waren, er löste ein falsches Ganze in rettende Teile auf. Doch über allem war die Liebe, die sinnlose, leidende, jubelnde Liebe des Künstlers, die die ganze Welt voll Leidenschaft aufgreift und der schöpferischen Flamme als Beute vorwirft.

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Zehn Säulen aus Granit tragen im Mittelschiff die arabischen Hufeisenbögen, über denen die Wände in das Deckengewölbe emporwachsen. Leuchter schweben an goldnen Schnüren zwischen den reichen Kapitälen. Fünf Stufen führen zum Chor hinauf, den eine unerwartete Helle so überirdisch füllt, daß das Flammen der Kerzen auf dem Hochaltar dunkel erscheint. Tausend, zehntausend bunte Kolibri flattern in der Luft, wiegen sich, halten an, kreuzen sich im Flug, bleiben im Inneren der Bögen sitzen, an den Friesen der Decke, auf den Rändern der Kanzel, in den Zacken und Ornamenten des hohen Opferleuchters. Es schwirrt und flitzt von bunten Funken in einer Woge aufgeregten Goldes. Es funkelt und sprüht vom Glanz der rastlosen Flügel, es blendet und erweckt fast Schwindel: das ist die Capella Palatina, der leidenschaftlichste Traum des großen Roger, in der Sprache von Millionen bunter Glassteine gedeutet. Suche nicht zu ergründen, löse die einzelnen Bilder nicht los, entziffre keine Inschrift, frage nicht nach den Namen der schlanken Heiligen: bleibe ganz still im Flittern des Lichtes, sitze irgendwo nieder und gib dich hin an den Glanz, bis du die Einheit spürst, bis sich dein tiefes Erstaunen in tiefes Fühlen verwandelt, bis Wesen erwacht, wo Schein dich traf. Spinne die schimmernden Fäden zurück bis in Gallas schwermütig-dunkelnde Gruft zu Ravenna, gedenke noch einmal der tief nach innen gedeuteten Sehnsucht des heilverlangenden Herzens, dessen Träume ungewiß über der Schwelle zweier Zeiten schwebten: und schwinge dich dann im Flug der umgewandelten Jahrhunderte bis in die breite Lichtung eines grenzenlos-berauschenden Lebens hinüber, das dieses Gotteshaus als ein Symbol in den Himmel des Herrn warf. Halte dich hoch in dem Licht mit den Vögeln, wiege dich mit und netze die Schwinge der Seele im Taugeglitzer der Blumentriften, die an den hohen Wänden blühen. Was dich umgibt, ist nicht mehr abgeschlossner Raum: es ist die weite Lust der Erde, der Frühling des Lebens, der schon in Sommer übergeht.