Nach dem Essen wollten die Kinder schlafen, denn es war schon spät. Im Schlafzimmer standen zwei Betten, ein goldenes und ein silbernes. Der König legte sich in das goldene, die Prinzessin in das silberne Bett. Da fragte der Bruder: "Schwesterchen, wie gefällt dir das goldene Schloß?" Sie antwortete: "Schön ist es schon hier; wenn nur der Vater und die Mutter auch hier wären!" Der Bruder sagte: "Das möchte ich auch haben. Was werden die Eltern jetzt machen?" Die Schwester meinte: "Sie werden uns suchen und weinen, weil sie uns nicht finden können." "Ja," war des Bruders Antwort, "sie werden denken, der Wolf habe uns gefressen." Das konnte die Schwester nicht anhören. Sie fing an zu weinen. Da warnte der Bruder: "Nicht weinen, sonst fallen deine Tränen auf den Boden!" "Nein," sagte die Schwester, "ich hab' sie mit der Hand aufgefangen. Aber ich muß weinen." Nun wurde auch der Bruder ganz traurig. Auch er weinte einige Tränen. Doch die Tränen fielen in das Bett. Die Schwester fragte: "Wie lange willst du noch König bleiben? Ich will nicht mehr Prinzessin sein. Ich will heim!" Der Bruder sagte: "Ja, zu Hause bei Vater und Mutter ist es doch schöner!" Da ließen sie beide große Tränen auf den Boden fallen. Es donnerte, und die Kinder fielen aus den Betten.
Nun kamen die kleinen Männer wieder. Sie waren sehr traurig und brachten die Geschwister zurück zu der großen Tanne im Wald. Da schliefen Bruder und Schwester bald ein. Als sie die Augen öffneten, war es heller Tag, aber der rote Mantel und das himmelblaue Kleid Waren verschwunden.
Da kamen auch schon die Eltern. Die freuten sich sehr, ihre Kinder wieder zu haben. Die Geschwister waren ebenso froh und versprachen, nie mehr fortgehen zu wollen.
96. DIE KLEINEN MÜSSIGGÄNGER.
Drei Kinder sollten nach der Schule gehen, aber sie sprachen: "Was kann das Lernen helfen! Laßt uns in den Wald laufen; da spielen die Tierlein, und wir wollen mit ihnen spielen."
Als die Kinder nun im Walde waren, luden sie zuerst die Käfer zu ihrem Spiele ein. Da summten die Käfer um die Köpfe der Kinder, und der eine sprach: "Ich habe keine Zeit, ich muß Holz sägen!" Der andere sprach: "Ich muß ein Loch graben!" Noch andere riefen: "Wir müssen uns ein Hüttlein aus Gras bauen!"
Nun kamen die Kinder an einen Ameisenhaufen. Hier lief eine ganze Menge von Ameisen aus und ein. Jedes dieser winzigen Tierchen hatte etwas in seine Wohnung zu tragen; und wo es dem einen zu schwer ward, sprach es zum andern: "Komm', hilf mir!"
Die Kinder schlichen vorbei und fanden Bienlein auf den Blumen. Die waren so eilig und mochten gar nicht zu den Kindern aufsehen. Sie sammelten Honig und Blütenstaub und flogen dann flink davon.
Da hörten die Kinder einen Vogel singen. Es war ein Fink. "Du kannst so schön singen," riefen sie, "und hast auch gewiß Lust, mit uns zu spielen." Allein der Fink sagte: "Pink, pink! Flink, flink! Ich muß Mücken fangen für meine Jungen und dann die Kleinen in den Schlaf singen. Auch muß ich mich fleißig im Singen üben, damit ich dem Wanderer schöne Lieder vorsingen kann." Und fort war er.
Auf einmal rasselte es im Busche. Die Kinder erschraken. Eins sagte: "Wenn nur ein Eichhörnchen käme und mit uns spielte!" Da lief auch schon eines aus dem Busche und kletterte auf einen Baum. Es kicherte und rief: "Ich suche Knospen und Nüsse!" Die Kinder baten: "Komm' und bring' uns auch schöne Nüsse!" Aber das Tierchen zischte und knurrte nur.