Ich sehe die Flamme: und niemals das Scheit, aus dem sie emporschlägt. Hat ein Licht die Kraft, zu verschönen, so gilt es mir heilig.
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In der Frühe des Sonntags stand ich auf und trat an das offene Fenster. Von allen Hügeln gegen Floridia, Cannicattini und Belvedere wehte das kaum geborene Licht, über den Ebenen des Anapo- und Kyaneflusses wob ein blaßgrüner Schimmer. Aber die Luft war blau – blau wie Ehrenpreis und nicht vom Hauch einer Wolke getrübt. Die kühle Belebung, welche den Aufgang der Sonne umgibt, floß über dem Spiegel des Meeres. Ich lag mit aufgestützten Armen in dem Fenster und konnte nicht tief genug die leichte Berauschung dieses griechischen Morgens in mich auftrinken, der den allerfrühsten Zeiten anzugehören schien, als sich die korinthischen Siedler auf der schmalen Halbinsel Ortygia niederließen und in dem lichten Duft der Hügel, der Olivenhaine und Weingärten die heimatliche Landschaft wiederfanden .. Ein Schwarm von weißen Vögeln, der vom Rande eines schlafenden Bootes aufflog und landeinwärts in der Richtung der Epipolae schwenkte, mahnte, daß es Zeit sei, sich anzukleiden und in die alte Stadt hinaufzufahren. Es war sieben Uhr, als ich an das Tor der Villa Landolina klopfte, die zwischen weißen Mauern, unfern der Latomia di Santa Venere liegt. Eine junge Frau, die öffnete, sah erstaunten Auges auf den Rosenstrauß, der mir im Arme lag. Ich fragte nach Platens Grab. Sie wies mir den Weg so weit, daß ich ihn nicht mehr verfehlen konnte. Ich ging abwärts und aufwärts, einen schmalen Pfad entlang, bis an die Ausbuchtung, in der das Denkmal des Dichters steht. Der alte, schlichte Stein, den der Graf Landolina seinem Gaste setzen ließ, ruht rechts an einer Mauer unter wildem Efeu- und Lorbeergestrüpp. Dort ließ ich die Rosen niedersinken, eine nach der anderen, manche mit den Fingern zerpflückend, so daß ein Regen gelber und roter Blütenblätter über den einsamen Marmor rieselte, auf dem die Schrift schon verwittert. Dann setzte ich mich auf einen Baumstamm und sah in die Bläue, die zwischen den Wipfeln des tiefliegenden Gartens floß. Eine Woge von Grün schlug aus dem Abgrund auf: Pappeln, Lorbeer, Zypressen, Oliven. Bis in die Kronen hinauf schlangen sich die blauen Samtwinden, die mich so oft auf der Höhe des Palatin entzückt hatten .. In allen Zweigen lief das Rauschen des Morgenwindes, es war ein beständiges Flittern und Blitzen von Silber in den Lüften, wo sich ein glänzendes Blatt regte, sprühte das weiße Licht auseinander, durch die ferneren Wipfel aber, die einen dunklen Saum auf den Abstieg des ruhigen Himmels zogen, wallte es in leichten, stillen Strömen .. und ganz am Ende des Horizontes versank das Auge im Lächeln des Meeres. So hingehaucht, so überirdisch zart war dieser Streifen hellblau gespannter Seide, so weit hinausgerückt, daß keine Grenze mehr andeutete, wo die silberne Kugel des Himmels in die Flut stieg.
Auf dieser fernen Bläue hatten die letzten schweifenden Blicke des großen Toten geruht .. von dort herüber war die letzte versöhnende Schönheit in die Neige seines Lebens geflossen. Welcher Trost, zu wissen, daß das Meer bis an sein Grab hinüberlächelt, daß der Wind des Meeres, der Wind der blauen Weiten, die hütenden Zypressen wiegt .. der süße Wind, in dem die Götter ihre Lieblinge grüßen. Trug er nicht selbst ihre zuckende Flamme am Saum der Stirn? Wenn er im Morgenlicht über die Felsengrate der Achradina ging und über der funkelnden Höhe des Meeres die Sonne erwartete, küßten sich Flamme und Flamme und wehten durch die winterlichen Lüfte in den Schoß der Himmlischen zurück.
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AN AXEL
Nun ist auch dieser Weg gegangen, nach dem es mich hinverlangte, seit ich Platens Schicksal und Schönheit begreifen lernte. Schon daß die Menge ihn nie verstehen konnte, erweckte mir eine Liebe. Denn von je ergriff mich die einfache, dienende Hingabe eines Menschen an die Schönheit, die stumme, unbeirrte Anbetung, die das niedrige Zweckbewußtsein der Massen aufstört und verwirrt.
Ich sah, wie sich im Leben Platens langsam die griechische Sehnsucht entfaltete und unter Kämpfen in die lautere Gelöstheit seiner letzten Jahre aufstieg. Ich sah ein Werden aus erschütterten Tiefen herauf. Platen war meiner Seele Beispiel. Wie er dem Gott in sich durch Wehen und Kämpfe treu blieb, gab mir den unerschütterlichen Glauben an den Sinn des Lebens, gab mir den Trost seiner menschlichen Nähe und das über seinen Tod hinaus fruchtbare Mitgefühl. Platen war kein Grieche: er wurde es, indem er nur er selbst zu werden trachtete. Platens Seele war nordisch und krank an dem unheilvollen Zwiespalt zwischen Körper und Seele, dem er erlegen wäre, wenn nicht der Gott in ihm solange die kämpfenden Kräfte genährt hätte, bis der innere Sieg errungen war und der Flug zur letzten Erfüllung beginnen konnte. Die Leidenschaft dieses Hinfluges bleibt das Erschütterndste in dem Leben dieses großen Heimatsuchers: so stürzen gefangene Vögel sich über das brandende Meer in den Aufgang der Sonne, sobald sie die ersten befreiten Flügelschläge spüren, und wer ihnen nachschaut, muß weinen. Die Frucht seines Lebens aber war in dem, was er an Wissen von dem Wesen der Seele mit seiner letzten Sehnsucht schöpferisch verband. Darin liegt der neue Reichtum, mit dem er griechische Schönheit füllte: die unbegrenzte Möglichkeit, in der er griechische Formen weiten konnte.
Als mit der Lehre Christi die Seele bis zur Krankheit überwucherte und zu einem Brand wurde, der das Gefäß des Leibes zerfraß, blieb neben allem gefährlichen Irrtum ein Gewinn: Konnte auch der Urstoff der Weltseele nicht vergrößert werden (das Göttliche ist nicht dehnbar), so wurde doch die Wirkung seiner Einzelkräfte durch viele Übung in eine tiefere Bewußtheit gerückt. Es traten Dinge befruchtend in die menschliche Erkenntnis, die vorher unbewußt – nicht unfruchtbar, doch undeutbar – im allgemeinen Spiel der Grundkräfte gebunden lagen. Wo vorher dumpfe Ahnungen gewesen waren, gab es nun Namen und Begriffe, der Menge zur Qual, wenig Erwählten zum Gewinn. Christus hatte die Natur des Künstlers: er war Bildner, Stoff und Werk zugleich. Das Mißverstehen seiner Jünger hat – wie es noch jedesmal im gleichen Fall geschah – die Form des Meisters zerschlagen, und was für ihn, den Einen galt, in blindgewordener Liebe aus seinem Gehäuse gerissen und zerstückt vor die hungernde Meute der Bedrückten geworfen, die einen neuen Trostgedanken brauchte. Christi Lehre ist nicht mehr Christi Einheit: Was ein unglaubhaft auf sich selbst gelenkter schöpferischer Wille zu einem neuen, großen seelischen Beispielswerte umschuf, mußte den Zusammenhang mit seiner reinen Herkunft verlieren, mußte zur Krankheit werden, wenn es in willkürlichen Wiederholungen entkräftet wurde.
Nur der künstlerische Geist konnte dazu berufen sein, der neuen Schönheit, die in Christi Erscheinung selbst ihr erstes Sinnbild fand, durch das Kunstwerk eine uns verfälschte Deutung zu geben: ohne den Geist zu verletzen, dem alles Lebendige heilig ist. Nur der Künstler vermochte so tief in das Geheimnis des »Gott-Sohnes« zu dringen (kraft seiner eigenen Gott-Gebundenheit), daß er den alten Göttern weiterdienen konnte, ohne das Beispiel des neuen Verkünders zu verleugnen. Der Geist, der die Schönheit als letzte Klärung des Lebens sucht, muß die Einheit des Irdischen und Göttlichen suchen: die lebenvernichtende Lehre aber zerstört die Gottheit selbst, indem sie das vornehmste Sinnbild zerstört, durch das sich das Ewige verkündet, den Leib, die Form. Es gibt nur Unterschiede des Ausdrucks, nicht des Wesens, in den Werken, die das Walten göttlicher Kräfte verkünden, und nur die Leidenschaft der Hingabe an das zu schaffende Werk gibt das reine Maß für die Gottergriffenheit des Künstlers: Es ist nicht weniger Göttlichkeit in der hinreißenden Süße eines Satyrtorsos oder im Rücken und Unterleib eines Hermes – wie sie Praxiletes schuf – als in dem rauschenden Flügelschlag, der Platens Sizilianische Hymne oder Morgenklage trägt. Daß wir aus vielen Irrtümern heraus das Gefühl dieser Gleichordnung wieder lernen mußten, bleibt die Schuld einer erkrankten Zeit, welche Leib und Seele auseinanderzerrte und einem zügellos gewordenen Geist die Herrschaft anvertraute, an der die einfache Einheit des Menschen zerschellte.