Am Nachmittag fuhr ich in die Sammlungen des Bardo hinaus, an dorrenden Feldern vorbei, die Öde eines arabischen Friedhofs streifend, und dann weiter unter den flüsternden Wipfeln der breiten Allee, immer die Berge vor Augen, die so leicht in der heißen, spielenden Luft ruhten und doch in allen Adern ihres Gesteins brannten. Ein Feuer von lilaroten Clematisblüten loderte die weißen Kalkwände des Hauses empor .. ein weicher, violetter Mantel sank die Kühle der Eingangshallen auf die Schultern ..

Ich sah das Weinstockmosaik mit den pickenden Vögeln und geflügelten Eroten, welche die Trauben abernten .. ich sah ein andres mit dem Bildnis des Vergil zwischen Clio und Melpomene .. ich sah die Seitenwand eines gemeißelten Sarges mit den Grazien und Jahreszeiten, einen Hermaphroditen, einen androgynischen Eros als Fackelträger, Kameen aus Jaspis, Achat und Kornalin, punische Kleinodien aus den Gräbern von Karthago, Halsketten, Ohrgehänge, Armbänder, Amulette und Ringe, wundervolle Ringe aus weißem und rotem Gold, gehämmerte und ziselierte, von halberblindeten Steinen gekrönt.

Dies alles sah ich in seiner verwirrenden Fülle .. Da stand auf einmal in der Helle einer offnen Türe jener geflügelte Bronze-Eros, der auf dem versunkenen athenischen Schiff bei Mahdia gefunden wurde. Ich vergaß, was mich noch vor wenigen Minuten entzückt hatte: ich war ganz Auge, hingerissen von der unwiderstehlichen Macht hellenischer Schönheit, hellenischer Jugend. Wie selig-erfüllt ruht dieser Gott auf breitem Marmorsockel, er wiegt sich auf den schlanken Füßen, als ob er tanzen wolle .. Die Flügel haben sich im Streichen der Luft geöffnet und lösen die letzte verharrende Schwere in einer Ahnung beginnenden Fluges auf.

Noch tiefer aber ergriff mich das Leben einer kleinen Gemme, die unter Glas auf blassem Sammet ruhte: Da hebt sich auf grauem Grunde das bläuliche Weiß des Gesichtes, das Blut rinnt unter der klaren, angespannten Haut. Der Jüngling lebt in seiner strengen Schönheit, für die der Künstler das Symbol des Kriegsgottes fand. Er lebt so sehr, daß die Seele des Betrachters nachschaffend in die steinernen Züge hinübergleitet und mitlächelt, wenn sie das feine Lächeln in den schmalen Mundwinkeln spürt und in den grauen, klugen Augen, wo sinnliche Zartheit mit dem Blitz des raschen Entschlusses und gebietenden Willens kämpft.

*

Um fünf Uhr holte mich Achmet ab. Wir fuhren zum letztenmal durch die südlichen Viertel der Stadt. Ich fühlte den Abschied, der mit dem Abend leis und schmerzlich sank. Ich sah auf Achmet. Er saß gesenkten Kopfes zu meiner Linken und spielte mit ein paar Jasminblüten, die ein Kind in den Wagen geworfen hatte.

Wer war Achmet?

Ich wußte es nicht, und wir hatten vierzehn Tage wie Freunde gelebt. Ich wußte nur: er hatte die Seele eines Kindes, weich und klar, ohne Berechnung und ohne Zwiespalt. Er hatte die Seele des Orientalen, die über unergründlich-sinnlicher Trauer lächelt ..

Zu Hause las ich Briefe, viele schöne Seiten von der Mutter, von deutschen Freunden, die meiner Reise von ferne folgten, und ein langes Schreiben von Axel Arnedal, das gar kein Brief mehr war, sondern eine sommerliche Dichtung, in der ein Hauch von Schwedens grünen Buchenwäldern und weißen Julinächten wehte. Da stiegen die Berge der deutschen Heimat auf, die kühlen, schmalen Hügel, die sich so lautlos in das fruchtbare Land hinlassen, die Eichenwälder, die Tannenforste und die Wiesen, auf denen das blühende Gras um die Gruppen der Sternblumen zittert .. Die Kuckucksrufe und das scheue Schreiten der Rehe am abendlichen Saum der Gehölze, die goldgefüllten Lichtungen hinter feuchten, braunen Schneisen .. Die Bäche mit dem weichen, singenden Schaum und das einsame Kreisen des Vogels, von der grundlosen Tiefe des blauen Teiches gespiegelt .. Und die Wolken, die schimmernd geballten Wolken, die über den Feldern von Weizen und Gerste, von Mohn und Kornblumen aufsteigen.

Und als wir am Abend wieder auf dem Dache saßen, als die Glocke des Himmels in maisgelber Glut stand und aus dem unterirdischen Rosenbett der schlafenden Sonne ein Qualm von Purpurdüften aufwehte: als das Meer in Karmesin und Henna brannte, so daß die müden Segelschiffe auf Flammen zu lagern schienen: als auf die Häuser von La Goletta eine Streu von Pfirsichblüten niederging und der Byrsahügel auf den Trümmerfeldern Karthagos in einer Säule roten Rauches stand: da blieben die deutschen Bilder über die Ferne des Meersaumes hingegossen und in ihrer zarten Schönheit voll Sehnsucht neben die griechischen Gesichte hingelehnt, mit denen sie langsam im Sinken des Abends verschmolzen.