Schiffe lagen im Hafen, fern und kaum zu erkennen im Widerschein des roten Himmels. Auf einem Bett von Nelken ging der Abend schlafen. Silbern tauten die Sterne am Rand der Blumen. Das Meer rollte den bronzenen und rollte den stahlgrünen Samt. Im Norden blitzten die Lichter von Karthago auf. Keine Barke zog aus. Achmet hob noch einmal den schweren, dunklen Kopf, hob die Arme, wie wenn er das letzte Licht fassen wollte und ließ sich leise ganz zu Boden gleiten, indessen mich tiefes Bangen auf den Knieen hielt. Eine Stunde später brannten die Ampeln, und der Jasminstaub verpuffte in den hohen Räucherpfannen. Der schwarze Diener ging zum letztenmal. Die Tür stand offen. Palmenwipfel wiesen in die Tiefe des Gartens. Die Silberbäche der Sterne stürzten an der nächtigen Kuppel nieder. Wie Nadelspitzen schlug das Fieber des Duftes empor. Schon glitten Wolken vor dem sinkenden Auge. Rosenfelder liefen im Morgenwind und trugen mich fort. Dann noch ein allerletztes Dämmern .. ein Ruf ohne Antwort .. O Haschisch! wehes Hanfkraut! Süßes Hanfkraut, das dieses Schweben schenkt ..

Und dann der tiefe, tiefe Fall durch weiße Sternenseen in ein warmes, blaues Meer, das wiegt und wiegt .. und leise singt und weiterwiegt ..

Sehr mild und weichumrissen kamen die Gesichte auf goldnen Dünsten der Frühe:

Aus einem Veilchenhügel wurde der rührende Leib des Mädchens geboren, von der aufgehenden Sonne bestrahlt. Glückselig stand der Mund und trank die Morgenluft. Auf den Spitzen der herben Brüste glühte das Silber des Lichtes. Um die gereckten Hüften und die zarte Flucht des Schoßes lag es wie ein dünner, schmiegsamer Panzer .. und es glänzte in den Kniescheiben.

Aus den Lüften schwebte der Knabe nieder, den Tau der Dämmerung aus den Haaren schüttelnd und das feuchte Gesicht in den Händen trocknend. Er umschlang die Schulter der Geliebten und glitt in ihren Leib hinüber. Sie aber schloß die Arme über dem Kreuz seiner Hüften und trug halb schon im Sinken, halb noch im ungewissen Gleichgewichte, die Last, von der sie selbst getragen wurde. Die Lippen des Knaben aber hatten sich festgesogen an der Mandelblüte der linken Brust und tranken das hellrote Blut, das im Kreislauf in das schenkende männliche Geschlecht zurückrann. Da waren beide Körper plötzlich ganz verwachsen, und jenseits des Geschlechtes, das Mann und Weib scheidet, im Schoß der Lust bis in den Abgrund alles Werdens untergetaucht.

Andere Bilder lösten sich aus dem wachsenden Licht: auf hellblauem Lager die schlafend vereinigten Freunde, im Duft ihrer blonden und dunkleren Jugend verloren .. auf purpurnen Betten die schmerzlichen lesbischen Frauen .. Leda und der küssende Schwan, der die Schwungfedern an den wartenden Schoß drängt, Danaë mit den offnen Schenkeln, in die der Goldregen niederrieselt ..

Aus der Woge aber, die mich wiegte, sang eine Stimme – und es sang aus dem rauschenden Licht:

Ich bin die Lust. Ich bin ein Eines und bin so viele Viel, als niemals eines Menschen Hirn zu träumen vermag. Jenseits von Tugend und Sünde beginnt mein Leben, und ich lächle, wenn ihr mir Gesetze andichtet, da ich gesetzlos bin und ganz mir selbst genüge. Ich frage nicht darnach, was eurem Leben frommt und euren Zwecken dient. Ich habe keinen Zweck. Ich bin nur da, ich war und werde sein. Ich treibe den Mann zum Weib und den Mann zum Mann und das Weib zum Weib und den Menschen zum Tier und den Menschen zum Ding und das Tier zum Tier und das Tier zum Ding und das Ding zum Ding. Ich bin voll Geheimnis und weiß es selbst nicht, in wieviel Kräften ich bin. Ich bin in den Giften und bin im Balsam. O daß ihr einmal sehen lerntet und alles Lebendige gleichsetztet! Bin ich nicht aufgewachsen in den Zellen eines kleinen Hanfkrautes? Wohne ich nicht in einem winzigen Tropfen ausgepreßten Öles, der genügt, euren Willen zu brechen und eure gefesselten Sinne zu entfesseln, sodaß ihr die Wahrheit fühlt? Eine arme Pflanze des Feldes setze ich über den Hochmut eures Geistes! Ja, ich kann euch töten mit den Körnern der Mohnblume! Ich kann in euer Blut überspringen und mich so dehnen, daß das Gefäß eurer Adern zerreißt.

Wes nennt ihr die Liebe? Was eure Ordnung erhält und eure Art fortpflanzt. Aber ich bin keine Gottheit der Ordnung und keine Gottheit der Art. Ich bin die Gottheit, die als Anfang der Welt über den Wassern war. Ich befehle euch nichts und verbiete euch nichts, da jedes Geschehen mir gleich ist, in dem ich mich selbst erkenne. Ich lohne euch nicht und strafe euch nicht: Ob ihr mich preist, ob ihr mir flucht: Ich lächle – und bin.

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