In der Nacht aber, als alles tief im Hause schlief und mich der Abschied wachhielt, stieg ich in den Garten hinunter und saß noch einmal im wachsenden Mondlicht bei Antinous:

›So treibt noch einmal mich die Einsamkeit
Hinab zu dir, o Bildnis, halb verwaist ..
Die Mondnacht sinkt und macht die Landschaft weit:
Wie bin ich voll von dem, was Mondnacht heißt ..
Sieh, wie das Licht die lauen Tropfen füllt,
Die schon vom Tau auf allen Blüten stehn:
Ich werde deinen Garten nicht mehr sehn,
Wenn wieder Nacht den neuen Tag verhüllt.
Das Schiff entflieht – es flieht dein Angesicht,
Das in so langer Schau fast meines war..
Von deiner Stirn, von deinem weichen Haar
Die abendliche Wehmut folgt mir nicht.
Und nähm ich dich und trüg dich fort von hier
Aus deinen Rosen, deinen Lorbeerhecken:
Dich würde so des Nordens Trübsinn decken,
Daß du verstummtest. – Und was bliebe mir?
Das Land, mein Freund, das meine Heimat heißt,
Ist von der Sonne selten nur umworben,
Es liegt verhüllt und oftmals wie erstorben
Im Nebel, der um Fichtenwälder kreist.
Und selbst an Tagen, wo die Stirne freier
Sich in das Blau geklärter Lüfte hebt,
Bleibt irgendwo im Äther noch ein Schleier
Aus grauen Seidenfäden hingewebt.
Nie leuchtet klar der Berge fernes Rund
In deutlicher Umgrenzung: Dünste zittern
Wie hinter ewig zugeschlossnen Gittern
Und geben niemals frohe Götter kund.
Euch aber lachten aus den kleinsten Dingen
Die Himmlischen verheißungsvoll und heiter an:
All ihre Süße konnte euch durchdringen
Und eure Irdischkeit war nie ein Wahn.
Sie waren eins mit eurem tiefsten Wesen,
Sie lebten unter euch, einfach und mild,
Gott war an Mensch und Mensch an Gott genesen
Und einer stets des andren Ebenbild.‹

HELLAS
(ABEND IN SEGESTA / TAGE IN SYRAKUS / CAPRI)

Als es zum zweiten Male Abend wurde, stieg ich den Hügel empor, der zu dem Tempel von Segesta führt. Kein Mensch war ringsum zu sehen, kein Bauer, kein Hirte. Ich war von dem hochgelegenen Calatafimi zu Fuß das Flußtal hinabgegangen, hatte die kleine Brücke überschritten und nahm den letzten Aufstieg hinter dem Gehöft, in dem der Wächter wohnt. Alle Kuppen lagen blau im Blauen, es war ein großes Stillestehn in Licht und Lüften, wie oft um die Stunde, wenn sich der Tag im letzten Leuchten sammelt und auch im engen Tal noch keine Schatten steigen. Sonne .. weiche flüssige Sonne, soweit das Auge den Kreis der sanften Hügel umspannte .. gelbe Ginsterbüsche im harten, braunen Gestein, stille Pappelwipfel mit aufgeschlagenen Blättern und hoch in der Helle, von tausend bunten Faltern umflogen, mitten im blühenden Distelfeld, der Tempel.

Da ließ ich mich auf die Stufen niedergleiten, das Antlitz ganz im Abendgold gebadet. In meinen Knieen rieselte die Glut des uralten Gesteins, aus dem heiligen Boden stieg die Welle der befruchtenden Wärme aufwärts, gewürzt vom Duft der Disteln und der Thymiankräuter. Meine Schläfe glitt an die stillbeglänzte Säule.

Nun wußte ich – wunderbar geweitet, in Wissen und Gefühl übersinnlich aufgelichtet – daß alle Wege meiner Jugend in diesem Weg zusammenliefen. Ich war in Meiner Heimat und bei Meinen Göttern, die ich aus dem begreifen kann, was in mir selber ist:

»O meine Götter: wie süß ist meinem Herzen die Natur, aus deren Schoß ihr leicht in eure Bilder stiegt! Wie seid ihr fremd dem unduldsamen Gott der Juden, der wie ein Starrkrampf auf dem Volke lag – wie einfach seid ihr und wieviel näher als der Gott Christi! Soll ich mich denen anvertrauen, die euch zerschlugen, euch, die ewigen Symbole des weiten, großen Lebens, und schwankend Hingedachtes über die klare Fülle der gottdurchströmten Irdischkeiten setzten? Ich glaube an die Welt: an Trieb und Tat und an das ewig-erlösende Gesetz ihres Wechsels. Ich sehe nicht die Widersprüche in einem Gott gelöst, den man die Liebe nennt: und was die Priester Offenbarung nennen, dünkt mich ein Schein, nur eine tausendmal umgewandelte und verdunkelte Sehnsucht, im Menschen selbst das Ewige zu spüren. Aber die Gottheit kann sich nicht in Einem Mittler offenbaren, und die Tiefe der Gottheit ist nicht deutbar in einem Gefühl, das trügerisch die Gegensätze in einer künstlichen Entkräftung auslöscht. Der Sinn des Lebens dünkt mich die unendliche Kette der Bewegung von Qual und Freude: der Sinn der Gottheit aber die Befruchtung in Gut und Böse, jenseits der Liebe.

Große Götter: Ihr schürt die Kämpfe, aus denen die Jugend fließt – ihr seid in den Widersprüchen und schafft die Einheit, indem ihr das Ewige im Irdischsten fühlbar macht: und ihr verlangt nicht die Verwüstung der Formen, die ihr selber schuft, um einer qualvoll eingeengten Seele den Weg in euer Licht zu öffnen. Ihr heiligt den Leib: und der heilige dient euch.«

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Es war um die siebente Abendstunde, als ich in Syrakus ankam. Da die Villa Politi im alten Stadtviertel der Achradina schon geschlossen war, mußte ich unten auf der Halbinsel Ortygia in einem Gasthof des Hafens wohnen. Glühende Straßen entlang ging die Fahrt, durch weißen Kalkstaub, der so dicht und hoch lag, daß weder das Rollen der Räder noch das Stampfen der Hufe zu hören war. Ununterbrochen wogte eine leichte Wolke, vom Purpur der Lüfte angestrahlt, auf dem Boden des Wagens über meinen Schuhen, und, wo ein andres Fuhrwerk uns entgegenkam, glitten wir in einen roten Sprühregen feiner Nadelspitzen hinüber. Erlösend winkten ferne die dunkelgrünen Baumwipfel des Ufers und die Maste der wenigen Segelschiffe auf dem glatten, hellblau spiegelnden Meer.