Und wieder das Flehen der Augen zu mir:

»Fahren wir heute mittag hinaus?«

Und dann ganz dicht vor meinem Munde, die Augen fast in meinen Augen:

»Wenn Sie fahren: nur ich! nur ich! Sie versprechen es: nur ich! ..«

O Jubel einer menschlichen Stimme! Leidenschaft im kleinsten Wort, göttliche Gesundheit und reinigende Kraft in diesen biegsamen Leibern! Wilde Männlichkeit: einfach und groß wie das Leben der Woge, die auf den Strand rauscht, wie das Brausen der Winde auf den steilen Garten bei Tag und bei Nacht ..

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Überall bekannte, lächelnde und grüßende Gesichter, als ich von der kleinen Piazza her die glatt gepflasterte Straße nach dem Gasthof hinunterschritt .. Am Fuß der kleinen Treppe, die ins Vestibül hinaufführt, dieselben bettelnden Kinder, die den roten Soldo gerne mit dem weißen Stück Zucker vertauschen, und in der Halle die liebgewordenen, vertrauten Dinge .. der gleiche dunkle Türhüter und die gleiche alte Korallenverkäuferin mit ihrem gebrannten und gefurchten Gesicht. Aber die Teppiche waren aufgenommen und die bunten Fliesen mit Wasser besprengt. Man gab mir zu ebner Erde Zimmer, die auf eine breite Terrasse mündeten und den Blick auf Garten und Meer hatten. Ich trat an das Geländer und versank im ersten Schauen .. Nein, es war kein Frühling mehr in diesem Bilde. Es war der Sommer, in seine höchste Kraft gesteigert, doch fern der dorrenden Öde, wie ich sie schon in den Blumengärten Palermos getroffen hatte. Hier war das Grün noch Grün und die Farbe der Blüten noch frisch, eine Lust, kein Fieber. Doch es war anders, als ich es je zuvor gesehen hatte .. Wo sonst an der hellen Mauer des Zitronengartens, hinter dem das Meer aufsteigt, die großen Kugeln der Sternblumensträucher sich weiß und gelb aus der Bläue wölbten, hing nun ein dichtes, rotes Rosengeschlinge, wo einst die bunten Inseln der Schwertlilien, Tulpen und blassen Federnelken im glänzenden Grün des weichen Rasens schimmerten, quollen nun die Beete von Heliotropen und Verbenen aus hartem Gras hervor, und der alte, hängende Eukalyptusbaum stand einsamer und herrischer im hellen Licht. Wie war das Licht auf allen Dingen verwandelt! Das Gold war verhärtet und das Blau verdichtet. Schärfer und deutlicher stand jedes einzelne Blatt in den Lüften, die sich weniger schmiegten und trockner brannten. Auch das Meer war anders: unsäglich still, hochaufstehend und dicht unter die breiten Wipfel der Feigenbäume gerückt, die über dem hellgrünen Weingerank des nachbarlichen Gartens ausgespannt lagen. Das Meer war gesättigt: schwer von der Frucht der Himmelsglut in der Tiefe seines Schoßes: dunkelblauer, warmer Wein in dem brennenden Pokal der roten Bucht. Kein Segel, kein fernes Schiff schwamm in den Weiten. Die Stille des Mittags – ein unbegreifliches Anhalten aller Atemzüge – stand brütend auf der funkelnden Flut. Es war kein Zittern in den Lüften über den vielen, weißen Villen, über all den vertrauten Gärten und Hügeln: es war ein langsames, glattes Niedersinken dichter, blauer Seidentücher, in denen das Netz der goldnen Fäden lief. Die Schatten in den Winkeln, in den Arkaden, über den Fensterbögen und Kuppeln lagen stumm, fast leblos: dicker, violetter Samt, mit den Händen zu fassen und fortzunehmen .. Da traf ein übersüßer Hauch meinen Mund: nicht länger als das Zucken eines Augenlids – und dennoch lang genug, um im Flug das andere, leichtere Frühlingsbild aufzuwecken und eine flüsternde, singende Bewegung in dieses Stillestehn zu zaubern. Ich lehnte mich rückwärts über die Brüstung und hob den Kopf nach den Balkonen über mir: Und siehe: da blühten noch die letzten silbernen Trauben der Glycinen, der angebeteten Glycinen, die an den Wänden niederstürzen und sich im Sturz in ihren eignen Atemzügen wieder auffangen. In hellen Sträußen hatten sie im Frühling auf meinem Tisch gestanden und ihren Duft über jeden Gedanken geworfen, der sich dort in der Stunde der Mittagsruhe zum Wort wandelte. Und nachts, wenn der Wind sich vom Meer aufmachte und in den Ästen wühlte, war auf der Welle des Mondlichtes ihr beruhigter Hauch bis auf das halbentschlafene Gesicht geweht, um den Träumen die Wege zu weisen ..

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Es hielt mich nicht länger: ich mußte hinüber in die Ölbaumhänge und dann auf steilem, gelbem Pfad am Rand der Klippe zu meiner Wiese hinauf. Nur eine sonnige Mauerecke noch hoch oben in Anacapri liebe ich ebenso wie diese schmale, kaum von Menschen betretene Trift die unter den Steinwänden der Punta Tragara liegt, zwischen Himmel und Meer, losgelöst von den Massen des Felsgestades, eine duftende, hellgrüne Wolke, auf der es sich leise über der nahen Erde hinschwebte .. Durch die silbernen Dünste der Frühe, durch den weichen Purpur des Abends und das smaragdene Licht der Mondnächte war ich auf dieser Wolke gefahren, nun kam ich zum erstenmal im hohen Mittag hastig und heiß den Mauerweg hinab gelaufen. Ich ließ den braunen Säulenhof der Certosa rechts liegen, streifte nur flüchtig die weiße Villa Carmela mit ihren scharlachsprühenden Granatbäumen und schlüpfte zwischen hohen Büschen in das Filigran der Ölbaumzweige, unter denen der kleine Erdpfad beginnt. Längst war das Lupinenfeld abgeblüht, hellgelbe Quasten hingen an den Kaktusblättern, zwischen fetten Halmen züngelten die dünnen Flammen der letzten Gladiolen, ein Teppich von goldenen Wicken deckte den Boden zur Rechten und zur Linken. Plötzlich wehte ein fremder Duft .. Salbei? Ich brach eine violette Staude und hielt sie an das Gesicht .. Es war nicht der Duft des Salbeis, den ich gewittert hatte. Meine Augen suchten, indes ich stehen blieb .. Da, und dort weiter hinauf und zwischen den schleifenden Ästen der Olivenbäume bis zur hellblauen Höhe hinan: Myrten .. Myrten .. Myrten, von Millionen weißer Flocken übersät, die ersten Myrten, die ich blühend sah. Ich kniete hin und bog das Gesicht über die schwarzgrünen Sträucher, ich fuhr mit leisen Fingern über die traumvollen, keuschen Blüten, die hoch auf den glühenden Felsen im Wind des Meeres ihr Leben erschlossen und ihren Duft zu den Göttern wehen ließen .. Solange der Weg noch aufstieg, liefen die Büsche mit am Rande empor, zwischen Thymian und Glockenblumen. Ganz oben aber, wo die Wiese an einer Baumpflanzung aufhörte, zog sich ein breiter Saum von blutendem Mohn. So lag ich im roten Dämmer der Schlafblumen, mitten im offnen Licht, und sah hinab auf das einsame Meer. Wo sonst der Schaum in flachen Halbkreisen an den Strand spülte, von Bucht zu Bucht, bis zur Piccola Marina und weiter hinaus zur Punta Ventroso, lag nun die Flut so still, wie wenn sie nie von Wind und weichem Getriebensein gewußt hätte. Da stand in metallenem Pfauenblau das verwischte Grün aller Türkisen und in diesem wieder die matten, ausgewaschenen Töne der Hortensia. Eine runde Lache schob sich langsam in die andere, wurde oval .. und trat wieder in die Form des Kreises zurück, ausgewechselt im Spiel der Farben, bald heller, bald dunkler aufleuchtend, flüssiger Achat. In der Ferne aber wuchs die Flut in den Himmel hinauf, der dunstlos, wolkenlos das unerbittliche Blau der Wölbung schloß. Die Augen fielen mir zu. Vor den Lidern begann ein leises, dunkelrotes Wogen. In den Schläfen sang das Blut.

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