Und Sagloba wischte sich die Tränen aus den Augen, Tränen aufrichtiger Freundschaft und — des Mitleids. Wenn es in seiner Macht gestanden, hätte er am liebsten in diesem Augenblick alles rückgängig gemacht, was er zwischen Christine und Michael gelegt hatte, und wäre der erste gewesen, der sie ihm in die Arme führte.

»Hör',« sagte er nach einer kleinen Pause, »sprich noch mit Christine, stelle ihr dein Leiden vor, deinen unerträglichen Schmerz, — sie müßte ein Herz von Stein haben, wenn sie sich deiner nicht erbarmen sollte. Aber ich habe das Vertrauen, daß sie gut handeln wird. Löblich ist es, den Schleier zu nehmen, aber nicht, wenn er aus Unrecht gewoben wird. Sag' ihr das, du sollst sehen ... Ei, Michael, heute weinst du, und morgen werden wir vielleicht zu deiner Verlobung trinken; ich bin gewiß, es wird so sein. Dem Mädchen ist bange geworden, und darum ist ihr der Schleier eingefallen; sie wird ins Kloster gehen, aber in ein Kloster, in dem du zur Taufe läuten wirst ... Vielleicht kränkelt sie auch wirklich ein wenig und hat uns nur vom Kloster gesprochen, um uns irre zu führen. Aus ihrem Munde hast du es doch nicht gehört, und wirst es auch, so Gott will, nicht hören. Ha, ihr habt ein Geheimnis miteinander gehabt, und sie wollte es nicht verraten und hat uns etwas vorgemacht, gewiß, sie hat uns etwas vorgemacht; so wahr ich lebe, es ist nichts anderes als eine Weiberlist!«

Saglobas Worte wirkten wie Balsam auf das gramerfüllte Herz des kleinen Ritters; die Hoffnung erfüllte ihn von neuem, die Augen füllten sich mit Tränen, er konnte lange Zeit kein Wort hervorbringen, erst, als er ihrem Strome wehren konnte, warf er sich Sagloba in die Arme und sagte:

»O, daß doch solcher Freunde viele auf Erden wüchsen! Wird es aber auch so sein, wie Ihr sagt?«

»Den Himmel holte ich für dich herunter, — es wird so sein! Oder nimmst du an, daß ich je falsch prophezeit hätte? Traust du meinem Witze, meiner Erfahrung nicht?«

»O, Ihr könnt Euch gar nicht vorstellen, wie ich dies Mädchen liebe! Nicht, daß ich jene Verstorbene vergessen hätte, alltäglich bete ich für sie, — aber auch an dieser hängt das Herz wie die Klette am Baum. Du mein Geliebtes! Wieviel habe ich dort in der Steppe morgens, abends, mittags an sie gedacht; am Ende begann ich gar zu mir selber zu sprechen, da ich keinen anderen Vertrauten hatte. Bei Gott, wenn ich einen Tataren verfolgte, dachte ich noch während der Verfolgung an sie!«

»Ich glaub's wohl! Mir ist vom Weinen über ein Mädchen mein Auge in der Jugend ausgeflossen, und wenn es auch nicht ganz ausgeflossen ist, so blieb doch nur ein Schimmer zurück.«

»Wundert Euch nicht, — ich komme an, ich atme kaum auf, und das erste Wort, das ich höre, ist — Kloster. Aber ich baue noch auf die Überredung und auf ihr Herz und Wort. Wie habt Ihr doch gesagt. Löblich ist es, den Schleier zu nehmen, aber ...?«

» — aber nicht, wenn er aus Unrecht gewoben wird.«

»Ein treffliches Wort! — Daß ich noch nie ein solches Sprichwort bilden konnte! Dort in den Grenzmarken wäre es eine schöne Zerstreuung. — Die Unruhe erfüllt mich ganz, und doch habt Ihr mir wieder Mut in die Glieder gegossen. In der Tat haben wir verabredet, daß die Sache ein Geheimnis bleibe; es ist also richtig, das Mädchen hat wohl nur zum Schein vom Schleier gesprochen ... Und noch ein wichtiges Argument habt Ihr angeführt, aber ich kann mich nicht mehr erinnern ... Nun ist mir bedeutend leichter.«