Ich verbrachte den Abend unter den Bäumen am Ufer. Halb war es ein Sinnen, halb war es ein Träumen, das mich wiegte, leise und schmeichelnd wie der Nachtwind die schwarze, seidene Flut. Mit jeder flachen, schaumlosen Welle ringelten gelbe Hafenlichter in die Tiefe, auf dem Schiff, das noch in der Nacht nach Malta hinabfuhr, sangen Matrosen ein fremdländisches Lied. Abermals tauchte die steile Insel in meinem Erinnern empor, steinern und rosa aus dem Email des Meeres gegen den Himmel getürmt, so wie ich sie eines Abends vom Rande des nahenden Schiffes aus gesehen hatte .. und die Schatten kamen auch wieder, mahnend und tröstend mit dem Feuer ihrer leidenschaftlichen Seele: La Valette und Posa, St. Priest und Créqui.

Viele Menschen wandelten am Ufer und genossen das Fächeln des Windes nach dem glühenden Tag. Es war mir seltsam, daß ich unter diesen dunklen, forschenden Blicken auf- und niederging, während ich gedacht hatte, den Abend in irgend einem verlorenen Gartenwinkel der Villa Politi hoch über dem Meere zu verträumen. Ich sah hinüber in der Richtung, wo die alte griechische Festung mit ihren blumenüberwucherten Steinbrüchen und Trümmerfeldern lag, und folgte dem Fall der Sterne, die schmale Furchen durch das weiche Dunkel zogen und ihr kühles Silber auf die stummen Wipfel gossen. Erst als um Mitternacht das Schiff nach Malta lautlos und einsam aus dem Hafen fuhr, erhob ich mich und ging nach Hause.

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AN AXEL

Was mir aber aus unseren früheren Tagen an Erinnerung blieb, glich der Schönheit blauer Buchten, zu denen kaum ein Pfad hinunterführt. Ich sah dich immer von weitem, auch wenn du neben mir gingst, und suchte keinen Weg, der in dein Inneres führte. Du warst kein Mensch, auf den man Wünsche legte. So leicht auch das Gewebe deiner Seele war, so bunt und so beweglich: der Wille, der die tausend ausgespannten Fäden zusammenhielt, blieb fast abwehrend deutlich. Mein Staunen wuchs, so oft ich darüber nachdachte, einen wie großen Spielraum du den Dingen lassen konntest, ohne nur einen Augenblick lang die Herrschaft über ihre Vielheit zu verlieren. Ich wußte nicht, daß eine Sehnsucht in dir war, die einen Menschen forderte: ich wußte nicht, daß du den Austausch suchtest mit einer Seele, die du nicht besaßest. Aber was du suchst, ist weniger ein Mensch: es ist ein großer Glaube, der einen Menschen hält und deinem Glauben gleichkommt.

Alle Widersprüche des Lebens versinken in deiner rastlosen Sehnsucht nach Schönheit: mir aber erschließt sich die Einheit des Seins im Schaffen der Schönheit. Wir mußten uns begegnen: das bindende Gefühl wächst aus der Mitte unseres Wesens.

Ich konnte nie die Liebe von der Freundschaft scheiden, denn der Sinn der Liebe ist mir nicht die Zeugung. Wenn ich auch tausend Gesetze im Wesen der Natur vermute und verspüre: so habe ich doch nie einen Zweck verspürt, und ich weise es immer leichteren Sinnes von mir, daß irgend ein Ding eine Bedeutung haben könne, die den Rahmen seines einfachsten Wesens durchbricht.

Was fragt meine Erkenntnis nach Regeln, wie sie eine bedingte Einsicht erfand, um letzte Möglichkeiten in den Zwang einer nützlich-unfruchtbaren Ordnung zurückzudrängen? Es heißt nicht den Göttern dienen, wenn man die Natur verletzt, und es heißt nicht den Menschen dienen, wenn man die Ursprung-Triebe, die aus der göttlichen Wurzel schlagen, mit der Waffe des blinden Gedankens erschlägt.

Will wirklich der ordnende Geist sich anmaßen, Eros zu zügeln?

Es ist ein anderes, ob ein fanatischer Pfaffe wider die Ewige Natur wettert und seinem unduldsamen Gott den seelischen Pachtzins einschachert, oder ob der große, der einfache Mensch, der aus schlichten und tiefen Ursprüngen lebt, mit der Kraft seines lauteren Willens dem Trieb eine Grenze setzt und das glühende Feld des Geistes öffnet. Und es ist ein anderes, ob der beschränkte Erzieher dem Knaben befiehlt, die Lust der Sinne zu töten: oder ob der Knabe aus einem tieferen, eingeborenen Wissen heraus das Göttliche des Körpers begreift und die Lust – die wundervolle, in keinem Gleichnis auszuschöpfende Lust – in solche Maße dämpft, daß sie wie süßer, silberner Morgenwind die Schönheit des Leibes beseelt und erhöht.