Morgengrauen. Aufbruch aus der kleinen arabischen Stadt, in der die Karawane am Abend zuvor eingetroffen war. Ein langer, quälend langer Ritt durch Steppe, Sand und Wüste, bis zu einem toten Gewässer, an dessen Rand das Mittagslager aufgeschlagen wurde. Agaven, Aloë, Palmen und das schreiende Gelb der Kakteenblüten. Schutt, bröckelndes, verlassenes Gemäuer, angebrannte Grasflächen. Am Himmel die gleißende, zischende Diamantscheibe der Sonne, deren überhitzter Glast ringsum die Bläue auffraß. Dann das weiße Zelt mit dem dünn gefilterten Gold in dem groben Gewebe. Teppiche und Kissen am Boden. Ein Gehen und Kommen der Beduinen, bis alles hergerichtet war. Dann Ruhe .. beklemmende Ruhe ..

Achmet Fouad lag halbnackt in dem weißen Seidenburnus ausgestreckt, dem Schlummer nah. Ich selbst, in allen Sinnen überwach, saß auf dem Polster und lauschte in das Knistern der betäubenden Luft. Die Hitze schoß in tausend Pfeilen durch die Tuchwände. Sie sprang vom Sand und dem siedenden Glanz des erblindeten Wassers empor. Ich hörte, wie draußen einer ein Kamel schlug, das sich nicht umlegen wollte. Der Stock sauste auf das verwollte Fell nieder. Das Tier stieß einen wilden, bösen Schrei aus und glitt in die Kniee. Lange noch drang sein Schnaufen zu mir herüber. Ich versuchte zu rauchen. Die Kehle war zu trocken. Das Blut drängte in meine Augen und begann in meinen Ohren zu sausen. Ich riß die Kleider von mir und warf mich auf das Lager. Die Hitze drang wie Nadelstiche in meinen Leib, in allen Poren schlug ein brennender Schmerz auf, krampfhaft kurz .. im gleichen Augenblick schon in einer unerhörten Lust aufgelöst. Der ganze Körper schien ertötet, entkörpert in der Arbeit der Glutwellen, die ihn von allen Seiten anfielen. Der Atem wurde frei. Tiefe Müdigkeit sank auf die Augenlider. –

Achmet stand lächelnd vor mir, als ich erwachte. Dunkles Orange wogte im Zelt, er schlug den Vorhang etwas zur Seite, und ich sah wieder die glänzende Wand des lasurenen Himmels, die über Palmengestrüpp emporwuchs. Die Schatten der gesattelten Kamele fielen auf den gelben Boden, ein Beduine fragte, ob wir bereit seien. Wir ritten tief in den Abend hinein. Bei einem Sykomorengebüsch wurden die Zelte wieder aufgeschlagen. Die Wachtfeuer brannten an der Erde, der blaue Rauch wirbelte in den roten Dunst der Lüfte. Schwarz lagen die Kamele gegen den Purpur der Zelttücher, der langsam blaßte, auf der welligen Weite war eine Saat von bleichen Rosenblättern ausgestreut, die in jeder Minute weiterwelkte. Aus den goldnen Brunnen der Sterne fiel der Tau. Flachen Leibes lag ich auf dem Sand, den Kopf in die aufgestützten Arme gebogen. So lag vor tausenden von Jahren der Nomade auf dem Boden der Wüste, wenn er in den kühlen, durchscheinenden Nächten von seinen ruhlosen Wanderzügen ruhte, und schuf an der Weite des funkelnden Himmels und der noch weiteren Weite des wehenden Sandes den Raum seiner tiefen und kindlichen Seele. So barg er das wilde Antlitz im Staub der einsamen, unentweihten Erde, so hob er das wilde Antlitz nach den Sternfeldern, die den Wohnungen Gottes vorgelagert sind: Da wuchsen die ersten Silben im Abgrund der Seele, Schauder und Wonne, in einem dunkeln Klang gebunden: und das Gebet war geboren: der große vermittelnde Gesang zwischen dem, was endlich ist, und dem, was ewig ist.

*

Achmets Finger rührten an meine Schläfe:

»Der Tag bricht an ..«

Ich hob mich aus dem tiefen Schlaf.

Das blasse Öllicht flackte in dem Messingbecken. Stimmen wurden vor dem Zelte laut. Achmet schlug weit den Vorhang auf. Die Luft kam weich und kühl von Osten. Ich löste mich aus den Decken und trat in das Freie. Die Beduinen grüßten. Einige knieten schon am Boden. Über dem blauen Milchdunst am äußersten Saum der Erde schleifte der trübe Rand eines purpurnen Vorhangs, der an grauen Wolkenbändern aufgehängt war. Plötzlich teilte sich dieser Vorhang der ganzen Länge nach und öffnete dem Auge einen Blick in kühle, blanke, smaragdene Tiefen. Im gleichen Augenblick bauschten sich die Wolkenstreifen, Ströme von hellem Blut stürzten in die grüne Klarheit der Mitte. Am Boden aber leckten schon kurze Topasflammen nach oben, weißglühende Dolche zuckten im Halbkreis nach und durchstachen das schon gerinnende Blut: zwei-, drei-, vier-, fünfmal raste eine mörderische Lohe bis in den Zenit hinauf – und die große, weingoldne Sonne stand in erdrückender Ruhe über dem verwüsteten Horizont.

Ein Kamel zerrte am Halfter und schrie auf. Ein zweites schrie, ein drittes, ein viertes, ein fünftes .. dann schrieen alle. Vielleicht schreit einer so, dem das Messer in die Eingeweide saust.

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