»Was ziehen Sie vor?« fragte neugierig der Alte, indem er sich dicht zu mir hinüberneigte und mir in die Augen sah.
»Ich ziehe keines von beiden vor. Sie sind gleich wundervoll. Für meine Gattin würde ich das Haarnetz kaufen, für meine Freundin den Panzer ..«
»Auf Ehre, ich sage das Gleiche, erwiderte rasch der Jude. Doch ob mir die Gattin oder die Freundin lieber ist, sage ich nicht ..«
Wir betraten den Souk-el-Attârin, wo die kostbaren Essenzen verkauft werden. Wie von Rosenhügeln kam uns ein Hauch aus der schmalen Lichtsäule entgegen, die durch eine offne Dachluke fiel. Ich konnte der Bitte des jungen Verkäufers nicht widerstehen, der mich zum Eintreten in seinen Laden lud und mir Kaffee und Zigaretten anbot. Er kniete vor meinem Sitze nieder und breitete auf einem seidnen Teppich von wundervoll geblaßtem Himbeergelb und Erdbeerrot eine Menge zierlicher Flacons aus, die selbst verschlossen eine heftige Süße verströmten. Die kleinen Behälter – kugelrund oder eckig abgeschliffen – waren aus altem, etwas erblindetem Kristall und ganz mit dünnen, goldnen Ornamenten übersät. Der Händler tupfte die Spitze der gläsernen Stopfen auf dünne Watteflocken, die er in die Luft warf. Ich sog geschlossenen Auges die endlos sich erneuende Welle auf: so wie man Töne unergründlicher Melodien schlürft oder das Überraschende, nur Halbgelöste im enharmonischen Wechsel der Akkorde. Ich dachte an nichts: kein Bild und keine Vorstellung bannte das Unendliche des Genusses. Ich atmete nur, so wie ich der Musik nur lausche, ohne ihr Überirdisches an Erscheinungen zu deuten. Duft bleibt mir Duft: so wie mir Klang nur Klang bleibt: vollkommen in sich: rein in Wesen und Ausdruck. Einmal fiel mein Blick auf den Knaben. Er saß etwas abseits, mit vorgeschobenem Gesicht und leicht geblähten Nüstern, ein kleines, braunes Reh, das gierig wittert. Der Verkäufer selbst schien wie entrückt. Die vollen Lippen lüstern ausgezogen, so daß in der Grube der feinen Mundwinkel ein bläulicher Flaum lag, trank er die immer wechselnden Hauche und wurde nicht müde, immer neue Flacons zu öffnen und neue Schneeflocken fallen zu lassen. Schließlich stand er auf, nahm alle die kleinen Wattekugeln und warf sie in die Höhe: Da ging ein Regen von Balsam nieder, ein Glockenspiel von fünfzigfach gemischter Süßigkeit. Ich hatte die Schwüle, die Müdigkeit, die Kopfschmerzen vergessen und lag halbtrunken auf dem Brokat der maisgelben Kissen, indes wir eine Mischung besprachen, die ich für mich bereiten lassen wollte. Der Araber sah mich lange an, sah meine Hände an und befühlte sie, langsam und prüfend, mehrere Male. Er betrachtete meine Ringe und den bläulichen Halbmond der Nagelwurzeln. Er tastete die Hügel der Fingerspitzen ab und befühlte die Haare an den Schläfen. Dann sagte er langsam, während er neuen Kaffee brachte und dem Kleinen ein Stück Lukkum reichte:
»Vous êtes artiste.«
»Parfaitement. Je suis poète.«
»Je l'ai bien deviné. Mais c'est difficile chez vouz. Votre extérieur trompe. Vous cachez votre profession, vous ne voulez pas qu'on voie ce que vous êtes. Mais vous êtes passionément artiste .. si fort que cela domine votre vie. Vous êtes de race germanique.«
»Comme je vous connais! J'ai le flair des races! Depuis mon enfance! Je sais exactement quel parfum il vous faudra. Pas pour le prendre: c'est autre chose! mais pour vous exprimer. Il faudra envelopper le centre chaud et mou d'un ruban simple et plutôt sec .. Il faudra beaucoup cacher sans dissimuler.«
Damit ging er in den hinteren Raum des Ladens und holte einige größere Flaschen, in denen smaragdene und amethystene Flüssigkeiten leuchteten. Die Mischung wurde in ein köstliches rundes Gefäß aus altem Kristall gegossen und in ein Bett von grünem Atlas gelegt. Zum Überfluß aber schenkte mir der Händler ein zierliches Glas voll Jasminduft, der in dieser Stadt heilig ist, so wie die Blume selbst.