»So kommt zu mir, oder ich lasse hierher eine Flasche bringen. Das gibt Mut auf den Weg.«
Sie gingen und tranken tüchtig, bis der Morgen anbrach. Am Tage legte Michael gute Kleider an, gab seinem Antlitz Würde, rüstete sich mit allen Argumenten, die ihm selbst eingekommen waren, und die ihm Sagloba eingab, und ging so vorbereitet hinaus in das Speisezimmer, wo alles sich zum Frühstück zu versammeln pflegte. Von der ganzen Gesellschaft fehlte nur Christine, aber auch sie ließ nicht lange auf sich warten, denn kaum hatte der kleine Ritter zwei Löffel Suppe genossen, als durch die offene Tür das Rauschen eines Kleides hörbar wurde und das Mädchen in das Zimmer trat.
Sie kam eilig, fast gerannt, ihre Wangen glühten, ihre Augenlider waren gesenkt, in ihren Zügen lag Verwirrung, Zwang und Furcht. Sie trat an Wolodyjowski heran, reichte ihm beide Hände, aber sie hob die Augen nicht zu ihm auf, und als er mit Eifer ihre Hände zu küssen begann, wurde sie sehr bleich; sie konnte nicht ein Wort der Begrüßung hervorbringen. Sein Herz war ganz erfüllt von Liebe, von Unruhe und Entzücken bei dem Anblick dieses zarten Gesichts, das wie ein wundertätiges Bild seine Farbe beständig wechselte, in der Nähe dieser schlanken, lieben Gestalt, aus der ihm noch die Wärme des Schlafes entgegenströmte. Ja, sogar ihre Verwirrung und die Zaghaftigkeit, die sich in ihrem Antlitz malte, rührte ihn.
»Teuerste Blume,« dachte er in seiner Seele, »was fürchtest du dich? Ich würde ja mein Leben, mein Blut für dich hingeben ...«
Aber er sagte das nicht laut, er drückte nur seine Lippen so lange auf ihre atlasweichen Hände, daß rote Spuren auf ihnen zurückblieben.
Bärbchen, die alledem zusah, hatte absichtlich das Köpfchen in die Höhe geworfen, damit niemand ihre Rührung bemerke; aber es schenkte ihr in diesem Augenblick niemand Aufmerksamkeit, alle richteten ihre Augen auf das Paar, und es entstand ein peinliches Schweigen.
Michael war der erste, der es brach.
»Ich habe die Nacht in Trauer und Unruhe hingebracht,« sagte er, »denn alle habe ich gestern gesehen, nur Euch nicht, und man hat mir so schreckliche Dinge von Euch gesagt, daß mir das Weinen näher war als der Schlaf.«
Als Christine diese offene Rede hörte, wurde sie noch bleicher, so daß Michael einen Augenblick glaubte, eine Ohnmacht erfasse sie; darum sagte er schnell:
»Wir müssen noch darüber sprechen, aber jetzt will ich nicht weiter fragen, damit Ihr Euch beruhigen und erholen könnt. Ich bin ja kein Barbarus, kein Wolf, und Gott weiß, wie groß meine Zuneigung zu Euch ist.«