Aber es bleibt ja der ewige Trost: daß es niemals einen Sieg des Denkens gibt, sondern einzig den Sieg der Tat! Wie sich die menschliche Sehnsucht auch wende: die letzten Rätsel löst nur das Gebilde: das wesenhaft Gestalt-Gewordene: was es auch sei: die Frucht, die aus dem Geist erblüht, den wir Hellas nennen.
Hellas lebt und wird leben: durch die umbildende Kraft seiner Seele, die sich den sprödesten Stoff der Jahrhunderte dienstbar macht .. und durch den Glauben der Künstler, daß im heiligen Maß des Werkes die höchste Menschlichkeit als Offenbarung Gottes strahle.
Laß uns dieses Maß preisen, an dem wir die Klarheit und Durchleuchtung des Lebens gewinnen! Beherrschung – und nicht Askese – sei uns Gesetz. In der freien Bestimmung der Kräfte laß uns die Grenzen finden, ohne die keine Furchtbarkeit denkbar ist.
Rückwärts geht mein Erinnern: aus der mystischen Lapisglut Ravennas kam ich, ergriffen von dem Schauder einer Schönheit, die schon die Grenze des Daseins überfliegt .. Lange wiegte der spielerisch-schillernde Glanz, den Palermos Doppelseele ausstrahlt, den unsicheren Geist, der dürstend und ungestillt zu dem Saum der Wüste hinabfloh, wo Traum und Tod in einem Strom von Purpur rauschen: bis er, befreit und ganz genesen, in das stille, silberblaue Leuchten emportauchte, das Hellas heißt!
Es gibt keinen Ausweg: Alle müssen hier landen, die aus der Krankheit ihrer Zeit in das einfache Leben zurückwollen: in die Freude.
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Der Hafen von Sorrent lag hinter uns. Das Schiff machte eine Wendung, umfuhr in einem kurzen Bogen den Bagno della Regina Giovanna – und vor uns stiegen die gezackten Berge Capris aus dem stahlblau rauschenden, sprühenden Meer. Heller Wind flog über die geklüfteten Firste herüber, die im leuchtenden Gold der Luft standen, scharf gepreßt und in jeder rötlichen Kante sichtbar. Die weißen Villentupfen sprangen aus dem starren Niederstieg der Felsen, langsam nur schob sich das lösende Grün kleiner Bäume und Büsche zwischen die Massen des Gesteins. Die Insel lag ganz in die Glut des Hochsommers gebettet, lodernd in ihrer unbegreiflichen Fülle, ein helles zitterndes Feuer zwischen Kornblumenblau und Kornblumenblau. Rosa und gelb winkten die Häuser der Grande Marina, die Wäsche auf den flachen Dächern flatterte, weiß stieg die Straße zum San Costanzohügel über kurzem Gestrüpp hinan .. Nun wurden am Strande die Boote gelöst und glitten uns langsam entgegen .. Gesang der braunen Schiffer wehte im Wind herüber: die Spagnola .. immer wieder das alte, wiegende Lied. Ich hätte vom Geländer in die Wogen hinunterspringen mögen, hinschwimmen an das Land, das meine leidenschaftlichste Liebe bleibt .. Vom Gesang hätte ich mich hinübertragen lassen mögen, kein Fremder, kein dreimal Wiederkehrender: ein ewiger Gast, dem diese Küste längst zur Heimat geworden war, diese früheste griechische Siedlung Campaniens, die ganz erfüllt in ihrer eignen Schönheit lebt. Auf jedem Wipfel hatte liebkosend meine Sehnsucht ausgeruht, auf jedem Kieselstein des Strandes, auf jedem sonnigen Dach und jedem Blumenstrauch. Gab es einen Winkel, den ich nicht kannte? einen Hügel, von dem ich nicht morgens und mittags und abends das ewige Meer grüßte? Gab es Gärten, deren Geheimnis ich nicht hinter den wehrenden Mauern erspähte? Gab es eine Blume, die ich nicht suchte? Und wenn ich durch wilde Kakteen und über das Geröll steiler Hänge klettern mußte: es war mir keine Mühe zu viel, zu der Blüte zu gelangen und das Auge an ihrem fremden Glanz, an der seltnen Form ihres Kelches zu entzücken. O all meine Blumen Capris! Ich komme wieder zu euch! Ich laufe euch nach! Ich suche euch alle auf! Ich weiß, wo ihr blüht, die kleinste Wiese kenne ich und die verborgenste Trift: Ihr kleinen, roten Orchideen auf der halben Höhe des Monte Tiberio, ihr weißen Strandrosen an dem Faraglioniweg, Ginster über der Bucht der Piccola Marina, wilde Erika am Solaro, Schwertlilien und Gladiolen in den Grundstücken unter der Punta Tragara, Rhododendren in dem verwahrlosten Garten einer verlassenen Villa bei der Certosa, Mimosen an der Mauer der Villa Mezzomondo, und im Garten der Villa Discopoli ein Gewühl von Rosen und Bougainvillien .. Und wenn auch für manche von euch vielleicht schon die Zeit der Fülle vorüber ist: eine letzte Blüte habt ihr mir offen gelassen zur Erinnerung an den Überschwang des Frühlings! .. Und ihr, meine Bäume, meine schwarzen Steineichen und meine grauen Oliven, ihr wißt es, wie oft ich euer ernstes und mildes Laub in die Ferne meiner nordischen Winter zauberte und über meinem Einschlafen eure Zweige flüstern ließ .. Und ihr, meine Wege, meine glühenden, gewundenen Mauerwege mit den lilafarbigen Schatten, mit dem Niedersturz der Geranien an jeder Biegung und den unerwarteten Treppen, auf denen die goldengrünen Eidechsen sitzen: ihr Wege zum Meer hinab und ihr Wege vom Meer herauf, in dem braunen Brand der Hänge, zwischen Wicken und Seerosen, o ihr Wege an Wänden rubinfarbener Kakteen entlang, auf grüne, tiefe Gärten mündend, ich komme, ich komme! Meine Füße sind ungeduldig bis sie wieder auf euren steinernen Fliesen hinauf- und hinabgehen, meine Arme breiten sich aus, bis sie wieder emporgreifen in den Purpur eurer hängenden Blüten und die weichen Büschel vor das glühende Antlitz pressen ..
Stimmen riefen von der Tiefe der Wassers, die Kähne der Fischer schaukelten in den blanken Höhlen der Wogen, die Hitze prallte von der blauen Flut zurück, als wir vor Anker gingen. Ich stand an der Treppe. Die nackten, braunen Schultern der rudernden Männer brannten im Licht.
»Signore! Signore! Buon giorno! Io! Io!«
»Buon giorno, Girolamo! Ritorno, ritorno!«