Das Wasser hatte grünliche Färbung angenommen und atmete Fäulnis. An den Rändern einer kleinen Insel standen rote Flamingos und bargen die Schnäbel im Brustgefieder, während sie die schwarzen Schwungfedern kurz und häufig aufzucken ließen ..
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Kurz nach sieben trat ich in den Gasthof. Das Treiben in dem Vestibül ließ eine viel spätere Stunde vermuten. Ich ruhte eine Stunde, nahm das Frühstück unter einem Palmenbaum im Garten und ließ einen Wagen für den ganzen Tag mieten. Nie habe ich schönere Wagen gesehen als in Tunis: Halbverdecke auf Gummirädern, weich gepolstert und von einem blendend-weißen Zeltdach überspannt .. und nirgends schönere Pferde: mittelgroße, schwarze Tiere, knapp in Gang und Haltung, lebhaft, gepflegt und gestriegelt, daß man sich im Glanz der kurzen Haare bespiegeln konnte. Mein Kutscher war ein Süditaliener aus Cosenza, klug, feinfühlig und nicht im geringsten geschwätzig. Neben ihm saß ein zehnjähriger arabischer Knabe, der die Aufgabe hatte, mich in den Basaren zu führen, in die wir nicht einfahren konnten. Wie ein kleiner König saß er da in seinen hellblauen Hosen und seinem weißen Hemd. Den dunkelroten Fez hatte er tief in den Nacken zurückgeschoben, so daß eine Welle glänzender Haare auf seine gebräunte Stirne fiel. Er kaute trockene Feigen, die er aus der Tasche zog. Jedesmal, wenn der Wagen anhielt, glitt er wie ein Wiesel auf die Erde nieder, reichte mir die Hand zum Aussteigen und kauerte auf dem Trittbrett, bis ich zurückkam.
Wir durchfuhren zunächst die südliche Stadt, die Rebat-Bab-Djazira. Da, wo die Moschee des gleichen Namens liegt, sah ich einen langen Zug Kamele kommen, die Kohlen nach dem Markte schleppten. Die Tiere gingen schwer, unwillig, wie geschändet durch die aufgezwungene Last, mit einem Ausdruck hilflosen Vorwurfs in den guten Augen, deren Blick mich schon in der frühen Kindheit ergriffen hatte, wenn ich auf den Jahrmärkten den Gauklern nachlief, die am Halfter ein müdes, graues Dromedar hinter sich herzogen, auf dessen Rücken ein frecher Affe Nüsse fraß. – Schweigende Treiber schlürften in klappenden Schuhen neben den Tieren über die Pflastersteine. Viele hatten kleine Jasminsträuße hinter die Ohren gesteckt, Gemüse- und Obsthändler zogen die Djazirastraße entlang, Karrenschieber, aus deren Wagen bunte Farbflecken aufleuchteten: Kirschen, Rüben, Salatbüsche, Fenchelstiele. Als wir an der Kasba vorbeifuhren, der alten Zitadelle der Stadt, verkündeten Trompetensignale, daß diese weißen Kalkmauern jetzt eine Kaserne umschließen. »Zuaven«, sagte der Kutscher mit einer wegwerfenden Handbewegung. Je weiter wir nördlich kamen, desto belebter wurde die Straße. Frauen in dunklen Gewändern und mit verhülltem Gesicht führten kleine Kinder an der Hand und gingen ruhigen Schrittes in der Mitte der Straße. Männer in Gruppen, schweigsam oder leise redend, saßen auf den Bänken vor den Häusern in der Sonne. Einige hatten die weißen Tücher vom Kopfe fortgenommen, andere dicht gewickelt und tief in die Stirne gezogen. Auch auf den grellen Dächern wurden weiße Gestalten sichtbar. Ihre blauen Schatten brachen scharf an der Brüstung ab. Manchmal warf der breite Wipfel eines Baumes eine grünliche Dämmerung in das Milchweiß der brütenden Luft. Aber vergebens spähte das Auge nach einer Bewegung der Blätter. Nur der Windhauch des Fahrens gewährte eine ganz leise Erfrischung. Sobald der Wagen hielt, schien der Atem zu stocken. Wir kamen bis zu dem nordwestlichen Tore Bab-Bou-Sadoun, wo viele alte Männer gesenkten Hauptes saßen. Sie sahen kaum nach meinem Wagen auf. Auch beachteten sie nicht den Staub, der beim Umwenden in die Höhe wirbelte und zu ihnen hinüberzog. An dem Halfaouinplatze stand eine große Menge – wie wartend – umher. Viele bunte Farben tauchten hier neben dem Weiß der faltigen Burnusse auf: Viel Gelb und Ziegelrot an Wams und Weste, auch lichtes Blau und Zinnoberbraun. Ich ließ den Wagen anhalten und trat an eines der vielen Cafés, die hier im Kreis umherliegen. Ich hatte mich kaum gesetzt, als man auf ziselierter Messingplatte die heißen, hochgefüllten Mokkabecher brachte, an deren Rand der kupferne Schaum dünne, bunte Blasen trieb. Der Duft war so belebend, daß ich auf Augenblicke die fürchterliche Glut der Luft vergaß. Aber kaum hatte ich das heiße Getränk zu mir genommen, als ein Feuer in mir aufschlug wie von zu scharf gewürzter Speise und perlende Feuchtigkeit am unteren Augenlid hervortrieb. Ein Schwindel faßte mich an .. vor den Pupillen stoben rotgoldne Funkengarben auseinander .. Ich netzte die Stirne mit Wasser .. und erkannte wieder den Platz und den Wagen vor mir. Ich hieß den Kutscher rasch nach den Basaren fahren. Wir durchquerten die Bab-Souika, wo einiges Grün das Auge auf Minuten beruhigte, umfuhren halb die Sidi-Mahrez-Moschee, und endeten am Kasbaplatz, wo ich den Wagen warten ließ. Der Knabe folgte mir, und als wir in das Halbdunkel der ersten, überdachten Basarstraßen traten, faßte er meine Hand, um mich in dem Gewühl nicht zu verlieren. Seine nackten braunen Füße berührten nur leicht die Steinfliesen, der feine Körper schwebte nur in den flüchtigen Hüften .. Erquickende Kühle wallte in den endlosen Gängen. Der Boden war in der Frühe begossen worden und hauchte noch den Geruch des Wassers aus, die weißen, faltigen Burnusse der Schreitenden schlugen die Luft und ließen Frische nachwehen: etwas wie einen Duft von grüner Bleiche und Mandelseife.
Ich blieb eine Weile an der Auslage eines Schneiders stehen und sah mit zu, wie er ein Gewand aus weißem Kaschmir mit goldnen Borten benähte. Die Nadel knisterte, wenn sie im Flug den Stoff durchfuhr, der aus den weichen Falten ein elfenbeinernes Licht warf. Ein Gewühl von bunten Atlasresten war auf dem Boden ausgebreitet: wollüstiges Bad der suchenden Hände. – Auch bei einem Schuster saß ich einige Minuten und ließ mir purpurne Prunkschuhe und safrangelbe Pantoffel zeigen, die mit Silberfiligran umsponnen waren. – Ein Kupferschmied aber zündete mir auf einem alten, vierzehnarmigen Tempelleuchter die braunen Wachskerzen an, so daß ein Hauch wie brennender Honig an die Decke des niederen Gewölbes schlug.
Es war fast Mittag, als ich in den Souk-el-Birka zu den Juwelieren hinüberging. Ich kaufte einen Talisman aus grünem Email und einen schmalen, schwarzblauen Dolch, dessen Griff mit silbernen Nägeln und blassen Turmalinen übersät war. Als ich gehen wollte, bat mich der alte Besitzer des Ladens, noch einen Augenblick zu verweilen und rief seinem Sohn ein paar arabische Worte in einen Nebenraum zu. Gleich darauf wurden zwei große Kästen gebracht und auf einen maurischen Schemel gestellt. Der Alte türmte Kissen aufeinander und lud zum Sitzen ein. Vater und Sohn standen dicht nebeneinander und hoben die Hände in einer fast schmerzlichen Bewunderung empor, als sich die roten Seidenetuis öffneten und auf weißem Samt die unvergleichlichsten Gewebe goldnen Filigranes sichtbar werden ließen, die je mein Auge erblickte. Mit einer Geste, als seien seine Finger nicht heilig genug, die Kostbarkeiten zu berühren, hob nun der Alte den größeren Schmuck in die Höhe und legte ihn über die crêmefarbige Seide einer nachgeahmten Frauenbüste. Nun erst erkannte ich, was dieses Netz bedeutete. Es war der kühle Panzer für die nackten Schultern und Brüste einer Frau. An jeder Kreuzung zweier Goldfäden taute ein blasser Rubintropfen: da, wo die dunkelroten Knospen der Brüste aus dem Gewebe drängen mußten, war eine runde Öffnung gelassen, die ganz von spitzen, heißen Diamanten umsäumt stand. Man fühlte das Atmen der blassen Haut unter dieser Hülle, das weiche Schlucken der Kehle, wenn die Lust in die Glieder rieselte, die leichte Blähung des Unterleibes über dem Geschlecht, und die flache Höhlung an den Seiten der leidenschaftlich eingezognen Schenkel. Man spürte die blaue Rohseide der Lagers, den irrenden Duft des Jasmines in den Decken, das laue Feuchte auf den leicht geöffneten Lippen, die an den glatten Strich der Schneidezähne rührten.
Die Juweliere sahen mich erwartend an. Der Sohn ließ seine weichen Finger durch die Maschen spielen, wie wenn er das warme Fleisch unter dem kühlen Geriesel abtastete, und sagte zu mir:
»Die schönste Jüdin von Tunis wird in diesem Schmuck noch heute abend tanzen. Ihr Freund, ihr reicher Freund, der nur vorübergehend in der Stadt weilt – er lebt auf seinen Farmen im Innern des Landes – hat ihn bei uns arbeiten lassen. Wir haben Monate gebraucht, ihn herzustellen. Wir haben nie etwas Ähnliches angefertigt. Es hat nicht seines Gleichen auf der Welt« ..
»Wenn nicht das andere Stück, fiel der Vater ein, zeige das andere Stück – die Wahl ist schwer.«
»Es ist für eine arabische Dame, erklärte er weiter, als der Sohn das Haarnetz über seine Hand fallen ließ, so daß es sich wie eine flache Mitra an sieben Platinkreisen entfaltete, die von den zartesten Brillanten starrten und miteinander durch unwahrscheinlich dünne Silberschnüre verbunden waren. Am linken Rand des weitesten Reifes war eine schmale Öse für den Reiherbusch und an den inneren Wänden ein Spiel von goldnen Nadeln angebracht, um die sprühende Haube über der Welle des Haares zu halten.